Jüdischer Friedhof Ilandkoppel



Quelle: http://info-netz-musik.bplaced.net/?p=12815
Eddy Beuth
(Eddy Beuth, geb. Marie Cohn; verh. + verw. Sohm, gesch. Sack und verw. Ar(o)nheim)
7.5.1872 Breslau (ehem. Schlesien; heute: Wroclaw/Polen) - 16.12.1938 Hamburg
Textautorin, Schriftstellerin, Drehbuchautorin
Grablage: M 3-162. Auf dem Grabstein steht: Marie Aronheim, geb. Cohn
Marie Cohn alias Eddy Beuth wurde als Tochter des jüdischen Technikers Isidor Cohn (geb. 1841) und seiner Frau Frida (geb. Vogel, verstorben 1920) im damaligen Breslau/Niederschlesien geboren. Für ihre Veröffentlichungen - Liedtexte, Beiträge für Zeitschriften und Bücher - verwendete sie jedoch zeitlebens das Pseudonym Eddy Beuth. Vermutlich wählte sie, wie viele Frauen ihrer Zeit, ein androgyn klingendes Pseudonym in der Hoffnung, auf diese Weise ihren Beruf ohne Vorurteile ausüben zu können und leichter Anerkennung zu finden. Das Chanson begann sich gerade in Deutschland zu etablieren als Eddy Beuth ihre Arbeit als Textautorin mit den bedeutendsten Komponisten des Genres aufnahm Die Schauspielerin und (Chanson-)Interpretin Evelyn Förster (geb. 1955) hat die Lebensgeschichte Eddy Beuths zu ihrem Buchprojekt "Die Frau im Dunkeln" angeregt [1]. Von ihr erfahren wir, dass Eddy Beuth ihre Liebe zur Literatur schon als Backfisch entdeckt habe, wie diese selber schrieb: "Ich dichtete in meinen Mußestunden zu Hause. Die Lieder einer Verlorenen, einer Verlorenen, wie ich sie mir mit 15 Jahren vorstellte; ich glaube, die Mädels in der Friedrichstrasse hätten sich totgelacht, wenn sie ihr Spiegelbild in meinem Gedichtbuch gelesen hätten. In einem Jour, den ausschließlich vornehme, alte Damen besuchten, auch meine Mutter war anwesend, trug Mirjam Horwitz [2],
auch ein kleines Mädchen damals, diese überhitzten Verse vor. Wir hatten es uns so schön gedacht, daß die vornehmen alten Damen durch unsern beredten Mund das soziale Elend der Dirnen kennen lernen sollten. ( ... ) Die vornehmen alten Damen zeigten keinerlei Verständnis für diese Abart des ,sozialen Elends', erst rückten und rutschten sie verlegen auf ihren Stühlen, beim zweiten Gedicht schickten sie ihre erwachsenen Töchter 'raus, beim dritten Gedicht gab mir meine Mutter eine schallende Ohrfeige (Eddy Beuth: Cabaret und ich. Cabaret-Tanz-Revue, ohne Jahresangabe, zitiert von Evelyn Förster 2013, S. 57/58).
Auf einem Vereinsfest sei sie dem Komponisten Rudolf Nelson mit den Worten "dieses Fräulein dichtet auch", vorgestellt worden, berichtet Evelyn Förster weiter. Sein erster Besuch bei Eddy Beuth habe damit geendet, dass er eines ihrer Gedichte vertonte:
Reichst Dein Mäulchen mir zum Kuß,
Daß ich nicht mehr grolle,
Weißt's daß ich Dich lieben muß,
Süsse, kleine Tolle.

1902 wurden "Die Lieder einer Verlorenen" in der Publikation "Liebeslieder Moderner Frauen. Eine Sammlung" von Paul Grabein" im Berliner Verlag von Hermann Costenoble veröffentlicht. Das Chanson begann sich gerade in Deutschland zu etablieren, als 1904 Eddy Beuths Zusammenarbeit mit den bedeutendsten Komponisten, die sich diesem Genre verschrieben hatten, begann. Dies waren, um einige zu nennen: Rudolf Nelson, Ludwig Friedmann, Martin Knopf, Siegwart Ehrlich oder Erich Ziegler. Bis heute bekannte Diseusen wie Claire Waldoff, Elly Leonard, Käthe Erlholz, Fritzi Massary und Erika (Elli) Glässner interpretierten Chansons, deren Texte von Eddy Beuth geschrieben waren (Förster 2013, S.59).
Eine intensive, über Jahre dauernde Zusammenarbeit mit Rudolf Nelson begann ebenfalls 1904. Er leitete das Cabaret "Roland von Berlin" in der Potsdamer Straße, sie schreib Couplets für seine Bühnenshows. Ab 1907
schloss sich ihre ständige Mitarbeit im ebenso noblen wie mondänen Berliner Nachtclub "Chat Noir" in der berühmten Passage, der Kaisergalerie, zwischen Unter den Linden und Friedrichstraße an. Dort hatte die Revue "eine besondere Note, die das Verlangen eines Großstadtdurchschnitts nach leichter, halb sentimentaler und halb frivoler Musik traf. Das Talmikavaliertum einer aufsteigenden, smarten Geschäftswelt und ihre kesse, hundeschnäuzige, doch kitschig verbrämte ‚Erotik' fand den rechten Ausdruck" (Max Herrmann Neiße, zitiert in Förster 2013, S. 60f.).
1907 textete Eddy Beuth auch für das in Wien gegründete Kabarett "Die Hölle" unter anderem das Lachchanson "Nach dem Balle". Ihre gepfefferten "erotisch-gewagten oder satirisch üdeutlichen Texte wurden gekonnt graziös, lebendig, ausdrucksvoll, mit soviel mimischen Einfällen in Szene und Musik gesetzt", dass sie zu stürmischem Beifall führten (vgl. Förster 2013, S.60 f.).
Von 1906 bis 1931 publizierte sie in Zeitschriften wie Berliner Leben und diversen Verlagen. Zudem war Eddy Beuth ab 1918 als Drehbuchautorin tätig. Ihr Werk kann der expressionistischen Phase des Stummfilms zugeordnet werden. 1920 wurde an der Komischen Oper in Berlin die Operette "Die Frau im Dunkeln" uraufgeführt: "Für die Musik zeichnete der Komponist Siegfried Schulze verantwortlich, die Texte verfassten Erich Urban und Eddy Beuth. In einer Rezension aus dem Jahr 1920 in dem Gesellschaftsblatt "Elegante Welt", wurden jedoch nur die Protagonisten Erich Urban und Siegfried Schulz sowie Trude Hesterberg als Hauptdarstellerin, nicht aber Eddy Beuth erwähnt (Förster 2013, S. 62).
Im Laufe ihres Lebens verwendete bzw. trug sie verschiedene Namen und Namensvarianten wie Marie Vogel. Den Geburtsnamen ihrer Mutter hatte sie wohl durch die Adoption nach dem frühen Tode der Mutter durch ihren Onkel Josef Vogel erhalten (vgl. Eddy Beuth, Personendaten in: Lexm.uni-hamburg.de). Auch Doppelnamen während ihrer drei Ehen - wie Beuth-Sohm oder Beuth-Sack - sind in den Adressbüchern zu finden. Darüber hinaus änderten sie und ihr dritter Gatte ihren jüdisch-klingenden Namen Aronheim um in "Arnheim". Eddy Beuth alias Marie Cohn war dreimal verheiratet und ist zweimal verwitwet. Anfang des 20. Jahrhunderts heiratete Beuth den Theater-Oberinspektor [3] Fritz Sohm. Nach dessen Tod im Jahre 1909 verband sie sich fünf Jahre später dem Verleger und Schriftsteller Hermann Karl Otto Sack (geb. 1886). Am 27. Mai 1918 wurde diese Ehe geschieden, woraufhin sie am 1. März 1919 den Bankbeamten Fritz Magnus Aronheim (1874-1928) ehelichte.
"Eddy Beuth war inzwischen 56 Jahre alt, und als im Jahr 1930 der dritte Mann ihrer Schwester, der Hamburger Industrielle Siegmund Freund (ehemals Geschäftsführer der Ges. f. Eisenbahn-Draisinen) verstorben war, zog sie zu ihrer Schwester nach Hamburg, wo sie bis zu ihrem gemeinsamen Tod zusammenlebten. Das Geschwisterverhältnis muss, ähnlich dem in ihrem Roman "Sehnsucht nach Glu?ck" beschriebenen, sehr intensiv gewesen sein. Immer wieder kreuzten sich die Biographien (...). Es gibt ein Chanson u?ber schwesterliche Seelenverwandtschaft; beide waren dreimal verheiratet und beide hatten keine Kinder.
Der letzte Lebensabschnitt war für die jüdischen Schwestern überschattet von den zunehmenden antisemitischen Repressalien. Die Gesetze der Nationalsozialisten führten auch für Eddy Beuth 1938 zum endgültigen Berufsverbot als Schriftstellerin. In der Pogromnacht im November 1938 fanden die Angriffe gegen Juden auch in Hamburg einen neuen Höhepunkt. Eine Synagoge wurde angezündet und der jüdische Friedhof geschändet, es wurden Scheiben eingeschlagen und Juden willkürlich verhaftet. Viele ältere Juden sahen nur noch in der Selbsttötung einen Ausweg. In einem ihrer der letzten Briefe schrieb Lisbeth Margot Freund: "Gebe Gott Dir die Stärke, die uns fehlt, um all das zu überstehen, was über uns verhängt ist". Als sie das schrieb, hatten sich die Schwestern bereits Gift besorgt. Am 16. Dezember 1938 wurden ihre Leichen aufgefunden. Der kurze Abschiedsbrief war datiert auf den 14. Dezember: "Hiermit erklären wir, dass wir unserem Leben freiwillig ein Ende gemacht haben. Frau Lisbeth Freund. Frau Marie Aronheim."
Der Nachlass wurde entsprechend dem Wunsch der Toten an Freunde und Verwandte verteilt, ein Rest wurde versteigert. Eine Kiste mit Manuskripten von Eddy Beuth wird nur in einem Protokoll erwähnt und taucht
dann nicht mehr auf. Der Verbleib ist ungeklärt. Einige Fotos wurden vererbt, die neue Besitzerin deportierten die Nationalsozialisten 1942 nach Theresienstadt, wo sie 1943 ums Leben kam. So wie sie wurden viele Freunde und Verwandte von Eddy Beuth ermordet.
Das Grab von Marie Aronheim alias Eddy Beuth und ihrer Schwester Lisbeth Margot Freund befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg" (Recherchen von Jörg Engelhardt, zitiert aus Förster 2013, S. 65 - 67).
Am 29. Oktober 2014 sind vor dem Haus in der Eppendorfer Landstraße 28, in dem die Schwestern zuletzt lebten, Stolpersteine gelegt worden (stolpersteine-hamburg.de). Die Initiative hierzu kam von der Berliner Sängerin und Schauspielerin Evelin Förster und dem Museologen Jörg Engelhardt.
Text: Cornelia Göksu
Quellen:
1 Evelin Förster: Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935. Eine Kulturgeschichte. Mit Textbeiträgen von Anja Köhler und Jörd Engelhardt. Berlin 2013; mit einem umfangreichen, sorgfältig recherchierten Werkverzeichnis und Abbildungen von S. a206-217 = Förster 2013
2 Mirjam Horwitz (1882-1967) leitete zusammen mit ihrem Ehemann Erich Ziegel (1876-1950) bis 1926 die Hamburger Kammerspiele am Besenbinderhof , zur damaligen Zeit eine der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen außerhalb von Berlin.
3 Verantwortlicher Koordinator von Bühnen- und Lichttechnik sowie allen Abläufen rund um die Theatervorstellung.
Emilie Bieber
© kulturkarte.de/schirmer

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_Bieber
26.10.1810 Hamburg - 5.5.1884 Hamburg
Photographin
Grablage: Grab: A 12-29
Nach alten Stadtplänen befand sich das Haus mit der Hausnummer 26 an der Ecke Große Bäckerstraße / Börsenbrücke . Am 16. September 1852 eröffnete Emilie Bieber in der Großen Bäckerstraße 26 ein daguerreotypisches (photographisches) Atelier, welches sich hoch oben unter dem Dach des Hauses befand. In dieser Frühzeit des Mediums Photographie arbeiteten fast ausschließlich Männer in diesem Metier. Der Beruf der Photographin entwickelte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Emilie Bieber war eine der ersten Berufsphotog
raphinnen ihrer Zeit. Doch ihre Geschäfte gingen schlecht. Deshalb suchte sie Rat bei einer Wahrsagerin, die ihr eine rosige Zukunft vorhersagte. Emilie Bieber überwand die geschäftliche Durststrecke und avancierte in den folgenden Jahren zu einer erfolgreichen Portraitphotographin, deren Spezialität handkolorierte Portraits waren. Am 31. Oktober 1872 ernannte Friedrich Karl, Prinz von Preußen sie zu seiner Hofphotographin. Im selben Jahr verlegte die Unverheiratete ihr Atelier in ein repräsentatives fünfstöckiges Haus am Neuen Jungfernstieg 20 und bestimmte ihren Neffen Professor Leonard Bieber (1841-1931) zu ihrem Nachfolger. Er führte das Atelier ab 1885 zu Weltruhm und eröffnete um 1892 eine Filiale in Berlin.
Text: Dr. Rita Bake

© kulturkarte.de/schirmer
Julie Eichholz
(Julie Josefine Catharina Eichholz geb. Levi)
22.3.1852 Zweibrücken - 24.12.1918 Hamburg
Frauenrechtlerin
Grablage: Grabstätte: C9-202
Von 1900 bis 1904 hatte die mit einem Juwelier und Uhrenhändler verheiratete Julie Eichholz den Vorsitz der Ortsgruppe Hamburg des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" (ADF). So wie Helene Bonfort gehörte auch sie dem gemäßigten Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung an. Ihr Hauptbetätigungsgebiet war der Rechtsschutz. Sie war Erste Vorsitzende der
Rechtsberatungsstelle der Ortsgruppe Hamburg des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins". In dieser Eigenschaft mietete sie im Haus Brandsende 5 die Räumlichkeiten für die 1896 vom ADF gegründete Rechtsberatungsstelle. Hier wurde "von Frau zu Frau beraten". "Die beratenden Frauen mußten sich dafür eigenständig und unabhängig von einer Ausbildungseinrichtung in wichtige juristische Fragen einarbeiten, um kompetenten Rat zu erteilen. Bis 1908 durften Frauen in Preußen nur mit Ausnahmegenehmigung studieren, und in Hamburg selbst gab es bis 1919 noch keine Universität. Aufgrund dieser Situation konnten nur wirtschaftlich unabhängige bzw. nicht auf Erwerbsarbeit angewiesene Frauen in der Rechtsberatung tätig werden, da nur sie die entsprechende Zeit für das Selbststudium erübrigen konnten. Die Beratung ‚von Frau zu Frau' korrespondierte daher mit einer Beratung von ‚Bürgerin zu Arbeiterin'." A) In Laura Bromberg (15.12.1852-20.12.1927 Hamburg) hatte Julie Eichholz eine kompetente zweite Vorsitzende. Der "Hamburger Correspondent" schrieb über ihre Tätigkeit in der Rechtsberatung. "Hier tätig zu sein, hier mit jener scharflogischen, und in aller Wirrnis der meist mit bedeutend mehr Breitschweifigkeit als Klarheit von den Klientinnen (aller Gesellschaftsschichten) vorgetragenen Klagen, den Kernpunkt erkennenden Art der Sache auf den Grund zu gehen und ihren Schützlingen mit weitsichtigem, lebenserfahrenem Rat und Tat beizustehen, war ihr selbstverständliche, liebgewordene Pflicht."
Julie Eichholz war zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Laura Bromberg und der Oberin des Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf, Hedwig von Schlichting (29.10.1861 Berlin - 14.11.1924 Hamburg) auch im Vorstand der " Stellenvermittlung für weibliches Hauspersonal " mit Sitz in der ABC-Straße 57, welche auf Anregung der Ortsgruppe Hamburg des ADF gegründet worden war, um den damals bestehenden Mangel an Dienstboten zu beheben und eine "Hebung des Dienstbotenstandes" zu erreichen. Um Letzteres voranzutreiben, wies die Stellenvermittlung Arbeitgeberinnen auf ihre Vorbildfunktion hin. Die Mitglieder der Stellenvermittlung waren meist Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber (1907 ca. 4000 Mitglieder). Ihnen war daran gelegen, "ordentliche" Dienstmädchen einzustellen. Deshalb erhielten Dienstbotinnen die Möglichkeit, sonntags zwischen 17 und 22 Uhr die "Sonntäglichen Heimstuben" zu besuchen. Dort gab es eine kleine Bibliothek. Im Winter wurde "gesellige, ernste und heitere Unterhaltung" geboten, im Sommer monatlich einmal ein Ausflug unternommen und jeden Donnerstag zwischen 20 und 22 Uhr ein Gesangsabend veranstaltet.
1902 gründete Julie Eichholz den "Verband Norddeutscher Frauenvereine", dem zunächst siebzehn Frauenvereine angeschlossen waren und dem Julie Eichholz bis 1912 vorstand, sowie 1904 den "Hamburger Hausfrauen Verein" (HHV). Er war aus der "Stellenvermittlung" hervorgegangen und hatte deshalb auch seinen Vereinssitz in der ABC-Straße 57, später dann in der Moorweidenstraße 5.
1904 kam es zwischen Julie Eichholz und Helene Bonfort zu einem schweren Zerwürfnis. U. a. hatte Julie Eichholz versucht, den ADF zum "Sammel- und Mittelpunkt der gemäßigten Frauenbewegung, als Gegenpartei des Fortschrittlichen Verbandes" zu implementieren. "Mit einfach ‚Frauenbewegung treiben' kommen wir nicht mehr aus. (…) Die Radikalen und die Evangelischen treiben auch Frauenbewegung, deshalb müssen wir mit einem festen, von ihnen verschiedenen Programm auf den Plan treten; wir müssen sagen können, dies thun wir und das thun wir nicht, wir können unsere höchsten Ziele nennen, aber dazu auch den von den anderen verschiedenen Weg, die verschiedenen Mittel dazu nicht verschweigen." A). Julie Eichholz widersprach der Auffassung des ADF, er sei das Sprachrohr der einheitlich agierenden bürgerlichen Frauenbewegung. Sie vertrat vielmehr die Meinung, die Frauenbewegung würde von unterschiedlichsten Gruppierungen betrieben, die selbst für sich sprechen wollten.
Doch dieser Einstellung folgten weder Helene Bonfort in Hamburg noch Helene Lange für Deutschland. Julie Eichholz wurde im Winter 1904 als Vorsitzende der Ortsgruppe Hamburg des ADF abgewählt. Der ADF meinte nach wie vor der Mittelpunkt der Frauenbewegung in Hamburg zu sein. Wegen dieser Differenzen mit ihren Mitstreiterinnen engagierte sich Julie Eichholz bald fast nur noch in den von ihr selbst gegründeten Frauenvereinen. Diese wandten sich entschieden gegen die Ziele und Methoden der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung. Gleichzeitig waren sie aber weitaus frauenrechtlerischer in ihrer Vorgehensweise als auch inhaltlichen Ausrichtung als die Vereine des ADF. So wandte sich Julie Eichholz gegen den § 218 und forderte die ersatzlose Streichung dieses Paragraphen. Auch vertrat sie in der Frage der Zulassung von Frauen zum Amt des Armenpflegers einen frauenrechtlerischen Standpunkt - im Gegensatz zu Helene Bonfort, die ihre Mitstreiterinnen aufforderte "jedes Pochen auf den frauenrechtlerischen Standpunkt abzulegen". Julie Eichholz entwickelte sich zu einer gemäßigten Frauenrechtlerin.
Nachdem Julie Eichholz den ADF verlassen hatte, löste sie 1911 ihre Vereine von der Ortsgruppe Hamburg des ADF ab. Im selben Jahr gründete sie den " Rechtsschutzverein für Frauen ". Seine Auskunftstelle befand sich im Parterre eines großbürgerlichen Etagenhauses an der Moorweidenstraße 5. Die Sprechzeiten waren: Mi u. Sa. 19-21 Uhr, Fr.: 10-12 Uhr. Rechtsschutz: Di: 7.30 - 9 Uhr.
Der Verein bot Frauen mit wenig Einkommen Rechtsauskunft besonders in Ehe-, Miet- und Lohnstreitigkeiten, in Erbschaftsangelegenheiten, bei Vertragsabschlüssen und bei der Anfechtung von Schadensersatzansprüchen.
Bereits 1907 hatte sich Julie Eichholz Hausfrauen Verein vom ADF getrennt. "Der HHV führte eine entschlossene Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie über die ‚richtige' Form der Dienstbotenorganisation und die Rolle der bürgerlichen Hausfrau dabei". A) In der "Hamburger Frauen Zeitung", der kostenlosen Vereinszeitung des HHV, bot die Rubrik "Für unser Hauspersonal" "meistens (…) belehrende Aufsätze über ‚das Wesen des Dienens' oder Tips für Küche und Haushalt. Insgesamt betrachtet waren die Initiativen des HHV darauf ausgerichtet, ein reformiertes, aber an traditionell patriarchalischen Vorstellungen orientiertes Dienstverhältnis zu erhalten - auch um weitergehende Ansprüche der Sozialdemokratie abzuwehren. Im Laufe seiner Tätigkeit wurde der HHV daher immer stärker ein berufspolitischer Verein für Arbeitgeberinnen."
Als Julie Eichholz starb gab es mehrere Nachrufe in den Hamburger Tageszeitungen. Der "Hamburger Correspondent" schrieb am 29.12.1918: "Mitten aus regem Schaffen hat der Tod Julie Eichholz gerissen. Noch am Tage zuvor, ehe ein Schlaganfall sie dahin raffte, war sie mit Plänen beschäftigt, wie der Hausfrauenverein politisch aufzuklären sei.
Dieser Verein, aus ihrer Initiative vornehmlich entstanden, war ihr Lieblingskind und machte ihr viel Freude durch seine gedeihliche Entfaltung. Als erfahrene und nachdenkliche Hausfrau war sie von jeher überzeugt, daß die Reform des Dienstbotenwesens mit weitgreifenden kulturellen Aufgaben im Zusammenhang stehe, an deren Lösung die gebildeten Frauen regen Anteil nehmen müßten. Die Frauen wurden daher durch rege Werbearbeit und energisch Werbekraft fortgesetzt zur Mitarbeit an dem gemeinnützigen Werke herangezogen, dem sich allmählich schätzenswerte Einrichtungen zur sozialen und geistigen Hebung und eine vortreffliche Fachschule zur Ausbildung von Hausmädchen angliederten.
(…) Es ist bezeichnend für die tüchtige und umgängliche Frauenrechtlerin Frau Eichholz , daß ihr durch viele Jahre hindurch eine Gruppe von treuen Helferinnen zur Seite gestanden hat, denen die Fortführung ihrer Bestrebungen gemäß den Forderungen einer neuen Zeit, sicher am Herzen liegen wird."
Text: Rita Bake
Anmerkungen:
A: Kirsten Heinsohn: Politik und Geschlecht. Zur politischen Kultur bürgerlicher Frauenvereine in Hamburg, Hamburg 1997.
Klara Gordon
© kulturkarte.de/schirmer
20.11.1866 - 20.12.1937 Hamburg
Oberin des Israelitischen Krankenhauses.
Grablage: Grab: M 2-203
Namensgeberin für: Gordonkehre
Am 1. März 1898 kam Klara Gordon als ausgebildete Krankenschwester an das Israelitische Krankenhaus in Hamburg. 1908 wurde sie dort Oberin und leitete die krankenhauseigene Krankenpflegeschule und das Schwesternheim, das seit 1902 als unabhängige Stiftung geführt wurde. Klara Gordons Ziel war es, "eine Pflegerinnenschule in Anlehnung an das Krankenhaus zu errichten, um jüdische Mädchen und Frauen zu tüchtigen Krankenpflegerinnen heranzubilden, die in der Schule übernommenen Krankenpflegerinnen (Schwestern) sowohl in Kranken- und Siechenanstalten zu beschäftigen als auch der Pflege von Kranken aller Konfessionen in Familien
(gegen ein der Stiftung zu entrichtendes Honorar) und in die Armenpflege unentgeltlich zu entsenden, den Schwestern in Krankheitsfällen bei Erwerbsunfähigkeit und im Alter eine auskömmliche Versorgung zu sichern." Für alte Schwestern war durch einen Pensionsfond gesorgt. Während des Ersten Weltkrieges wurde das Israelitische Krankenhaus zum Reservelazarett. Nach 1933 war das Krankenhauspersonal starken Repressalien ausgeliefert. Klara Gordon verhielt sich in all diesen Zeiten vorbildlich und aufopfernd gegenüber ihren Kranken. Bei ihrer Verabschiedung sagte der Kuratoriumsvorsitzende Dr. Fritz Warburg: "Sie war eine aufrechte Jüdin, allgemein anerkannt als vorzügliche Vertreterin ihres Berufes, die voll tiefem Mitgefühl für alle körperlichen und seelischen Schmerzen ihrer Glaubensgenossen für sie sorgte und doch auch gern Liebestätigkeit den Nichtjuden zuwandte, damit jeder den Segen unseres Krankenhauses empfinde. (...). Stolz und bescheiden, aufrecht und anspruchslos, überlegt und zurückhaltend, streng gegen sich selbst und andere, aber voll Nachsicht und Verständnis für die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen, trat uns Clara Gordon entgegen. Indem sie mit ihrer Würde und unermüdlichen Willenskraft das innere Leben im Krankenhaus leitete, straffte sie auch den Willen der Kranken und war allen eine Quelle des Trostes und des Lebensmutes. (...) Wir wollen uns ihre wundervolle Hingabe an unser Krankenhaus, dessen wahre Mutter sie war, die Charakterstärke und Energie, in der sie eine schöne Tradition aufrecht erhielt, zum Muster nehmen." (Mary Lindemann (Hrsg.): 140 Jahre Israelitisches Krankenhaus in Hamburg, Hamburg 1981.)
Seit 1985 gibt es im Hamburger Stadtteil Alsterdorf die Gordonkehre .
Text: Rita Bake



Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Betty_Heine
Betty Heine
(Peira Heine geb. van Geldern)
27.11.1771 in Düsseldorf - 03.09.1859 in Hamburg
Mutter des Dichters Heinrich Heine
Grablage: Grab Nr. ZX 12
Die Mutter ist verschiedentlich Gegenstand im Werk Heinrich Heines. In den Gedichten "An meine Mutter B. Heine, geborene v. Geldern", "Nachtgedanken", "Caput XX und XXIV" in "Deutschland. Ein Wintermärchen", in den "Memoiren" und an verschiedenen anderen Stellen kommt sie vor. Doch alle Äußerungen, auch wo sie sich autobiographisch geben, sind stilisiert und fiktionalisiert und können daher nicht mit der Realität gleichgesetzt werden. Heine, der zeitlebens bezüglich seines Geburtsdatums und Vornamens Verwirrung stiftete, spielte auch in den "Memoiren". In der 60 Seiten langen Schrift, die sich im Wesentlichen auf seine Kindheit und Jugend beschränkt, stellt Heine die Eltern sehr eindeutig als zwei Pole der eigenen psychologischen Charaktermischung dar: die Mutter als die Vernünftige, den Vater als den Emotionalen. Der Mutter weist er die Hauptrolle in seiner Entwicklung zu, dem Vater bekennt er seine Liebe. Da das Portrait der Mutter bei allen Einschränkungen einen Eindruck von Betty Heine und ihrer Bedeutung für ihren Sohn vermittelt, soll es abschließend zitiert werden. Zunächst jedoch der eigene Versuch, ihr Bild entstehen zu lassen:
Peira van Geldern, die ihren Vornamen später in Betty umwandelte, stammte aus einer prominenten jüdischen Familie von Hoffaktoren und Ärzten in Düsseldorf. Sie besaß die damals für Frauen höherer Schichten übliche Bildung, beherrschte das Lateinische, Französische und Englische soweit, dass sie die Literatur in der jeweiligen Originalsprache lesen konnte, und spielte Flöte. Rousseau und Goethe waren die Lieblingsautoren der dem aufklärerischen Gedankengut verpflichteten jungen Frau. Das in ihrer Zeit weit verbreitete empfindsame Schwärmertum lehnte sie dagegen ab. In einem Brief an die Freundin Helene Jacob Israel heißt es: "Am wenigsten möchte ich mich aber nun von Ihnen bei diesem Namen rufen hören, denn sicher glaube ich, daß Sie über diesen Punkt gleich mit mir denken werden, denn so leicht ich auch eine kleine Schwärmerei verzeihe, so sehr hasse ich dennoch die sogenannte modische Empfindsamkeit, deren Existenz ich mehr für eine Empfindelei als Wirkung eines guten Herzens ansehe." (Brief vom 01. Januar 1796) [1]
Auch war sie nicht bereit, sich Konventionen zu fügen, wenn sie gegen ihre Überzeugung standen: "Nur der Schwache muß sich auf das große, dennoch aber schwankende Rohr Etikette stützen. Obgleich ich mit einem alltäglichen Gesicht und Figur auch einen alltäglichen Geist verbinde, so fühle ich dennoch die Kraft, mich über die Chimären: Vorurtheil, Konvenienz und Etikette, hinaus zu schwingen, und nur den Wohl(an)stand als die einzige Grenzlinie zu betrachten, um mich alsdann freiwillig unter den Schutz der Religion und Tugend zu begeben", schreibt sie an die Freundin (Brief vom 24. Februar 1769). [1]
Auch politisch bezog sie eine eigene Position. Ihre Kinder warnte sie aufgrund der zerrütteten Verhältnisse im damaligen Deutschland vor der Misere der Kleinstaaterei: "Versprecht mir, nie in einem kleinen Staat eure Heimat zu suchen, wählt große Städte in großen Staaten, aber behaltet ein deutsches Herz für euer deutsches Volk!"1 Eine aufgeweckte, gebildete und freidenkerische junge Frau also, deren intellektuellen Rang Heine in seiner einseitig vernunftorientierten Darstellung der Mutter aber wahrscheinlich etwas überhöht hat. Der späte Briefwechsel mit dem Sohn, von dem aufgrund einer Vernichtungsaktion Heines leider nur noch wenige Briefe der Mutter erhalten sind, zeugt zwar von einer starken emotionalen Bindung zwischen Mutter und Sohn, nicht aber von einer intellektuellen Teilnahme Betty Heines an seinem Denken und Schaffen. Sie durfte, während er in Paris war, allenfalls kleine Besorgungen bei seinem Verleger Campe in Hamburg erledigen.
Ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit aber hatte die junge Frau unter Beweis gestellt, als im Sommer 1796 der zweiunddreißigjährige Samson Heine in Düsseldorf auftauchte. Betty verliebte sich in den schönen, sanften jüdischen Kaufmann, der mit Luxusgütern handelte. Er befreite sie aus einer tiefen seelischen Krise, in der sie seit dem rasch aufeinanderfolgenden Tod von Vater und Bruder steckte: "Heftige Gemüthsbeunruhigungen verursachen mir auch immer körperliche Leiden, und dies ist die Schuld, daß ich Ihnen noch nicht nach dem Tod meines zweiten Vaters, meines Bruders geschrieben habe, denn die ängstliche Unruhe, und das immerwährende Nachtwachen hatte meine sonst unerschütterliche Gesundheit so zerrüttet, daß wenn mich nicht das strenge und scharfe Verbot der Ärzte, die liebevolle Sorgfalt meiner Geschwister, und die dringende Bitte meiner Freunde, vom Krankenbett entfernt hätte, so wäre ich sicher auch eine Beute des Todes worden. Denn durch dem daß (ich) nur mit dem geliebten Kranken beschäftigt war, dessen Krankheit ich sich immer verschlimmern sahe, ohne dem reißenden Übel Schranken setzen, und den theuren Bruder retten zu können, wurde der Tod das Lieblingsbild meiner Phantasie und der einzige Ruhepunkt für meinen müden Geist",1 schrieb Betty Heine am 27. Mai 1796 an die Freundin.
Drei Monate später ist ihr einziger Kummer: "...mein Heine reist morgen weg." [1] Als die jüdische Gemeinde dem von auswärts kommenden Samson Heine die Heirats- und Niederlassungserlaubnis verweigerte, setzte Betty Heine Himmel und Hölle in Bewegung und erreichte schließlich ihr Ziel: Die Hochzeit fand am 01. Februar 1797 in Düsseldorf statt. Betty Heine ließ sich fortan in der jüdischen Gemeinde kaum noch sehen. Sie erzog ihre Kinder nicht orthodox, sondern aufklärerisch-liberal und schickte sie aufs Lyzeum bzw. Gymnasium, wo sie die einzigen Juden Düsseldorfs auf einer höheren Schule waren.
Überhaupt scheint Betty Heine sich vorgenommen gehabt zu haben, ihren Kindern den Weg zur Assimilierung und Nobilitierung zu ebnen, was bei dreien von ihnen auch nach ihren Vorstellungen gelang. Die einzige Tochter, Charlotte (geb. 1800), heiratete den angesehenen Hamburger Kaufmann Moritz Embden, zwei ihrer Kinder, Maria und Ludwig, stiegen in den Adel auf. Gustav (geb. 1805) wurde Herausgeber einer regierungsfreundlichen Zeitung in Wien, wofür er zum Ritter und 1870 zum Freiherrn von Heine-Geldern ernannt wurde. Maximilian (geb. 1806) wurde Militärarzt im russischen Dienst, heiratete eine russische Adlige und wurde in den persönlichen Adel erhoben. Nur der älteste Sohn, Heinrich (geb. 1797), widersetzte sich ihren Plänen. Statt einer Laufbahn als Höfling Napoleons, Bankier oder Jurist einzuschlagen, wählte er den Weg, den sie am meisten als brotlose Kunst fürchtete, den des Poeten. Da hatte es auch nichts genützt, dass die ökonomisch denkende Betty Heine jegliche Begegnung ihres Sohnes mit der Welt der Poesie zu unterbinden gesucht hatte. Die Differenzen bezüglich der beruflichen Laufbahn führten jedoch zu keiner Trübung des Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn, denn: "Über meine wirkliche Denkart hat sie sich nie eine Herrschaft angemaßt und war für mich immer die Schonung und Liebe selbst",2 heißt es in den "Memoiren".
Welchen Einfluss die emotionale Bindung an die Mutter hatte, darüber bestehen in der Forschung Meinungsverschiedenheiten. Ob das Verhältnis im Bereich einer starken, eher positiven Mutter-Sohn-Beziehung anzusiedeln ist oder sich auf die fatale Einstellung des Sohnes zu Frauen auswirkte, der die Frauen in der Kunst stilisierte und sublimierte, im Leben aber nur Prostituierte und Grisetten begehren konnte, ist ohne eine differenzierte Beschäftigung mit dem Leben und Werk Heinrich Heines nicht zu beurteilen.
Während Betty Heine sich hauptsächlich um die Erziehung der Kinder kümmerte, baute Samson Heine sein Geschäft auf, was sich zunächst ganz erfolgreich anließ, wie die zunehmend komfortablen Wohnverhältnisse der Familie zeigen. Bettys Verdienst am Wohlstand lag darin, dass sie ihren verschwenderischen Mann in seinen Herren- und Militärallüren bremste. Doch dann kam der Niedergang.
Der Handel mit Luxusgütern war ein Geschäft, das gegen Wirtschaftskrisen empfindlich war, zudem hatte der lebenslustige Samson Heine keinen rechten Kaufmannssinn. Im Frühjahr 1819 musste er Bankrott anmelden - der Anfang vom Ende für ihn. Betty Heine folgte ihrem Mann im März 1820 über Hamburg nach Oldesloe, 1821 oder 22 nach Lüneburg und schließlich 1828 nach Hamburg, wo Samson Heine am 02. Dezember 1828 starb. Der Bankier Salomon Heine, der die Familie seines Bruders schon seit dem Bankrott finanziell unterstützt hatte, setzte seiner Schwägerin eine Rente von 1.000 Mark jährlich aus.
Betty Heine starb am 03. September 1859, dreieinhalb Jahre nach ihrem Sohn Heinrich Heine, der das Portrait seiner Mutter mit ihren Plänen für seine Zukunft beginnt:
"Durch den Rektor und meine Mutter wurde der Zwist beigelegt. Letztere war überhaupt nicht damit zufrieden, daß ich Verse machen lernte, und seien es auch nur französische. Sie hatte nämlich damals die größte Angst, daß ich ein Dichter werden möchte; das wäre das Schlimmste, sagte sie immer, was mir passieren könne.
Die Begriffe, die man damals mit dem Namen Dichter verknüpfte, waren nämlich nicht sehr ehrenhaft, und ein Poet war ein zerlumpter, armer Teufel, der für ein paar Taler ein Gelegenheitsgedicht verfertigt und am Ende im Hospital stirbt.
Meine Mutter aber hatte große, hochfliegende Dinge mit mir im Sinn, und alle Erziehungspläne zielten darauf hin. Sie spielte die Hauptrolle in meiner Entwicklungsgeschichte, sie machte die Programme aller meiner Studien, und schon vor meiner Geburt begannen ihre Erziehungspläne. Ich folgte gehorsam ihren ausgesprochenen Wünschen, jedoch gestehe ich, daß sie schuld war an der Unfruchtbarkeit meiner meisten Versuche und Bestrebungen in bürgerlichen Stellen, da dieselben niemals meinem Naturell entsprachen, Letzteres, weit mehr als die Weltbegebenheiten, bestimmte meine Zukunft.
In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks.
Zuerst war es die Pracht des Kaiserreichs, die meine Mutter blendete, und da die Tochter eines Eisenfabrikanten unserer Gegend, die mit meiner Mutter sehr befreundet war, eine Herzogin geworden und ihr gemeldet hatte, daß ihr Mann sehr viel Schlachten gewonnen und bald auch zum König avancieren würde - ach, da träumte meine Mutter für mich die goldensten Epauletten oder die brodiertesten Ehrenchargen am Hofe des Kaisers, dessen Dienst sie mich ganz zu widmen beabsichtigte.
Deshalb mußte ich jetzt vorzugsweise diejenigen Studien betreiben, die einer solchen Laufbahn förderlich, und obgleich im Lyzeum schon hinlänglich für mathematische Wissenschaften gesorgt war und ich bei dem liebenswürdigen Professor Brewer vollauf mit Geometrie, Statik, Hydrostatik, Hydraulik und so weiter gefüttert ward und in Logarithmen und Algebra schwamm, so mußte ich doch noch Privatunterricht in dergleichen Disziplinen nehmen, die mich instand setzen sollten, ein großer Strategiker oder nötigenfalls der Administrator von eroberten Provinzen zu werden.
Mit dem Fall des Kaiserreichs mußte auch meine Mutter der prachtvollen Laufbahn, die sie für mich erträumt, entsagen; die dahin zielenden Studien nahmen ein Ende, und sonderbar! sie ließen auch keine Spur in meinem Geiste zurück, so sehr waren sie demselben fremd. Es war nur eine mechanische Errungenschaft, die ich von mir warf als unnützen Plunder.
Meine Mutter begann jetzt in anderer Richtung eine glänzende Zukunft für mich zu träumen.
Das Rothschildsche Haus, mit dessen Chef mein Vater vertraut war, hatte zu jener Zeit seinen fabelhaften Flor bereits begonnen; auch andere Fürsten der Bank und der Industrie hatten in unserer Nähe sich erhoben, und meine Mutter behauptete, es habe jetzt die Stunde geschlagen, wo ein bedeutender Kopf im merkantilischen Fache das Ungeheuerlichste erreichen und sich zum höchsten Gipfel der weltlichen Macht emporschwingen könne. Sie beschloß daher jetzt, daß ich eine Geldmacht werden sollte, und jetzt mußte ich fremde Sprachen, besonders Englisch, Geographie, Buchhalten, kurz, alle auf den Land- und Seehandel und Gewerbskunde bezüglichen Wissenschaften studieren.
Um etwas vom Wechselgeschäft und von Kolonialwaren kennenzulernen, mußte ich später das Comptoir eines Bankiers meines Vaters und die Gewölbe eines großen Spezereihändlers besuchen; erstere Besuche dauerten höchstens drei Wochen, letztere vier Wochen, doch ich lernte bei diesen Gelegenheiten, wie man einen Wechsel ausstellt und wie Muskatnüsse aussehen.
Ein berühmter Kaufmann, bei welchem ich ein apprenti millionaire werden wollte, meinte, ich hätte kein Talent zum Erwerb, und lachend gestand ich ihm, daß er wohl recht haben möchte.
Da bald darauf eine große Handelskrisis entstand und wie viele unserer Freunde auch mein Vater sein Vermögen verlor, da platzte die merkantilische Seifenblase noch schneller und kläglicher als die imperiale, und meine Mutter mußte nun wohl einen andere Laufbahn für mich träumen.
Sie meinte jetzt, ich müsse durchaus Jurisprudenz studieren. Sie hatte nämlich bemerkt, wie längst in England, aber auch in Frankreich und im konstitutionellen Deutschland der Juristenstand allmächtig sei und besonders die Advokaten durch die Gewohnheit des öffentlichen Vortrags die schwatzenden Hauptrollen spielen und dadurch zu den höchsten Staatsämtern gelangen. Meine Mutter hatte ganz richtig beobachtet...
Ich brachte jenes gottverfluchte Studium zu Ende, aber ich konnte mich nimmer entschließen, von solcher Errungenschaft Gebrauch zu machen, und vielleicht auch weil ich fühlte, daß andere mich in der Advokasserie und Rabulisterei leicht überflügeln würden, hing ich meinen juristischen Doktorhut an den Nagel.
Meine Mutter machte eine noch ernstere Miene als gewöhnlich. Aber ich war ein sehr erwachsener Mensch geworden, der in dem Alter stand, wo er der mütterlichen Obhut entbehren muß.
Die gute Frau war ebenfalls älter geworden, und indem sie nach so manchem Fiasko die Oberleitung meines Lebens aufgab, bereute sie, wie wir oben gesehen, daß sie mich nicht dem geistlichen Stande gewidmet.
Sie ist jetzt eine Matrone von siebenundachtzig Jahren, und ihr Geist hat durch das Alter nicht gelitten...
Ihr Glauben war ein strenger Deismus, der ihrer vorwaltenden Vernunftrichtung ganz angemessen. Sie war eine Schülerin Rousseaus, hatte dessen ‚Emile' gelesen, säugte selbst ihre Kinder, und Erziehungswesen war ihr Steckenpferd. Sie selbst hatte eine gelehrte Erziehung genossen und war die Studiengefährtin eines Bruders gewesen, der ein ausgezeichneter Arzt ward, aber früh starb. Schon als ganz junges Mädchen mußte sie ihrem Vater die lateinischen Dissertationen und sonstige gelehrte Schriften vorlesen, wobei sie oft den Alten durch ihre Fragen in Erstaunen setzte.
Ihre Vernunft und ihre Empfindung war die Gesundheit selbst, und nicht von ihr erbte ich den Sinn für das Phantastische und die Romantik. Sie hatte, wie ich schon erwähnt, einen Angst vor Poesie, entriß mir jeden Roman, den sie in meinen Händen fand, erlaubte mir keinen Besuch des Schauspiels, versagte mir die Teilnahme an Volksspielen, überwachte meinen Umgang, schalt die Mägde, welche in meiner Gegenwart Gespenstergeschichten erzählten, kurz, sie tat alles Mögliche, um Aberglauben und Poesie von mir zu entfernen.
Sie war sparsam, aber nur in bezug auf ihre eigene Person; für das vergnügen anderer konnte sie verschwenderisch sein, und da sie das Geld nicht liebte, sondern nur schätzte, schenkte sie mit leichter Hand und setzte mich oft durch ihre Wohltätigkeit und Freigiebigkeit in Erstaunen.
Welche Aufopferung bewies sie dem Sohne, dem sie in schwieriger Zeit nicht bloß das Programm seiner Studien, sondern auch die Mittel dazu lieferte! Als ich die Universität bezog, waren die Geschäfte meines Vaters in sehr traurigem Zustand, und meine Mutter verkaufte ihren Schmuck, Halsband und Ohrringe von großem Werte, um mir das Auskommen für die vier ersten Universitätsjahre zu sichern.
Soviel wirst Du gemerkt haben, teurer Leser, daß die Inokulation der Liebe, welche meine Mutter in meiner Kindheit versuchte, keinen günstigen Erfolg hatte. Es stand geschrieben, daß ich von dem großen Übel, den Pocken des Herzens, stärker als andere heimgesucht werden sollte, und mein Herz trägt die schlechtvernarbten Spuren in so reichlicher Fülle, daß es aussieht wie die Gipsmaske des Mirabeau oder wie die Fassade des Palais Mazarin nach den glorreichen Juliustagen oder gar wie die Reputation der größten tragischen Künstlerin." [2]
Text: Brita Reimers
Zitate:
1 Alfred Strodtmann: Die Mutter H. Heine's, nach ihren Jugendbriefen geschildert. In: Deutsche Rundschau 12, 1877.
2 Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Hrsg. von Hans Kaufmann. Bd.7. Berlin, Weimar 1980.
Emma Isler
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geb. Meyer
3.11.1816 Dessau - 22.6.1886 Hamburg
Mitbegründerin der Hochschule für das weibliche Geschlecht
Jungfernstieg 6 (Wohnadresse)
Holländischer Brook 25 ( Hochschule für das weibliche Geschlecht : Wirkungsstätte)
Grablage: Grabstätte: B 12, 72 und 73
Ursula Randt verfasste über Emma Isler einen Aufsatz, nachdem sie von Maria Holst, der Tochter von Elisabeth Flügge, ein im hellbraunes Leder gebundenes Bändchen überreicht bekommen hatte, in dem Emma Isler 1874 ihre Erinnerungen handschriftlich niedergeschrieben hatte. Im Folgenden soll aus dem Aufsatz von Ursula Randt, der zu einem großen Teil aus den von Emmy Isler verfassten Erinnerungen besteht, zitiert werden.Ursula Randt zitiert zu Beginn ihres Aufsatzes die Enkelin Emma Isler, Helene Lilien, die über ihre Großmutter schreibt:
"Emma Isler, geb. Meyer wurden am 3. November 1916 in Dessau geboren. Ihr Vater, Berend Meyer (1764-1852), war Kaufmann, (…). Ihre Mutter, Friederike geb. Schwabe (1788-1831), war die zweite Frau ihres Mannes.
Als Emma 18 Jahre alt war, siedelte die Familie im Jahre 1834 nach Hamburg über, wo sie am 12. Juni 1839 Dr. Meyer Isler (1808-1888) heiratete, der von 1882-1883 an der Hamburger Stadtbibliothek (jetzt Universitätsbibliothek) angestellt war, seit 1872 die oberste Leitung hatte und 1883 mit vollem Gehalt als Pension entlassen wurde. Am 30. Juli 1840 wurde ihr einziges Kind, Sophie (…) geboren." 1) .
Ursula Randt äußert sich über Emma Islers Leben: "Emma Islers Leben umspannt (..) den gesamten Zeitraum der jüdischen Emanzipation, wenn man die lebensspanne ihres Vaters mitrechnet, dessen Persönlichkeit ihre Entwicklung stark geprägt hat. Mit wacher Aufmerksamkeit undleidenschaftlicher Anteilnahme hat sie die Auseinandersetzungen um rechtliche, politische und soziale Gleichstellung der Juden verfolgt. Beobachtungen und Reflexionen zu diesem großen Thema durchziehen ihre Erinnerungen von der ersten bis zur letzten Seite." 2)
"Emma erhält zehn Jahre lang eine gediegene Schulbildung in Mamsell Stötzers Privatschule, in der neben den ‚Vornehmen der Stadt' einige Jüdinnen unterrichtet werden. Es ist für sie eine glückliche Zeit. (…) Die eindrucksvolle Persönlichkeit des Rektors Richter, der auch für Mädchen ‚Klarheit und Schärfe des Denkens' fordert, beeinflußt stark ihre weitere Entwicklung.
So wächst Emma in einer harmonischen jüdisch-christlichen Umwelt auf, und sowohl Juden wie auch Christen verdankt sie reiche geistige Anregung. (…)
Mit 16 Jahren besucht sie die ältere Schwester in Berlin. Hier stößt sie zum erstenmal auf den Gegensatz zwischen der orthodoxen und liberalen Richtung des Judentums. Die Begegnung mit dem Prediger, Schriftsteller und Pädagogen Isaak Lewin Auerbach (1791-1853), der die Idee der politischen und religiösen Toleranz vertritt,, beeindruckt sie. (…)
Hamburg weitet erneut ihren Gesichtskreis. [Hier trat die Familie dem liberalen Tempelverein mit Sitz am Alten Steinweg 42 bei]. Die Heirat mit dem gebildeten Stadtbibliothekar Dr. Meyer Isler öffnet ihr den Zugang zu seinem Freundeskreis, (…)." 3)
Über diesen Kreis, zu dem auch die Frauen der Freunde ihres Mannes gehörten, schreibt Emma Isler in ihren Erinnerungen: " In den ersten Jahren unserer Ehe hatten wir vorwiegend gesellige Verbindungen mit der älteren Generation, als sich aber eine ganze Reihe junger studierter, Bekannte meines Mannes, verheiratheten, bildete sich mit den jungen Paaren ein intimer Umgang, der ein eigenthümliches Gepräge trug. Die Frauen waren meist Töchter von Kaufleuten, die, als sie anfingen, die Interessen ihrer Männer zu theilen, ein Gefühl bekamen, wie wenn sie Bergluft athmeten, wie wenn sie zu einer Höhe getragen wären., von der der Ausblick aus das Leben unendlich freier und weiter geworden sei. Die Meisten waren aus wohlhabenden Verhältnissen in beschränktere getreten und fühlten sich doch unendlich bereichert. So waren sie denn nicht nur stolz auf ihre Männer, sondern hatten persönlich den ehrlichsten Gelehrtendünkel, der lächerlich gewesen wäre, wenn er nicht das Schöne gehabt hätte, daß er sie Entbehrungen wohl als Unbequemlichkeiten aber niemals als Demüthigungen empfinden ließ. Die jungen Bekannten, deren Männern Kauflleute waren, beklagten sich oft bitter über den lästigen Hochmuth." 4)
Emma Isler interessierte sich sehr für die Gleichstellung der Jüdinnen und Juden und beschäftigte sich auch mit der Emanzipation der Frau. Sie schloss sich "mehr und mehr mit bedeutenden Frauen zusammen, mit Jüdinnen und Christinnen, die sich die ‚Neugestaltung aller socialen Verhältnisse' zum Ziele gesetzt haben. Emilie Wüstenfeld (1817-1874) ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten der Frauenbewegung um die Mitte des 19. Jahrhunderts, neben ihr (…) Bertha Traun, deren Schwester Amalie Westendorp und die Schriftstellerin Johanna Goldschmidt. Die freiheitlichen Ideen dieses Frauenkreises, zu dem noch eine Anzahl anderer Hamburgerinnen gehören, können sich auf dem Hintergrund der Religionsbewegung freier kirchlicher Gemeinden entfalten. Unter der Führung des katholischen Predigers Johannes Ronge (…) bilden sich Deutsch-Katholische und Freie Gemeinden mit dem Ziel, die Macht des starren Dogmas zu brechen. Der ‚Frauen-Verein zur Förderung Freier christlicher Gemeinden und humaner Zwecke' unterstützt Ronge. Der ‚Soziale Verein' erstrebt die gesellschaftliche Annäherung von Jüdinnen und Christinnen. Beide Vereine schließen sich 1849 zum ‚Frauen-Bildungsverein' zusammen." 5).
Emma Isler wurde 1848 Mitglied im "Sozialen Verein Hamburger Frauen zur Ausgleichung konfessioneller Unterschiede".
Über diesen Verein schrieb Emma Isler in ihren Erinnerungen: "Frau Johanna Goldschmidt hatte einen Roman geschrieben, der die gedrückte Stellung der Juden schilderte. Frau Westendorp, eine Tochter von H.C.Meyer hatte ihn gelesen und der Verfasserin geschrieben, eine persönliche Begegnung folgte und sie traten in freundschaftlichen Verkehr, in dem die Idee auftauchte, einen Verein zu bilden, um eine gesellige Verbindung zwischen Christinnen und Jüdinnen anzubahnen, die in Hamburg in schroffer Trennung lebten. Die Männer kamen geschäftlich in Berührung, von den Frauen hieß es, sie seinen es, die eine gesellige Annäherung unmöglich machten. Frau Goldschmidt warb auch mich zu ihrem Verein und so traf ich in ihrem Hause mit einer Anzahl Frauen beider Confessionen zusammen. Der Zufall wollte, daß die Mehrzahl der Jüdinnen blond, die Mehrzahl der Christinnen dunkel waren. Natürlich konnte zwischen ganz Fremden von einer Geselligkeit im eigentlichen Sinne keine Rede sein, aber man kam alle 14 Tage zusammen, einzelne Vorträge bildeten den Mittelpunkt, es wurden praktische Bestrebungen erörtert, die Aufmerksamkeit richtete sich auf die Einführung von Kindergärten. Man war sich durch den Verkehr persönlich näher gekommen und bald sah man, daß zwei Frauen die Anderen überragten. Frau Emilie Wüstenfeld und Frau bertha Traun, letztere eine Tochter von H.C.Meyer." 6)
Der Bildungsverein gründete 1850 die "Hochschule für das weibliche Geschlecht" am Holländischen Brook. (Siehe dazu auch das Profil zu Emilie Wüstenfeld und Bertha Traun, die sich von ihrem Mann scheiden ließ, um den Prediger Johannes Ronge zu heiraten.) Es handelte sich dabei nicht um eine Hochschule im heutigen Sinne. In erster Linie sollte hier Frauen die Möglichkeit gegeben werden, einen Beruf - den der Kindergärtnerin nach Fröbelschem Vorbild - zu erlernen. Nach zwei Jahren musste die Hochschule schließen. Die Sponsoren blieben aus. Die politische Reaktion auf die bürgerlich demokratische Revolution von 1848, die auch solche.- wie hier beschriebenen Ideen und Ideale hervorbrachte - formierte sich und arbeitete gegen diese Ideale. (siehe auch Profil von Amalie Sieveking und ihre negative Rolle, die sie dabei spielte.) Aber auch das Ansinnen von Bertha Traun und Emilie Wüstenfeld, sich scheiden zu lassen, verursachte bei Amalie Sieveking, die großen gesellschaftlichen Einfluss in der sogenannten "höheren Hamburger Gesellschaft" hatte, große Empörung und war ebenfalls Anlass für Sponsoren, keine Gelder mehr der "Hochschule für das weibliche Geschlecht" zukommen zu lassen.
Emma Isler schreibt in ihren Erinnerungen über das Thema Ehe und Scheidung und gibt dabei auch ihre Meinung zum Thema Scheidung und der Scheidung Bertha Trauns sowie zu den Scheidungsabsichten von Emilie Wüstenfeld wieder: "Die Ehe war auch in Deutschland (…) zu einem bürgerlichen Contract herabgesunken und am Ende des vorigen oder am Anfang dieses Jahrhunderts konnte ein Mann wie Schleiermacher das Lösen einer Ehe, um eine auf reine Liebe ruhende zu schließen [viele Ehen wurden seit Jahrhunderten aus ökonomischen Gründen geschlossen, nichts aus Liebe, und die Eltern bestimmten, wen ihre Töchter und Söhne zu heiraten hatten] , als sittliche That fordern. Dieselben Anschauungen machten sich auch im Jahre 48 [1848, bürgerliche Revolution] geltend. Frau Traun hatte für ihren Vater die höchste Liebe und Verehrung; er war ihr der Inbegriff alles Guten und so empfing sie, als sie 16 Jahre alt war, vertrauensvoll aus seiner Hand den Gatten. Nach menschlicher Berechnung hätten diese beiden Menschen, bei denen zu innerem Werth sich auch Alles, was das Leben schmückt, gesellte, glücklich werden müssen, aber die Berechnung trog. Gleich in der ersten Zeit der Verlobung hatte der junge Mann seiner Braut von einer früheren Liebe erzählt. Die Erinnerung riß ihn hin, er wurde in der Schilderung seiner Gefühle feuriger, als sie ihn je gesehen und wie ein Gifttropfen fiel die Ueberzeugung in ihre Seele: der hat ein Mal geliebt und liebt nie wieder. Weder das angeregte Leben, das sie führte, noch die Liebe zu ihren Kindern vermochte je das Herz der leidenschaftlichen Frau ganz auszufüllen und als Ronge kam und sie in ihm den Apostel der Lehre sah, daß Mann und Frau in vereinigtem Streben das Höchste für [das] Menschenwohl leisten müßten, da glaubte sie das Ziel ihrer Sehnsucht gefunden und sie löste ihre Ehe, um sich mit Ronge zu verheiraten. (…) Frau Wüstenfeld billigte damals, was ihre Freundin that, war sie doch auch auf dem Punkt, eine Ehe zu lösen, in der sie nicht glücklich war. Darüber hätte Niemand ein Urtheil zugestanden; der Staat giebt das Mittel an die Hand, eine unglückliche Ehe zu trennen. Das hat jeder mit sich und seinem Gewissen allein abzumachen, aber wenn jeder neuen Leidenschaft die Berechtigung zugestanden werden soll, die alte Treue zu verdrängen, so würde die Gesammtheit nicht gedeihen können, also unsittliche Zustände herbeigeführt werden. Frau Wüstenfeld wurde durch einen Freund von ihrem Entschluß zurückgebracht, aber das Auftreten beider Frauen traf starken Tadel, der sich auf ihre Unternehmungen übertrug und daran scheiterte die Hochschule. Die Freundinnen trennten sich, frau Ronge folgte ihrem zweiten Mann nach England, wurde sehr unglücklich und starb nach einigen Jahren in Frankfurt.
Frau Wüstenfeld hatte sich selbst gefunden als sie es aufgab, ihr eigenes Glück zu suchen." 7).
In Wikipedia heißt es über Emma Islers weiteres gesellschaftliches Engagement, nachdem die Hochschule geschlossen worden war:" Emma Isler stellte ihre Arbeit für den Verein ein, beschäftigte sich aber weiterhin mit Angelegenheiten der Frauenbildung. Dazu gehörten 1866 das Paulsenstift bei den Pumpen und die ein Jahr später eröffnete Gewerbeschule für Mädchen. Hierzu schrieb sie ihrer in Braunschweig lebenden Tochter, trat jedoch öffentlich nicht mehr in Erscheinung. Außerdem verfasste sie Briefe an Sophie Magnus, in denen sie ihre Ansichten zur Mädchenerziehung und Frauenbildung und Berufen darstellte. Diese sind heute im Institut für die Geschichte der deutschen Juden zu finden." 8)
Quellen:
1) Zit. nach: Ursula Randt: Die Erinnerungen der Emma Isler, in: Sonderdruck aus: Bulletin des Leo Boeck Instituts, 1986, S.55f.
2) Ursula Randt, a. a. O., S. 56
3) Ursula Randt, a. a. O., S. 57f.
4) Zit. nach Ursula Randt, a. a. O, S. 91
5) Ursula Randt, a. a. O., S. 58.
6) Zit. nach Ursula Randt, a. a. O., S. 93.
7) Zit. nach Ursula Randt, a.a.O., S. 94.
8) Wikipedia: ursula Randt, abgerufen 7.1.2018.

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Photo: Staatsarchiv Hamburg
Mary Marcus
16.8.1844 Hamburg - 22.4.1930
Direktorin der Israelitischen Töchterschule.
Namensgeberin für: Mary-Marcus-Kehre, benannt 1985 in Hamburg-Bergedorf
Grabstätte: ZZ 9, 108: Hier steht Mirjam Marcus
Mary Marcus wuchs in finanziell bescheidenen Verhältnissen auf. Schon als Kind musste sie die Benachteiligung und Zurücksetzung als Jüdin, als Mädchen und als Kind armer Eltern erleben, schreibt Ursula Randt (ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Groß-Flottbek) in ihrem Buch "Carolinenstraße 35. Geschichte der Mädchenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg 1884 -1942". Mary Marcus' schulische und pädagogische Laufbahn verlief wie folgt: 1851 bis 1859 Besuch der Töchterschule von Fräulein Johanna Lenning und zusätzlicher Besuch des Seminarkurses von Herrn Voß. Von Oktober 1859 bis März 1862 unterrichtete sie an der höheren Töchterschule von Fräulein Minna Samson. Zwischen 1862 und 1868 Erzieherin bei der Familie S. Spitz in Brünn. Ab April 1868 Schulvorsteherin der Israelitischen Mädchenschule von 1798. Ab 1. April 1884 zusammen mit Mathilde Lippmann Direktorin der zur selben Zeit eröffneten Israelitischen Töchterschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Die Schule setzte sich aus der israelitischen Mädchenschule von 1798 und der Armen-Mädchenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde von 1818, von der Mathilde Lippmann kam, zusammen.
Das Amt einer Schulvorsteherin war damals etwas besonderes. Denn die Leitung staatlicher Schulen hatten ausschließlich Männer. Ursula Randt schreibt: "Die Israelitische Töchterschule war von den 113 Schulen, die der Aufsicht der II. Sektion der Oberschulbehörde unterstellt waren, nach Klassen- und Schülerinnenzahl die umfangreichste."
Auf die neue Schule gingen mehr als 500 Schülerinnen, die zwischen sechs und vierzehn Jahre alt waren und aus der ärmeren Bevölkerungsschicht kamen. Mary Marcus strebte eine gründliche Ausbildung der Mädchen an, denn nur so sah sie eine Chance für sie, aus ihrer sozialen Schicht aufzusteigen. Mary Marcus zeichnete Strenge, Korrektheit, aber auch Zartgefühl und Behutsamkeit aus. Neuen Unterrichtsmethoden stand sie aufgeschlossen gegenüber. Besonderen Wert legte sie auf freies und fließendes Sprachvermögen der Kinder.
Vom 1. Schuljahr an lernten die Kinder frei zu sprechen. Der Lehrplan reichte über den der staatlichen Hamburger Volksschulen hinaus. Neben Hebräisch wurde Englisch und Literatur und als Wahlfach Französisch gelehrt. Die Schule hatte bald einen guten Ruf und konnte mit den Anforderungen von Realschulen Schritt halten. 1930 erfolgte die offizielle Anerkennung als Realschule.
Nach dem Tod von Mathilde Lippmann leitete Mary Marcus die Schule allein weiter. Sie trat erst im Alter von 80 Jahren, 1924, in den Ruhestand. Zu ihrem Abschied erhielt sie die Urkunde einer "Mary-Marcus-Stiftung", die, wie Ursula Randt schreibt, "aus Beiträgen des Schulvorstandes, ehemaliger Lehrer, Schülerinnen und Freunde der Jubilarin hervorgegangen war; das Geld war für die berufliche Fortbildung von Schülerinnen der Israelitischen Töchterschule nach dem Schulabschluß bestimmt".
Text: Rita Bake
Erika Milee
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eigentlich: Michelson
24.12.1907 Hamburg - 30.6.1996 Hamburg
Tänzerin, Tanzlehrerin, Choreografin, Meisterschülerin von Rudolf von Laban, seit 1928 Leiterin einer eigenen Tanzschule, 1939 Emigrtaion nach Südamerika, 1959 Rückkehr nach Hamburg, Mitbegründerin des Kreises Hamburger Ballettfreunde
Grablage: N 1-61
Bevor Erika Michelson die Künstlerinnenlaufbahn einschlug und sich mit Nachnamen Milee nannte, hatte sie eine kaufmännische Berufsausbildung absolviert. Doch schon als Kind hatte Erika Milee sich mit dem tanz beschäftigt und hatte ab ihrem siebten Lebensjahr Tanzunterricht bekommen. Deshalb brachte sie die kaufmännische Ausbildung auch nicht von ihrem Wunsch ab, sich dem Tanz zu widmen.
In Wikipedia-Eintrag über sie heißt es: "Ab 1926 erhielt sie eine Ausbildung in Rudolf von Labans' Tanzschule am Schwanenwik unter Leitung von Albrecht Knust. Zwei Jahre später bot sie in der eigenen Milee-Schule-Hamburg in der Rothenbaumchaussee erstmals selbst Unterricht in Chorischem und Bühnentanz und Gymnastik an. Ab 1930 stand sie mehrmals als Volontärin auf der Bühne des Essener Opernhauses (…). Außerdem besuchte sie im Ruhrgebiet die Folkwangschule.
1932 kehrte Milee wieder nach Hamburg zurück, wo sie im Januar/Februar 1933 am Hamburger Künstlerfest Himmel auf Zeit auftrat. Milee eröffnete mit ihren Darbietungen jeden Abend die Veranstaltungen im Curiohaus." 1)
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten durfte Erika Milee, die jüdischen Glaubens war, nicht mehr öffentlich auftreten. Ihre Mutter und Schwestern wurden in dieser Zeit ermordet.
Erika Milee durfte nur noch im Jüdischen Kulturbund auftreten Dort , so Barbara Müller-Wesemann, "übernahm sie die Verantwortung für den Tanz. Gemeinsam mit ihren Schülerinnen gestaltete sie mit großem Erfolg eigene Abende, trat im Kabarett Wille Hagens auf und schuf die tänzerischen Einlagen im Schauspiel. Zukunftsorientiert engagierte sie sich für eine fundierte Ausbildung des nunmehr ausschließlich jüdischen tänzerischen Nachwuchses. Nach der vorläufigen Schließung des Hamburger Kulturbundes übersiedelte sie 1939 nach Berlin und war im dortigen Kulturbund erneut als Tänzerin und Choreographin tätig. Im Oktober 1939 verließ sie mit Hilfe einer italienischen Tanzkompanie Deutschland. Über Italien und Portugal emigrierte sie nach Paraguay und übernahm in Ascuncion die Leitung einer von ihr angeregten Tanzabteilung an der Akademie für Theater, Musik und Malerei." 2) Außerdem hatte Erika Milee viele Auftritte.
1959 kehrte sie nach Hamburg zurück, wo sie im Stadtteil Eimsbüttel ein Tanzstudio für klassischen und modernen Tanz sowie Jazztanz und Gymnastik eröffnete.
1977 gründete sie den Kreis Hamburger Ballletfreunde mit.
Quellen:
1) Wikipedia: Erika Milee, abgerufen: 8.1.2018
2) Barbara Müller-Wesemann: Erika Milee,unter: http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/milee-erika

Quelle: Alternativer Wohlfahrtsverband Hamburg
Flora Neumann
23.2.1911 Hamburg - 19.9.2005 Hamburg
Namensgeberin für: Flora-Neumann-Straße, benannt 2010 in Stadtteil St. Pauli
Grablage: ZZ 11, Nr. 23
Die jüdische Widerstandskämpferin Flora Neumann wurde 1911 in Hamburg geboren und war Schülerin an der Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße (das Hauptgebäude ist unzerstört erhalten geblieben. In einigen Klassenräumen hat die
Hamburger Volkshochschule eine Gedenkstätte als Museum Dr. Albert-Jonas-Haus in der Karolinenstraße 35 eingerichtet). 1938 floh Flora Neumann mit ihrem Sohn nach Belgien und Frankreich und war im Widerstand gegen Hitler aktiv. Das Ehepaar wurde verraten und auf der Flucht getrennt. Ihren Sohn Bernhard konnten sie in einem belgischen Kloster verstecken. 1943 wurde Flora Neumann verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz bei Krakau (Polen) deportiert. Sie überlebte nicht nur das KZ Auschwitz, sondern auch den Todesmarsch 1945 Richtung Westen in das KZ Ravensbrück (damaliger brandenburgischer Landkreis Templin-Uckermark). Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus traf sie ihren Mann, der das KZ Buchenwald überlebt hatte, in Brüssel wieder.
1951 kehrte sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Hamburg ins Karolinenviertel zurück. Für jeden Tag, den sie im KZ hatten verbringen müssen, erhielten sie eine Entschädigung von 5 DM. Mit dem Betrag eröffneten sie in der Karolinenstraße eine Wäscherei.
Flora Neumann war außerordentlich aktives Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Bis ins hohe Alter hat sie an Hamburger Schulen als Zeitzeugin Tausende von Schülerinnen und Schüler über die Nazi-Zeit und ihre Greueltaten aufgeklärt.
2005 ist Flora Neumann im Alter von 94 Jahren gestorben. Im November 2010 wurde ein Teil der bisherigen Grabenstraße im Karolinenviertel nach Flora Neumann benannt. Im Rahmen des städtebaulichen Erneuerungskonzeptes St. Pauli-Nord/Karolinenviertel ist mit dem Richtfest für das jüdische Kulturhaus Karolinenviertel in der Turnhalle der ehemaligen Israelitischen Töchterschule an der neuen Flora-Neumann-Straße "ein weiterer Schritt gegen das Vergessen getan" (QN-Karolinenviertel, Nr. 61/Juni 2011, S. 5).
Flora Neumanns Lebenserinnerungen mit dem Titel "Erinnern, um zu überleben" (mit einem Nachwort von ihrer Nichte Peggy Parnass, Konkret-Verlag Hamburg 2006) sind ein bewegendes und seltenes autobiographisches Zeugnis jüdischen Widerstandes während der NS-Zeit sowie des Überlebens in Vernichtungslagern. Peggy Parnass beschrieb in ihrem Nachwort zu den Lebenserinnerungen Flora Neumann so: "Die kleine, große Widerstandskämpferin. Klein, kulleräugig, sinnlich, lebenslustig, liebevoll, charmant, fröhlich, warm, spontan, unendlich großzügig. Ihre KZ-Nummer: 74559. Hübsch und leserlich am linken Arm. Nicht auszuradieren. Flora, ihr Mann und ihr Sohn sind die einzigen Hamburger Juden, die als Familie überlebt haben. Die Bilder von Auschwitz haben Flora nie losgelassen. Bis zuletzt hat sie politisch Stellung bezogen, gegen Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit gekämpft. Wer sie kannte, liebte sie."
Text. Cornelia Göksu
Sidonie Werner
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16.3.1860 in der Nähe von Posen - 27.12.1932 Hamburg
Volksschullehrerin, Vorsitzende des Israelitischen Humanitäts-Frauen-Vereins und des Jüdischen Frauenbundes
Grablage: L 1, 2
Geboren in einer angesehenen jüdischen Gelehrtenfamilie, war Sidonie Werners Bildungsweg fast schon vorprogrammiert: Besuch der höheren Mädchenschule, dann Lehrerinnenseminar. Nach Abschluss der Lehrerinnenausbildung Arbeit als Volksschullehrerin zuerst in Altona, später in Hamburg.
Sidonie Werner blieb unverheiratet. Ihr Leitspruch hieß: "Gesegnet wer seine Arbeit gefunden." Danach lebte sie, und als sie an ihrem 70. Geburtstag, zu dem neben dem Senat auch Emma Ender (ihr Erinnerungsstein steht im Garten der
Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof) und Klara Fricke (ihr Erinnerungsstein steht im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof) gratulierten, auf ihr Leben zurückblickte, kam sie zu dem Schluss, dass: "der Segen der Arbeit aus einem einsamen Leben ein reiches, beschwingtes, weitblickendes Leben" machen kann.
Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin arbeitete Sidonie Werner aktiv in der bürgerlichen Frauenbewegung. Dort vertrat sie den keineswegs von allen Frauen getragenen Standpunkt, dass sich Frauen nicht nur auf karitative Aufgaben beschränken sollten. Sie sollten stattdessen verstärkt versuchen, in die hauptsächlich von Männern besetzten Verwaltungsausschüsse zu gelangen, um mehr politischen Einfluss zu bekommen. Zudem hielt Sidonie Werner eine qualifizierte Berufsausbildung für Frauen für unerlässlich. Deshalb gehörte sie 1893 auch zu den Mitbegründerinnen des Israelitischen-Humanitäts-Frauen-Vereins (IHF), der einen Schwerpunkt seiner Arbeit in der Förderung von Frauenbildung, Frauenberuf und sozialer Frauenarbeit sah. Von 1908 bis 1932 wurde sie dessen Vorsitzende.
Der Verein gründete eine Ausbildungs- und Arbeitsstätte für Frauen und Mädchen plus Mittagstisch, einen Arbeitsnachweis für weibliche kaufmännische Angestellte und ein Kindererholungsheim in Bad Segeberg, dem eine Haushaltungsschule mit Gartenbetrieb angeschlossen war. In dieser Zeit gehörte Sidonie Werner auch zu den ersten Mitgliedern des 1904 auf Reichsebene gegründeten "Jüdischen Frauenbundes", dessen Vorsitzende sie von 1915 bis 1925 war. Sidonie Werner schrieb für diesen Verein die erste Flugschrift über das Frauenwahlrecht.
Als der Erste Weltkrieg begann, schloss sich der IHF dem Frauenausschuss der Hamburgischen Kriegshilfe an. 1915 war Sidonie Werner Gründungsmitglied des Stadtbundes Hamburgischer Frauenvereine, dessen stellvertretende Vorsitzende sie wurde. Emma Ender wurde ihre Vorstandskollegin. Außerdem erhielt Sidonie Werner den Vorsitz im Vereinsheim für jüdische Mädchen.
1919 wurde Sidonie Werner auf die Kandidatenliste der DDP (Deutsche Demokratische Partei) zur Bürgerschaftswahl aufgestellt, erhielt allerdings nur den aussichtslosen Listenplatz 76.
Als Sidonie Werner starb, lobte der Hamburger Anzeiger nicht nur Sidonie Werners soziales Engagement, sondern auch ihre Verdienste für ihr Vaterland Deutschland: "Sie wollte nicht nur den Armen und Bedürftigen helfen, sie wollte auch die Wohlhabenden befreien von dem seelischen Individualismus, wollte sie hinführen zum Wirken für die Gemeinschaft. Das war das Ziel, das sie verfolgte mit zähem Eifer und unermüdlicher Tatkraft. Es würde aber ein wichtiger Zug ihres Wirkens fehlen, wollten wir nicht auch ihrer starken seelischen Verbundenheit mit deutscher Kultur und deutschem Vaterland gedenken. Diese Verbundenheit hat sich gezeigt in der Cholerazeit, als sie in vorderster Linie ihre Pflicht erfüllte; sie hat sich gezeigt während der Kriegszeit, als sie eine mustergültige Hilfsorganisation schuf, sie hat sich zuletzt gezeigt in der Winterhilfe für die deutsche Not." Sidonie Werner lebte zuletzt in der Husumerstr. 1.
Text: Dr. Rita Bake