Friedhof Harburg
Frieda Cordes, geb. Kistner
3.8.1895 Harburg - ?
Stille Helferin: half in der NS-Zeit jüdischen Freunden
Bestattet auf dem Neuen Harburger Friedhof. Die Grabstelle wurde 2003 aufgelassen
Friederike (Frieda) Kistner, kam am 3.8.1895 in der Industriestadt Harburg an der Elbe zur Welt und heiratete 1922 den Schlosser Georg Cordes. Dass das junge Ehepaar bald eine Wohnung in der Kurzen Straße 1 (heute: Konsul-RenckStraße) beziehen konnte und dort die Geburt ihres Sohnes erleben durfte, war sicherlich ein besonderes Glück. Die neue Wohnung lag im so genannten Phoenixviertel, einem Wohnquartier, das in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts im Zuge
der rasanten Industrialisierung und der explodierenden Entwicklung der Einwohnerzahlen der Stadt praktisch aus dem Boden gestampft worden war.
Zu den Mitbewohnern des Hauses zählten die jüdischen Eheleute Hermann (*13.11.1878) und Elisabeth Goldberg, geb. Simon, (*16.5.1882) mit ihren drei Töchtern Erna (*13.1.1909), Reta (24.3. 1910) und Henny (26.7.1915), die vorher einige Jahre in Wilhelmshaven gelebt hatten. Hermann Goldberg war in Cieszkowice im damals österreichischen Galizien (heute: Ukraine) zur Welt gekommen und hatte dort auch seine Kindheit verbracht.
Frieda Cordes und Elisabeth Goldberg waren nicht nur einfache Nachbarinnen, sondern auch gute Freundinnen. Diese Freundschaft war für beide Familien in den Jahren der Weltwirtschaftskrise von unschätzbarem Wert und erwies sich in den Jahren nach 1933 als noch segensreicher. Am 28. Oktober 1938 gehörten Hermann und Elisabeth Goldberg mit ihren drei Töchtern zu den ca. 17.000 Juden polnischer Herkunft, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in das östliche Nachbarland abgeschoben wurden.
Während Reta und Henny Goldberg kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch nach England ausreisen konnten, mussten ihre Eltern und ihre Schwester Erna zwei Jahre später nach der Besetzung Polens durch deutsche Truppen in das völlig überfüllte Getto der Stadt Tarnow übersiedeln. Die Pakete und Briefe, die Frieda Cordes den Leidgeprüften in diesen Tagen schrieb und schickte, waren die einzigen Zeichen von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Als die `Aktion Reinhardt´, die Ermordung der polnischen Juden, im Frühjahr 1942 begann, brach der Kontakt ab.
Frieda Cordes hat die Briefe mit den verzweifelten Hilferufen und den nie ausbleibenden Dankesworten der vertriebenen Freunde aufbewahrt und nach dem Zweiten Weltkrieg den beiden Töchtern Reta und Henny Goldberg als private Zeugnisse der Erinnerung an ihre ermordeten Eltern übergeben.
Text: Klaus Möller
Johanna Günther, geb. Wassul
28.6.1876 Tilsit - 26.11.1949 Harburg
Stille Helferin: half in der NS-Zeit Zwangsarbeiterinnen
Grablage: H 1483
Johanne Wassul wurde am 28.6.1876 in Tilsit in der damaligen Provinz Ostpreußen des Deutschen Reiches geboren, wo sie die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Nachdem ihr Vater von seinem Dienstherrn, einem preußischen Adligen, entlassen worden war, weil er ihm nicht den nötigen Respekt erwiesen hatte, verließ die Familie ihre ostpreußische Heimat. Die Industriestadt Harburg an der Elbe war für sie offenbar der richtige Ort für einen hoffnungsvollen Neubeginn. Hier engagierte Johanne Wassul sich schon in jungen Jahren ehrenamtlich in der Heilsarmee, und hier heiratete sie später den Arbeiter Paul Günther.
Die jungen Eheleute fanden eine Wohnung in der Lassallestraße im Phoenixviertel der Stadt, in der drei Kinder ihnen bald Gesellschaft leisteten. Ein Sohn
starb allerdings schon bald nach seiner Geburt. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Johanne Günther in der nahe gelegenen Harburger Jutespinnerei und -weberei, in der auch viele vor allem aus Osteuropa verschleppte Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig, was die meisten Deutschen unberührt ließ. Nicht jedoch die 66jährige Johanne Günther. Sie blickte diese armseligen Geschöpfe nicht mürrisch oder gar feindselig an, wenn sie ihren Weg kreuzten, sondern schenkte ihnen ein freundliches Lächeln. Sie half ihnen, wann immer sie konnte, wenn es darum ging, einen Fehler auszubügeln, bevor der Werkmeister ihnen Sabotage unterstellte. Hier und wieder steckte sie ihnen unauffällig auch einen Apfel oder eine Scheibe Brot zu.
Ein besonders großes Herz hatte sie für die Russin Tamara Marková aus Taganrog am Asowschen Meer. Mit ihrer Herzensgüte war sie für die junge Russin eine `Babuschka´, ein Großmütterchen. Zweimal lud sie die mit ihrem Schicksal hadernde Kollegin sogar zu sich nach Hause ein, indem sie ihr half, sich bei den gelegentlichen Sonntagnachmittagsausflügen heimlich für eine Stunde von der beaufsichtigten Gruppe zu entfernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die beiden Frauen sich aus den Augen, aber die Erinnerung an Johanne Günther verblasste bei Tamara Marková in all den Jahren danach nie.
Als sie in hohem Alter im Mai 2003 als freier Mensch auf Einladung des Hamburger Senats noch einmal nach Harburg zurückkehrte, war es ihr größter Wunsch, das Grab ihrer Wohltäterin aufzusuchen und ihr aus ganzem Herzen für ihre einzigartige Menschlichkeit zu danken. Ein Grabstein mit der Inschrift `Johanne Günther, geb. Wassull, 28.6.1876 26.11.1949. Unvergessen in den Herzen vieler Zwangsarbeiterinnen 1942 1945´ erinnert heute an diese couragierte Harburgerin.
Text: Klaus Möller
Berta Marie Sophie Kröger geb. Bischoff
Foto: Staatsarchiv Hamburg
(24.9.1891 Hamburg - 14.1.1962 Hamburg)
Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft (SPD) von Oktober 1946 bis 1962
Urnenversand 1962 vom Ohlsdorfer Friedhof zum Neuen Harburger Friedhof.
Laut Auskunft der Verwaltung des Neuen Harburger Friedhofes soll Berta Kröger dort nicht bestattet sein. Es erfolgte dorthin jedoch 1962 ein Urnenversand (F640) vom Ohlsdorfer Friedhof aus
Einzelhändlerin, Hausangestellte. Von 1919 bis 1927 war sie Mitglied des Gemeinderates Wilhelmsburg, von 1919 bis 1921 Mitglied des Kreistages Harburg und von 1921 bis 1933 Mitglied des Preußischen Landtages, Wahlkreis Hannover-Ost.
Während der NS-Zeit und nach dem Zweiten
Weltkrieg führte sie am Vogelhüttendeich ein Brotgeschäft. Nach 1945 war sie Mitglied des Vorstandes des SPD-Bezirks Hamburg Nord-West, Mitglied des Bezirksfrauenausschusses Hamburg, Zweite Vorsitzende der Hamburger Arbeiterwohlfahrt und Kuratoriumsmitglied des Wilhelmsburger Krankenhauses. Von Oktober 1946 bis Januar 1962 war sie Bürgerschaftsabgeordnete, seit 1957 Mitglied des Präsidiums der Hamburgischen Bürgerschaft. Ihre politischen Schwerpunkte lagen in den Bereichen Gefängniswesen und Wiedergutmachung. Vierzehn Jahre agierte sie als Deputierte der Gefängnisbehörde.
Text: Dr. Rita Bake



© kulturkarte.de/schirmer
Marie Kroos
(10.2.1863 Harburg - 11.6.1955 Hamburg)
Stifterin, Frauenrechtlerin
Blohmstraße 20 (Wohnadresse)
Ehestorfer Weg 148 (Stift)
Marie-Kroos-Stift: Altenheim
Grablage: 1117/19f bei Familie Mergell
Geboren in der Harburger Blohmstraße 20, der Vater Kaufmann, gründete Marie Kroos 1903 den "Deutschen Evangelischen Frauenbund" in Hamburg, der sich u. a. um die Weiterbildung von Frauen aus der Arbeiterschicht, die Betreuung von Kindern werktätiger Mütter und um die Rechte der Frauen kümmerte. So entstanden eine Rechtsschutzstelle für "unbemittelte" Frauen und Weiterbildungskurse für Arbeiterinnen. Auch wurde 1906 das evangelische Kinderheim "Margaretenhort" in der Nöldekestraße erbaut.
Da Marie Kroos unverheiratet und
vermögend war - sie lebte mit ihrer Schwester in der Familienvilla - konnte sie sich ganz ihrem frauenpolitischen und karikativen Engagement widmen. Um die Not der Arbeiterschaft zu lindern, initiierte sie eine "Arbeiterinnenküche". Hier gab es für geringes Geld Frühstück und Mittagessen. Außerdem wurden eine Volks- und Jugendbibliothek, Schularbeitenhilfe und ein Gebrauchtwarenmarkt für Frauen aus der Arbeiterschaft eingerichtet.
Zwischen 1918 und 1933 war Marie Kroos Abgeordnete der Bürgerschaft. Sie wollte, dass Frauen mehr politischen Einfluss erhielten. "Als Leiterin einer Studienkommission befasste sie sich mit arbeitsrechtlichen Fragen, der Wohnungsreform und der Analyse des Jugendschutzes und der Jugendfürsorge. Um die Multiplikatoren des neuen Bildes einer selbstbewußten und selbstbestimmten Frau zu gewährleisten, setzten sich die Frauen [ des evangelischen Frauenbundes Harburg] für die weibliche Leitung an höheren Mädchenschulen und die bedingte Zulassung von Mädchen an höheren Knabenschulen ein." ( "Der Deutsche Evangelische Frauenbund Harburg" ein Bericht von Frau Ettinger aus dem Jahre 1953).
Im Alter von 70 Jahren legte Marie Kroos den Vorsitz im Deutschen Evangelischen Frauenbund Harburg nieder. Während der NS-Zeit lebte sie sehr zurückgezogen. Nach Ende des Krieges hatte sie ihr Vermögen verloren, ihr Haus war abgebrannt. Von nun an lebte sie bei ihren Verwandten, der Familie Thörl.
Zeit ihres Erwachsenen Lebens hatte Marie Kroos davon geträumt, einmal ein Damenstift zu gründen für kulturell und sozial engagierte Frauen des Bürgertums. Doch es standen immer wieder andere dringlichere soziale Aktivitäten auf dem Plan. 1948 beschlossen Frauen des Deutsch Evangelischen Frauenbundes, Marie Kroos ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Es wurde zwar kein Damenstift gegründet, dafür aber ein Altersheim, für das Marie Kroos den Rest ihres Vermögens gab. 1955 wurde das Marie-Kroos-Stift eingeweiht, drei Monate später starb Marie Kroos.
Text: Rita Bake
Klara Laser, geb. Rungwitz
11.3.1877 - 26.3.1969 Harburg
Stille Helferin: nahm in der NS-Zeit 1942 einen jüdischen Waisenjungen auf
Grablage: K 1437. Die Grabstelle wurde 2013 aufgelassen
Klara Laser, geb. Rungwitz, (*11.3.1877 - 26.3.1969) war mit dem erfolgreichen Harburger Kaufmann Salomon (Sally) Laser verheiratet, der in jungen Jahren das renommierte Geschäft `J. Weinthal´ für Herren-, Knaben- und Berufsbekleidung an der Ecke Lüneburger Straße/ Sand in der Harburger Altstadt übernommen hatte. Privat bewohnten die beiden Eheleute mit ihren drei Kindern Margarete (*19.6.1908), Kurt (*9.12.1912) und Ilse (*10.9.1916) ein kleines Haus im Langenberg 12 in Appelbüttel vor den Toren der Stadt. Alle drei Kinder erhielten kurz nach ihrer Geburt in der Ev.-Luth.
Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße wie ihre Mutter das Sakrament der Taufe.
Nach 1933 blieb die Familie nicht von schwerwiegenden Veränderungen verschont.Sally Laser war Jude, und der Boykott-Aufruf des Harburger Magistrats und der Harburger NSDAP betraf auch sein Geschäft. Der Druck verschärfte sich in den folgenden Jahren vor allem nach der Verkündung der `Nürnberger Gesetze´, durch die Ehen zwischen `Nichtariern´ und `Ariern´ zu `Mischehen´ und die Kinder dieser Eheleute zu `Mischlingen´ erklärt wurden. Angesichts dieser Zuspitzung der Lage entschieden Kurt und Ilse Laser sich zur Emigration in die USA und nach Spanien. Kurz vor dem Auswanderungsverbot für Juden im Oktober 1941 gelang auch ihrem Vater noch die Flucht nach Kuba, nachdem er sich vorher von seinem Geschäft hatte trennen müssen.
Seine Frau und seine Tochter Margarete blieben in Harburg zurück. Heute lässt sich nicht mehr klären, welche Beweggründe für Klara Laser im Herbst 1942 ausschlaggebend dafür waren, in dieser sowieso schon nicht ganz ungefährlichen privaten Situation noch ein zusätzliches Risiko einzugehen und ein jüdisches Waisenkind bei sich aufzunehmen. Helmut Wolff war damals sechs Jahre alt. Seine Mutter Anna Maria Kugelmann, geb. Wolff, und ihr Mann Robert Donald Kugelmann sowie seine Großeltern Gottfried und Lydia Wolff hatten sich am 18. und 19. Juli 1942 kurz vor ihrer angeordneten Deportation nach Theresienstadt das Leben genommen, was der Junge damals noch nicht wusste. Seine Mutter hatte ihn vor ihrem Freitod in den Sommerferien guten Freunden in Potsdam anvertraut, und von dort führte seine Odyssee über zwei weitere Familien zu Klara Laser in HamburgAppelbüttel. Sie war für Helmut Wolff eine Ersatz-Großmutter. Sie schottete den Jungen nicht hermetisch von der Außenwelt ab, sondern meldete ihn unerschrocken beim Einwohneramt und in der Schule als uneheliches Kind ihrer Tochter Margarete an.
Mit seinem zunehmenden Alter und seinem regelmäßigen Kontakt zu Gleichaltrigen wuchsen auch die Probleme, die Helmut Wolff in Appelbüttel auslöste. Doch Klara Laser stellte sich der Herausforderung auch in höchst brenzligen Situationen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war für beide für Klara Laser und für Helmut Wolff - eine Erlösung. Für Klara Laser ging es nach der glücklichen Rückkehr ihres Mannes aus dem Exil in erster Linie darum, ihm zur Seite zu stehen und seinen beruflichen Neubeginn nach Kräften zu fördern, während Helmut Wolff den weiteren Teil seiner Kindheit und Jugend in der Familie Margarete Lasers verbrachte, die nach dem Ende des NS-Zeit frei in der Wahl ihres Ehepartners war.
Text: Klaus Möller

Photo: privat


© kulturkarte.de/schirmer
Elisabeth Ostermeier
(9.5.1913 Kanzlerhof/Landkreis Harburg, gest. 6.12.2002 Hamburg)
Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft 19946-1978
Grabstätte: 2U 1337
32 Jahre war Elisabeth Ostermeier Bürgerschaftsabgeordnete und schied im Alter von 65 Jahren nur aus, um - wie sie sagte - "etwas mehr Freizeit zu haben". Davon war kaum etwas zu spüren. Als 81jährige war sie ständig auf Achse, machte weiter örtliche Parteiarbeit und war in der Seniorenarbeit höchst aktiv.
Als Elisabeth Ostermeier im Alter von 33 Jahren in die Bürgerschaft eintrat, waren ihre Kinder gerade mal sechs und acht Jahre alt. (geb. 1938 und 1940). Neben ihrer Arbeit als Hausfrau und Mutter war die gelernte Verkäuferin 20 Jahre als Sachbearbeiterin für Frauenfragen und Hausgehilfinnen für das Bundesgebiet bei der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten tätig und 16 Jahre (1954-1970) geschäftsführendes Bundesvorstandsmitglied dieser Gewerkschaft im Zuständigkeitsbereich Frauen, Jugend, Berufsausbildung.
Eine berufliche Karriere, die sich finanziell später auch auf ihre Rente auswirken würde, war bedingt durch ihren jahrzehntlangen Einsatz für die Bürgerschaft nicht möglich. Da die Honorierung für die geleistete Arbeit in der Bürgerschaft eine reine Aufwandsentschädigung ist, musste Elisabeth Ostermeier mit einer nicht gerade üppigen Rente auskommen.
An Elisabeth Ostermeier zeigt sich, dass diese in Hamburg praktizierte Form der Aufwandsentschädigung für eine Bürgerschaftstätigkeit besonders Frauen sehr hart treffen kann. Denn viele Frauen sind aufgrund ihrer Mutter- und Hausfrauenarbeit kaum noch in der Lage, neben der politischen Arbeit im
Erwerbsleben gut dotierte Stellen zu bekommen. Vollzeitarbeit, die also notwendig wäre, um später eine ausreichende Rente zu haben, ist oft eben so wenig zu erlangen wie zu bewältigen.
Hinzu kommt noch, dass viele Frauen durch Kindererziehungszeiten keine kontinuierliche Berufslaufbahn vorweisen können. Wer neben der Tätigkeit als Abgeordnete "nur" Hausfrau und Mutter ist, kann später, trotz langjähriger politischer Arbeit in der Bürgerschaft, über keine eigene Rente verfügen.
Elisabeth Ostermeiers politischer Weg begann im Alter von 13 Jahren, als sie Mitglied der Falkenbewegung und der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend) wurde. 1931 trat sie der SPD bei - wurde in der NS-Zeit politisch verfolgt und inhaftiert. Elisabeth Ostermeiers Hauptinteressen lagen auf den Gebieten der Sozialpolitik und des Arbeitsrecht. Mehrere Jahre hindurch war sie Deputierte der Arbeits- und Sozialbehörde, bis die Deputierten Tätigkeit für Bürgerschaftsabgeordnete eingestellt wurde. Auch gehörte sie dem Bauausschuss an, musste dieses Amt aber wegen Überlastung aufgeben. Im Zentrum ihrer parlamentarischen Arbeit standen jedoch vor allem Jugendfragen, ein Bereich, den sie auch beruflich berührte; Mit fast 60 Jahren war sie noch im Vorstand der Gewerkschaft NGG hauptamtlich für die Jugend tätig.
Elisabeth Ostermeier widerfuhr ein typisches Mädchenschicksal. Mit 14 Jahren verließ sie die Schule und wurde in den nächstbesten Beruf gesteckt, weil es nichts anderes gab. Geld war nur für eine Ausbildung vorhanden, und die bekam ihr Bruder. Elisabeth Ostermeier wäre gern Lehrerin geworden, musste aber stattdessen Verkäuferin in einem Schlachterladen werden. Nach absolvierter Lehre verließ sie den Schlachterladen und fuhr als Brotfahrerin täglich ab fünf Uhr morgens auf den Vierländer Deichen. Mit den Broten begann auch ihre "konspirative Karriere" gegen das NS-Regime. Als die Nationalsozialisten zwischen ihren Broten Flugblätter mit Aufrufen gegen den Gewaltterror fanden, kam sie gemeinsam mit ihrem Mann, den sie 1935 geheiratet hatte, für fast ein Jahr ins Gefängnis.
Als 1946 Hamburg als erstes Bundesland wieder ein Parlament einberief, war Elisabeth Ostermeier mit dabei. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie zwei kleine Kinder, Sie war zwar an Politik interessiert, doch in der parlamentarischen Arbeit ein Neuling. " Das war der Zeitpunkt, wo Frauen alle Chancen hatten. Ich glaube, wir Frauen hatten damals sogar ungeheuren Mut, denn was in unserem zerstörten Land wieder herzustellen war, verlangte die Kraft von Sisyphus-Wesen, die nicht zu erschüttern sind, immer und immer wieder von vorn anzufangen." Die Wiederaufbauphase begann auch für die Bürgerschaftsabgeordneten unter schwersten Bedingungen. Sie saßen im eiskalten Rathaus, waren hungrig, wussten selbst nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollten, waren aber von der großen Hoffnung durchdrungen, mit vereinten Kräften etwas Neues zu schaffen. "Da fragte keiner, ob Frauen logisch genug und beständig genug fürs politische Handwerk seien - wir waren da, und wir packten mit zu. Wir lernten, weil wir mitdachten, mithalfen, mitredeten.
Aber dann kamen die Männer wieder nach Hause. Und viele Frauen traten bescheiden zurück, weil sie sich sagten: Nur so helfen wir dem seelisch zerstörten Heimkehrer. Hat er seinen Job zurück, fühlt er sich wieder als Mann. Doch letztlich habe ich nie akzeptiert, dass es nicht Aufstände gab, wenn auch die leitenden Positionen so mir nichts, dir nichts zurückgefordert wurden." Diese lethargische Verhalten der Frauen erklärte sie sich folgendermaßen: "Die Frauen vertrauen nicht wirklich auf ihre eigenen Fähigkeiten. Für sie verbindet sich mit dem Manne die Vorstellung, von Sicherheit. Ohne ihn flattern sie. Der Mann schafft Beruhigung - als Vater, als Bruder und auch als Meister im Betrieb. Eine Frau an der Spitze wollten sie noch nicht; deren Ängste kennen sie zu gut."
Auch für die wenigen Frauen in der Politik wusste Elisabeth Ostermeier eine Erklärung: "Dies komplizierte Nebeneinander von Beruf, Familie und Abgeordnetendasein schaffen die meisten nicht. Da bleibt den Frauen am Ende nur Zorn, weil die Männer kaum helfen, die Dreifachkombination zu erleichtern. Sie erwarten, dass wir genauso oft in Parteiversammlungen sitzen, den Kassierer spielen, als Hausfrau nicht versagen und auch als Frau noch was hermachen. Da müssen die Männer noch Fairness lernen." Elisabeth Ostermeier schimpfte auch über einen Bericht in der "Welt am Sonntag" unter dem Titel: "Gesucht: junge Politikerinnen". Elisabeth Ostermeier: "Wir Frauen sollen hübsch sein, jung und außerdem noch klug, wenn wir in die Bürgerschaft einziehen wollen. Wer fragt eigentlich bei den Männern nach gutem Aussehen? Die meisten unserer Rathauskollegen sind wahrhaftig auch nicht einem Adonis gleich."
Elisabeth Ostermeier schaffte die parlamentarische Arbeit nur deshalb, weil sie einen Mann hatte, "der alles voll unterstütze; ohne ihn wäre nichts". Er kümmerte sich um den Haushalt und versorgte die Kinder, wenn sie unterwegs war.
Elisabeth Ostermeier hat mit ansehen müssen, wie wenige Frauen den Weg in die Politik schafften oder politische Laufbahnen durchhielten. "Wenn Frauen was schaffen, sind Männer empfindlich. Im Nachhinein denke ich manchmal, man hätte sie überrennen sollen mit der eigenen Tüchtigkeit. Bei Sitzungen abends stöhnten die Herren, dass sie seit morgens um acht aus dem Haus seien. Das war ich auch. Nur da hatte ich bereits den ganzen Haushalt versorgt. Trotzdem dachte ich stets, halt den Mund, lass ihnen die Rolle der Geplagten."
Als Elisabeth Ostermeier ihr Bürgerschaftsmandat wegen Alters niederlegte, hatte sie sich keine Pfründe in diesen Jahren geschaffen. Sie besaß keinen Aufsichtsratsposten, kein lukratives Amt - im Gegensatz zu ihren Mit-Bürgerschaftsabgeordneten, mit denen sie gemeinsam 1946 in die Bürgerschaft eingetreten war: "Eigentlich sollten wir Frauen es auch niemals lernen - dies Pokern um materielle Vorteile. Wir sollen bei den Werten bleiben, die wir für richtig halten." Einmal - 1974- fragte sie der damalige Bürgermeister Peter Schulz, ob sie nicht Senatorin werden wolle. Dies wäre nicht nur Anerkennung ihrer politischen Laufbahn gewesen, sondern hätte auch ihre Rente verdoppelt. Doch Elisabeth Ostermeier entschied sich nach dem Ausscheiden aus der Bürgerschaft für ihr Privatleben.
Text: Dr. Rita Bake