Erinnerungssäule
Seit November 2021 befindet sich eine Erinnerungssäule im Garten der Frauen. Sie ist die Nachfolgerin der Erinnerungsspirale, die von ihren Ausmaßen her nun ihr Ende erreicht hat.

Bildnachweis: Antje Fretwurst-Colberg, Dändorf
Ayong Colberg,
geb. Anne Marie Heitmann
(23.8.1911 Yokohama - 4.9.1996 Hamburg)
Friedensaktivistin, Vorsitzende der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit Hamburg
Elmweg 10 (Wohnadresse)

Ayong Colberg, mit dem Geburtsnamen Anne Marie Heitmann geboren am 23.8.1911 in Yokohama (Japan), war die Tochter einer Japanerin, die den holländischen Wissenschaftler Dr. J. C. Geerts (1843-1883) zum Großvater hatte. Dr. Geerts leitete in Yokohama und Tokio ein medizinisches Forschungsprojekt über eine in Japan verbreitete Augenkrankheit und entwickelte für den japanischen Kaiserhof ein Medikament gegen dieses Leiden. Er gründete in Tokio das Hygiene-Institut und trat entschieden für eine Gesundheitsreform ein, die der Allgemeinheit zugutekommen sollte.
Ayongs Mutter Jakoba Geerts, die zum Schintoismus neigte, war in Yokohama mit dem Hamburger Kaufmann und Freimaurer Carl Heitmann (1874-1927) verheiratet. Das Paar lebte wohlhabend auf dem "Ausländerhügel" Yokohamas, mit Hausangestellten und eigener Parkanlage. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, so auch die 1911 geborene Anne Marie Heitmann, später Ayong genannt.
Da das deutsche Kaiserreich sich vor dem Ersten Weltkrieg mit den Gegnern Japans verbündet hatte, verließ Carl Heitmann bereits 1913 eilig das Japanische Kaiserreich. Seine in Japan verbliebene Familie wurde interniert, konnte ihm aber 1920 auf einer abenteuerlichen Überfahrt nach Hamburg folgen, bei der das teure japanische Familienporzellan in Scherben ging. In Hamburg angelangt, wurde Jakoba, Carls asiatisch aussehende Ehefrau, mit den beiden Töchtern keineswegs mit offenen Armen empfangen. Die Eheleute hatten sich sieben Jahre lang nicht gesehen; sie sprach kaum Deutsch. Schuljungen warfen Steine hinter ihr her. Sie begann, die Öffentlichkeit zu meiden; eine alte Erkrankung sorgte für ihre Schwerhörigkeit. 1956 verstarb sie, unverstanden und einsam, schwer an Parkinson leidend, in einem Hamburger Alten- und Pflegeheim. Sie wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.
1920, in der Zeit der Inflation, fehlte das Geld, um Ayongs Schwester Lieschen in einer höheren Schule unterzubringen; sie begann eine "bankkaufmännische Lehre" und arbeitete später in der Landeszentralbank am Rathausmarkt in Hamburg. Alleinlebend, hielt sie nicht nur die Kontakte zu den Schwestern der Mutter, sondern pflegte auch in Hamburg die Kultur ihrer Heimat, kochte und kleidete sich japanisch, besaß japanische Bildbände und Rollbilder und versuchte sich in der japanischen Zeichenschrift. Sie starb 1971.
Ayong kam 1920 mit 9 Jahren auf die "Klosterschule", eine bekannte liberale Schule. Als der Vater 1927 Suizid beging, musste sie die Schule verlassen. Ayong erlernte den Beruf einer Buchhändlerin und bekam Arbeit in einer jüdischen Buchhandlung. Auch übernahm sie die Leitung einer privaten Leihbücherei. Ayong wusste nicht, auf welche Weise der jüdische Besitzer der Buchhandlung nach 1933 plötzlich verschwunden war. Als aber zeitgleich die Nationalsozialisten die Buchhandlung übernahmen, kündigte sie trotz der hohen Erwerbslosigkeit ihre Stellung. Ihr wurde ein Arbeitsplatz in der Kampnagel-Fabrik zugewiesen, die zu dieser Zeit bereits eine Munitionsfabrik war. Wegen ihrer offenen Meinungsäußerung gemaßregelt, kündigte sie wieder. Sie wurde arbeitslos.
Sie lebte in Hamburgs Innenstadt in einer Wohngemeinschaft ("Gr. Bleichen" 22), wo in einem Freundeskreis von Gleichgesinnten sehr viel politisch diskutiert wurde. Als die Schwester des verstorbenen Vaters, Tante Clara, sie einmal unverhofft besuchte und entsetzt feststellen musste, dass ihre Nichte in einer Wohngemeinschaft lebte, wurde Ayong von ihr enterbt. In der WG wurde sie, wohl wegen ihrer japanischen Herkunft, "Ayong" gerufen. Diesen Rufnamen behielt sie bis zum Lebensende.
An gesellschaftlichen Geschehnissen interessiert, begann sie, die "Weltbühne" zu lesen. Als sie zur Reichstagswahl im November 1932 erstmals wählen durfte, gab sie der KPD ihre Stimme. Sie sei gefühlsmäßig Antifaschistin gewesen, sagte sie später über diese Zeit. Am Widerstand gegen Hitler habe sie sich aber nicht direkt beteiligt. Seit 1932 hatte sie Kontakte zur Künstlerszene in Hamburg. Hier lernte sie 1938 den sozialdemokratischen Maler und Grafiker Willy Colberg kennen, der am Vortag der Pogromnacht zwangsweise in Hamburg eingetroffen war. In Palästina hatte er auf einer kleinen Bootswerft jüdische und arabische Jugendliche im Bootsbau ausgebildet, musste aber wegen der Gefahr, als Deutscher von der britischen Mandatsmacht interniert zu werden, fliehen und landete nun unfreiwillig wieder in seiner Heimatstadt Hamburg.
1939 heirateten Willy und Ayong. Sie hatten am Hopfenmarkt, im obersten Stockwerk eines Hauses im Zentrum Hamburgs, eine Wohnung gefunden, in der Willy endlich auch wieder als Maler und Grafiker arbeiten konnte. Allerdings war diese Zeit für ihn begrenzt, denn er musste auf der Werft Bloom & Voss als technischer Zeichner arbeiten. 1940 kam die Tochter Antje zur Welt.
In den Bombennächten des Kriegsjahres 1943, als Willy als Feuerwehrmann Dienst tun musste, durchlitt sie mit ihrer 3-jährigen Tochter die schlimmsten Stunden und Tage ihres Lebens. Die Wohnung brannte vollständig aus. Die dreiköpfige Familie flüchtete nach Süddeutschland, bis sie nach Hamburg zurückkehren durfte und in Rahlstedt unterkam (Kampstraße 9). Anfang 1944 wurde Willy zur Wehrmacht eingezogen. Gegen Ende des Jahres nahm sie Jens, den Verlobten einer Freundin, bei sich auf. Da dieser in der rassistischen NS-Ideologie als "Halbjude" galt, war er aufgefordert worden, sich auf einem Amt bei Ohlsdorf zu melden. Damit er sich dem entziehen konnte, versteckte Ayong ihn bei sich. Er lebte auf dem seitlichen Dachboden, der nur durch eine quadratmetergroße Luke zu erreichen war, vor die Ayong einen Schrank gestellt hatte. Auch wenn sie anonyme Briefe mit Lebensmittelkarten bekam, fiel es ihr nicht leicht, ihren Schützling Jens mit zu ernähren.
Nach der Rückkehr von Willy im Jahr 1946 bekam die Familie 1947 eine Wohnung unweit der Elbe in Klein Flottbek zugewiesen (Quellental 8). Dort wurde die Tochter Antje eingeschult. Und Willy konnte sich ein Atelier einrichten. Ayong und Willy traten der KPD bei. Ayong wollte sich nun politisch engagieren.
Die britische Besatzungsmacht erteilte die Erlaubnis, antifaschistische Frauenausschüsse zu gründen. Ayong baute den "Frauenausschuss Elbgemeinde" auf. Zunächst stand die karitative Arbeit im Vordergrund, denn viele Frauen waren Witwen geworden und hausten allein mit ihren Kindern in Kellern und Ruinen. Aus den Frauenausschüssen heraus gründete sich bald der "Demokratische Frauenbund Deutschlands" (DFD).
Ayong lernte durch ihr Engagement Magda Hoppstock-Huth von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) kennen. Diese schätzte Ayongs Fähigkeiten bald so sehr, dass sie ihr in der Liga wichtige Aufgaben übertrug. 15 Jahre lang blieb Ayong Vorsitzende der Hamburger Ligagruppe (IFFF).
Im August 1960, beim VI. Kongress gegen Krieg und Atom- und Wasserstoffbomben in Tokio, vertrat Ayong die deutsche Sektion der IFFF mit einer Rede. Sie wurde in Japan besonders herzlich empfangen, man fuhr sie nach Yokohama und nach Tokio zum Denkmal ihres Großvaters Dr. J. C. Geerts am Tokioter Hygieneinstitut.
In den Jahrzehnten nach dem Krieg war Ayong unentwegt mit ihrer politischen und sozialen Arbeit im Frauenausschuss, im DFD und nach dem DFD-Verbot vor allem in der Liga (IFFF) beschäftigt. Oft ging sie schon sehr früh in das IFFF-Büro in der Schauenburgerstraße in Hamburgs Altstadt. Ihre Tochter, die sie manchmal dort besuchte, erinnert sich noch heute an diese Räume.

Auch als Ayongs Ehemann schwer erkrankte und 1986 starb, blieb sie weiter aktiv. Sie zog in eine kleine 2-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Horn (Von-Elm-Weg 10). Sie hatte, um später eine Rente in Anspruch nehmen zu können, von der sie auch leben und ihre Miete bezahlen konnte, eine Arbeit bei der Firma "Ihle" aufgenommen, die vorwiegend Ost-West-Handel betrieb.
Auch wenn ihr Herz schwächelte und ihr das Gehen schwerfiel, engagierte sie sich weiter, zumal sie Auto fuhr und dadurch beweglicher war. Im Mai 1985, zum 70. Jahrestag der IFFF, verfasste Ayong den historischen Rückblick auf die IFFF-Geschichte und trug ihn zum Jubiläum vor. Die Liga hatte in jenen Jahren Zulauf von vielen jungen Mitgliedern, darunter Studentinnen, Schriftstellerinnen und Journalistinnen, auch aus evangelischen Kreisen. Ayong wollte da nicht zurückstehen. So besuchte sie in ihren letzten Lebensjahren an der Hamburger Universität Vorlesungen in Geschichte und Philosophie.
Die Friedensaktivistin Ayong Colberg ist am 4. September 1996 in Hamburg verstorben. Sie wurde 85 Jahre alt. Ihre Tochter, die Künstlerin Antje Fretwurst-Colberg, lebt seit vielen Jahrzehnten in Mecklenburg-Vorpommern.
Text: Antje Fretwurst-Colberg, Dändorf, November 2022
Anna Margarete Marie "Liesel" Deidesheimer
(14.11.1905 Neumünster - 25.4.1993 Hamburg)
Kinderärztin
Liesel Deidesheimer verstarb im Alter von 87 Jahren in Hamburg - nach einem Leben im Dienst ihrer Patientinnen und Patienten. Während der NS-Zeit soll sie sich geweigert haben, der NSDAP beizutreten. Die Folge war nach Angaben ihrer Tochter 1941 eine "Strafversetzung" nach Aussig an der Elbe, in die Provinz, um dort eine "Heilanstalt für lungenkranke Arbeitsmaiden" zu leiten. Als die Tochter schulpflichtig wurde, durfte die Ärztin mit ihr nach Hamburg zurückkehren. Hier kam sie ans Kinderkrankenhaus Rothenburgsort (KKR). Dort war von 1940 bis Kriegsende eine von mehr als 30 "Kinderfachabteilungen" des Dritten Reichs eingerichtet. Der überzeugte Nationalsozialist
Dr. Wilhelm Bayer (1900 bis 1972) leitete das KKR quasi als Alleinherrscher, der keinen Widerspruch duldete. In der "Kinderfachabteilung" des KKR wurden Kinder mit Behinderung durch den "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" eingewiesen. Ziel war es, diese Kinder dort zu töten. Bayer ließ seine Assistenzärztinnen den Kindern eine Überdosis des Schlafmittels Luminal spritzen. Mindestens 56 Kinder, wahrscheinlich aber noch viel mehr, wurden im KKR so ermordet. Liesel Deidesheimer war eine von nur vier jungen Ärztinnen, die sich diesem Ansinnen verweigerten, während die übrigen meist ohne Skrupel die Todesspritzen verabreichten.
Liesel Deidesheimer wuchs in einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie in Neumünster aus. Als die Textilfabrik 1913 abbrannte, ging ihr Vater Alfred Hanssen mit seiner Familie nach Hamburg und baute dort einen Lebensmittel-Großhandel auf. Hamburg wurde für Liesel Deidesheimer zur Heimat.
1934 heiratete sie den aus Passau stammenden Chirurgen Hans Deidesheimer. Das Paar lernte sich während des Medizinstudiums in Marburg kennen, wo die junge Hamburgerin nur zwei Semester studierte, während sie ihr Hauptstudium in ihrer Heimatstadt absolvierte. Dr. Hans Deidesheimer machte sich als Chirurg und als Gynäkologe einen Namen. 1936 wurde die einzige Tochter Susanne geboren. Bereits 1941 ließ sich das Paar scheiden. Die Medizinerin war seit der Hochzeitsreise gehandicapt, da eines ihrer Beine nach einem Bruch einige Zentimeter kürzer war als das andere. Nach Darstellung ihrer Tochter soll die Kinderärztin dafür gesorgt haben, dass ein befreundetes jüdisches Ehepaar NS-Deutschland verlassen konnte und so den Holocaust überlebt hat. "Das Ehepaar hatte irgendwie mit Lebensmitteln zu tun. Der Sohn hieß Martin. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass sie rauskamen. Als ich sie gefragt hatte, wo denn der Martin sei, hat sie mir geantwortet, dass die ins Ausland gefahren sind", erinnerte sich Tochter Susanne Marek.
Nach dem Krieg engagierte sich die Medizinerin für soziale Außenseiter. "Meine Mutter war die einzige Kinderärztin in der Gegend, die die Kinder in den Nissenhütten versorgte", erinnert sich Susanne Marek an eine Siedlung im Westen Langenhorns. Die Kinderärztin versorgte auch Familienangehörige, wenn sie bei der Untersuchung der Kinder feststellte, dass auch sie krank waren. Und manche von ihnen, die später straffällig geworden waren, forderten sie auch in der Strafanstalt Fuhlsbüttel an. Dort lernte sie ihren späteren Chauffeur kennen, der sie nach seiner Haftentlassung ab Mitte der 1980er Jahre zu Hausbesuchen fuhr. Sie selbst war in fortgeschrittenem Alter nicht mehr in der Lage, Auto zu fahren.
Die Pädiaterin lebte bis auf zwei kurze Unterbrechungen in Hamburg. 1943 findet sie sich im Adressbuch als Ärztin an der Neubertstraße, wo sie mit ihrer Tochter wohnte. "Ich erinnere meine Mutter immer lesend in ihrem ganz bequemen Schreibtischstuhl. Ich vermute, dass sie in dieser Zeit für ihren Facharzttitel gebüffelt hat", sagte Susanne Marek. Noch im Jahr 1943 zogen Mutter und Tochter ins Haus ihrer Eltern an der Uhlandstraße um, weil sie an der Neubertstraße ausgebombt wurden. 1954 findet sie sich als Fachärztin für Kinderkrankheiten mit ihrer Praxis am Eibenweg in Fuhlsbüttel und privat mit ihrer Wohnung am Brombeerweg, ebenfalls in Fuhlsbüttel. Später verlegte sie ihre Praxis an den Woermannstieg in Fuhlsbüttel. Mit Praxis und Wohnung wechselte Deidesheimer dann etwa 1968 an den Maienweg. Anfang der 1980er Jahre zog die mittlerweile betagte Ärztin in den ersten Stock eines Drei-Parteien-Hauses, das an der Straße "Schanzenberg" in Hummelsbüttel liegt.

Bis ins hohe Alter hatte sie in ihrer Privatwohnung ein Untersuchungszimmer eingerichtet, in dem sie Patientinnen und Patienten empfing. "Dass sie so lange tätig war, das hat sie am Leben erhalten", ist sich ihre Enkelin Christiane sicher. Sie lebte während ihrer Ausbildung zur Arzthelferin von 1985 bis 1987 bei ihrer Oma. Mütter ehemaliger Patientinnen und Patienten kümmerten sich in ihren letzten Lebensjahren um die Kinderärztin. Sie war zum Schluss verarmt, weil sie wenig für ihre Altersversorgung getan hatte und nicht mit Geld umgehen konnte. Während sie als Kinderärztin "sehr energisch und dominant" sein konnte, wie sich die Mutter zweier ehemaligen Kinderpatienten erinnerte, so soll sie im Alter "sehr mild und geistig noch recht lange rege" gewesen sein.
Von nahezu allen ihrer ehemaligen KKR-Kolleginnen, die dort Kinder mit Behinderung getötet hatten, ist nicht überliefert, dass sie nach dem Krieg Kinder mit Behinderung behandelt hätten. Liesel Deidesheimer war mit der 20 Jahre jüngeren Sofie Brinkmann befreundet. Sie entdeckte, dass ihr 1952 geborener Sohn Peter behindert war. Sie kümmerte sich noch um ihn, als er schon ein junger Mann war. Zum Ende hatte sie selbst nahezu nichts mehr. Für ihre Patientinnen und Patienten und ihre Tochter und Enkelin gab sie quasi ihr letztes Hemd.
Text: Andreas Babel
Lea Manti
Pseudonym von Mart(h)a Mandt
(13.08.1886 in Elberfeld - 12.07.1960)
Kunstpfeiferin und Theaterleiterin
" die nicht nur auf weibliche Kleidung, sondern auch auf den kleinen Fingern pfeift" - so wurde Lea Manti auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in der Presse beschrieben. Zur Zeit des deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der NS-Diktatur war sie als Kunstpfeiferin erfolgreich und weltbekannt.
Die als Mart(h)a Mandt in Elberfeld (heute zu Wuppertal) geborene Künstlerin pfiff auf ihren kleinen Fingern mühelos und völlig ohne Instrumente einprägsame Melodien, sogar anspruchsvolle Opernarien und Konzertstücke. Dabei trat sie spätestens seit 1911 mit zurückgekämmten kurzen Haaren und in einem violetten Frack auf. Die Künstlerin hatte sich
der "Internationalen Artisten-Loge" angeschlossen, einem Berufsverband, der für die soziale Absicherung der Kunstschaffenden sorgen sollte.
Über Jahrzehnte wurde Lea Manti für eine beeindruckende Performance gefeiert. Die Hamburger Autorin und Kollegin Lena Düveke (1887-1950) notierte ihr zu Ehren:
Sie hat das "wunderbar weiche, glockenreine Piano in ihrem Pfeifen, und doch kann sie ein volles Militärorchester von 60 Mann übertönen".
Zu hören war Lea Manti in den großen Varietés der Metropolen, in Deutschland, der Schweiz, in Österreich, im damaligen Böhmen, Polen, Belgien, Italien, Norwegen und in den Niederlanden sowie in England. Auch außerhalb Europas war Lea Manti unterwegs: 1913 trat sie Südafrika auf, 1924 in Kentucky/USA.
Zwischen nationalen und internationalen Engagements wurde sie viele Male für Hamburg, Frankfurt am Main und mehrmals auch für Berlin verpflichtet. Mitunter stand sie nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne: Sie leitete für einige Jahre in Frankfurt ihre eigenen "Künstlerspiele" und in Hamburg, wo sie sich ab Herbst 1931 dauerhaft niederließ, "Lea Mantis Künstler-Club". Zudem ging sie weiter auf Tournee. Anfang der 1930er Jahre war sie nicht nur im legendären Berliner Varieté "Scala" gern gesehen, sondern auch in der Berliner Subkultur: Für einige Wochen empfing sie die Gäste der lesbischen Clubgröße Lotte Hahm (1890-1967) und pfiff in deren Lokalen "Monokel-Diele" und "Manuela". Als das Nazi-Regime im Januar 1933 an die Macht kam und die meisten Subkulturorte schloss, trat Lea Manti in den ersten Jahren noch ungehindert im ganzen Reich und im angrenzenden Ausland auf. Zudem war sie 1937/38 maßgeblich an der Gestaltung eines Hamburger Kabaretts beteiligt. Nach dessen Schließung (1938) kam die Künstlerin in existenzielle Bedrängnis und ließ sich von der Reichstheaterkammer mit Hilfe des Fonds "Künstlerdank", den NS-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897-1945) ins Leben gerufen hatte, finanziell unterstützen.
Ihr Erfolg blitzte dann noch einmal auf: Bis 1943 sind Auftritte von Lea Manti in verschiedenen Theatern belegt. Ihren Lebensabend verbrachte die Kunstpfeiferin mit ihrer letzten Lebensgefährtin, der Tänzerin Betti Scheuing (1913-1996), im Norden von Hamburg.
Lea Manti gehörte sicher zu den ersten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die sich selbst als androgyn inszenierten. Damit dürfte sie für viele inspirierend und wegweisend gewesen sein.
Text: Ingeborg Boxhammer
Erna Nakoinzer
(5.11.1904 Hamburg - 21.1.1983 Hamburg)
Verleugnetes Opfer des Nationalsozialismus
August-Krogmann-Straße 100 (ehemaliges Versorgungsheim Farmsen)
Erinnerungsmedaillon an der Erinnerungssäule im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Erna Nakoinzer war die Tochter des Drechslers Karl Nakoinzer und seiner Frau Katharina. Sie hatte Lernschwierigkeiten und besuchte die Hilfsschule. Einen Beruf konnte sie anschließend nicht erlernen, sondern führte ihren Eltern in der Lincolnstraße in Hamburg-St. Pauli den Haushalt. Ein Arzt wollte Erna in die damaligen Alsterdorfer Anstalten einweisen, weil er sie für geistig behindert hielt. Doch dagegen verwahrten sich ihre Eltern.
Nach deren Tod lebte Erna Nakoinzer zunächst noch mit einer Schwester zusammen und zog dann zu ihrem Bruder in die Erichstraße in St. Pauli. Auch ihm führte sie den Haushalt. Eine Fürsorgerin notierte im Sommer 1932 bei einem Hausbesuch: Erna müsse auf einer zerbrochenen Chaiselongue auf dem sehr schmutzigen Dachboden leben, es sei "glühend heiß dort, voller Gerümpel" und "als Schlaf- oder Aufenthaltsraum für einen Menschen unmöglich". Daher bat die Fürsorgerin die Sozialbehörde dringend darum, Erna zumindest "ein ordentl[iches] Bett zu befürworten".
Ende 1932 brachte Erna Nakoinzer eine Tochter zur Welt, die sie Ruth nannte. Das Jugendamt entzog ihr das frühgeborene Kind und brachte es in ein Waisenhaus, wo es mit nur fünf Monaten starb. Mehrfach hatte Erna Nakoinzer das Fürsorgeamt um Fahrgeld gebeten, um Ruth im Heim stillen zu können. Im August 1933 verhaftete die Polizei sie wegen angeblich "ha?ufig wechselndem Geschlechtsverkehr" - eine Chiffre von Behörden für Frauen, denen sie Prostitution nicht nachweisen konnten, deren Sexualleben aber nicht der herrschenden Moral entsprach. Wenig später wies das für "sexuell gefährdete Frauen und Mädchen" zuständige Hamburger Pflegeamt Erna Nakoinzer in die geschlossene Abteilung des städtischen Versorgungsheims Farmsen ein. Polizisten brachten sie dorthin. Ihr einziger Besitz bestand aus wenigen Kleidungsstücken, die sie in einem Koffer bei sich trug. In dem Heim sollten angeblich arbeitsscheue Fürsorgeempfänger*innen sowie Alkoholkranke durch Arbeit "gebessert" werden. Tatsächlich aber handelte es sich um eine Bewahranstalt, in der sie unter Ausbeutung ihrer Arbeitskraft so billig wie möglich untergebracht wurden und "fügsam" gemacht werden sollten. Erna Nakoinzer musste im Waschhaus arbeiten - eine anstrengende Tätigkeit, bei der die dort eingesetzten Frauen stundenlang standen. Wegen geschwollener Füße durfte sie später in den Kartoffelschälkeller wechseln. Auch bestrafte das Personal jedes Fehlverhalten der Insass*innen mit teilweise drakonischen Maßnahmen wie Dunkelhaft in einer Einzelzelle bei Wasser und Brot. Noch 1933 wurde Erna Nakoinzer entmu?ndigt, weil sie ihre Angelegenheiten angeblich nicht selbst regeln konnte. Der leitende Oberarzt der Hamburger Gesundheitsbehörde, Paul Peters, hatte bei ihr "Geistesschwäche" diagnostiziert, durch die sie "in höchstem Maße sexuell gefährdet" wäre, sowie eine Depression infolge hochgradiger Erschöpfung - angesichts des frühen Todes ihrer kleinen Tochter und der Umstände, unter denen sie leben musste, nicht verwunderlich. Im Jahr darauf wurde Erna Nakoinzer in der Hamburger Frauenklinik Finkenau zwangssterilisiert. Mit diesem chirurgischen Eingriff hinderte das NS-Regime all jene daran, Kinder zu gebären, die ein so genanntes Erbgesundheitsgericht aus zwei Ärzten und einem Juristen für "minderwertig" und "erbkrank" erklärte. 1939 u?bernahm die Pflegeamtsleiterin Ka?the Petersen Erna Nakoinzers Vormundschaft. Um zügig und ohne den Widerstand der Betroffenen oder ihrer Angehörigen so viele "gefährdete" und angeblich geistesschwache Frauen wie möglich entmündigen zu können und danach sterilisieren zu lassen, hatte Petersen - reichsweit einmalig - das Prinzip der Sammelvormundschaft eingeführt. Sie war damit gleichzeitige Vormundin von Hunderten von Frauen.
Erna Nakoinzer verließ das Versorgungsheim Farmsen nicht mehr. Sie arbeitete weiter im Kartoffelkeller, im Waschhaus oder auf dem Feld des Staatsguts Farmsen. An Feiertagen holten ihre Schwestern oder ihr Bruder sie gelegentlich zu sich nach Hause. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des NS-Systems 1945 änderte sich nichts für sie. 1962 beschloss das Hamburger Amtsgericht, dass ihre Unterbringung in der geschlossenen Abteilung des Versorgungsheims "zu ihrem Wohl" weiter nötig sei. 1971 wurde sie auf die Pflegestation verlegt. Als sie mit 78 Jahren starb, hatte sie fast 50 Jahre ihres Lebens zwangsweise in einer städtischen Fürsorgeanstalt verbracht. Und obwohl sie Jahrzehnte lang dort gearbeitet hatte, erwarb sie keine Rentenansprüche. Nach ihrem Tod listete das Heim ihren Besitz auf: wenig Kleidung und Modeschmuck, ein defektes Fernsehgerät, eine Puppe und ein Stofftier. Vermerk: "wertlos". Bestattet wurde sie auf dem Ohlsdorfer Friedhof.
Text: Frauke Steinhäuser

Die Verfolgung mittelloser, unangepasst lebender Menschen im nationalsozialistischen Hamburg

Der Terror des NS-Staates traf auch unter Armut leidende Menschen, die sich den Regeln für die "Volksgemeinschaft" nicht anpassen konnten oder wollten. Betroffen waren Bettler*innen, Wohnungslose, Wanderer, Sinti*ze und Rom*nja, Jüdinnen*Juden, säumige Unterhaltspflichtige, Zuhälter, Alkoholkranke, Prostituierte und Frauen, deren Sexualleben von der herrschenden Moral abwich. So unterschiedlich die Genannten waren - eines verband sie in den Augen der NS-Behörden: Sie hätten ihre Lage selbst verschuldet, drückten sich angeblich vor der Arbeit und wurden als "asozial" abgewertet. Schon im September 1933 ordnete das Reichsinnenministerium eine "Bettlerrazzia" an. Allein in Hamburg nahm die Polizei 1400 Personen fest.
Eine der gravierendsten Zwangsmaßnahmen gegenüber hilfsbedürftigen und unangepassten Menschen war die Entmündigung. Mit diesem Instrument ließen Fürsorgebehörden sie in großer Zahl in sogenannte Wohlfahrtsanstalten einweisen und zwangssterilisieren. Letzteres betraf bis 1945 in Hamburg fast 16.000 Personen. Jeder Widerstand konnte dazu führen, noch stärker ins Visier der Behörden zu geraten. Trotzdem lehnten sich manche gegen die Drangsalierungen auf. Sie widersprachen einem Sterilisationsbeschluss oder wagten die Flucht aus einer Fürsorgeanstalt.
Ende 1937 erhielt die Polizei noch mehr Macht. Der "Grundlegende Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung" ermöglichte es ihr nun auch ohne den Nachweis einer Straftat all jene, die ihrer Meinung nach "durch [...] asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdete[n]" zeitlich unbefristet nicht nur in Arbeitshäuser wie in Hamburg die Bewahranstalt Farmsen, sondern auch in ein KZ einzuweisen.
1938 lieferten Gestapo und Kriminalpolizei bei zwei reichsweiten Großrazzien ("Aktion Arbeitsscheu Reich") Tausende vermeintlich Arbeitsunwillige in Konzentrationslager ein. Aus Hamburg inhaftierten sie über 500 Personen in den KZ Buchenwald, Sachsenhausen und Lichtenburg. Dort kennzeichnete die SS sie mit einem schwarzen Stoffdreieck ("Winkel") als "asozial". Die Überlebenschancen dieser Häftlingsgruppe waren gering. Mit der Diagnose "moralischer Schwachsinn" wurden zudem viele als "asozial" stigmatisierte Menschen in Anstalten der NS-Medizinverbrechen getötet.
Die Kapitulation des NS-Regimes 1945 brachte den im KZ Inhaftierten die Freiheit. Doch sie waren seelisch und körperlich schwer gezeichnet. Die in Fürsorgeanstalten Zwangseingewiesen wurden nicht entlassen. Entmündigungen blieben bestehen. Die meisten, die in Behörden, Anstalten und Kliniken für das Leid der Verfolgten verantwortlich waren, setzten ihre Tätigkeit ungestraft fort. Schon Mitte Mai 1945 erklärte die Hamburger Sozialbehörde, nur politische NS-Opfer zu entschädigen. Verfolgung und KZ-Haft als "asozial" galten nicht als "nationalsozialistisches Unrecht", sondern als staatliche Ordnungsmaßnahme. Erst 2020 beschloss der Deutsche Bundestag die Anerkennung aller als "asozial" Verfolgten als NS-Opfer. Damit stand ihnen nun endlich eine Entschädigung zu. Doch fast niemand war mehr am Leben.
Text: Frauke Steinhäuser
Marie von Roskowska
(12.10.1828 Bromberg/ ehem. Hauptstadt Provinz Posen, seit 1920 Bydgoszcz/Polen - 11.10.1889 Hamburg)
Buchhändlerin, Schriftstellerin, Erzählerin
( Marie von Roskowska, (Friederica Wilhelmine Clara Roskowski) (Pseudonyme: Friedrich Clar, Gerd von O/o/sten, und A. Albert) )

Neustr. 44 (heute Ifflandstraße), Hamburg-Hohenfelde [1]

Sie war vermutlich Tochter des Verlegers C. M. von Roskowski und arbeitete zunächst in seiner Buchhandlung in Bromberg. 1863 zog Roskowski unter der gleichen Geschäftsfirmierung nach Berlin, zwei Jahre später war der Registereintrag des Unternehmens erloschen [2].
Marie von Roskowska lebte nun als freie Schriftstellerin in Berlin. 1888 zog sie nach Hamburg, wo sie ein Jahr später verstarb [3]. Marie von Roskowska gehört zu den heute vergessenen, im 19. Jahrhundert jedoch wohlbekannten und gern gelesenen Autorinnen gehobener Unterhaltungsliteratur. Ihre Werke wurden auch ins Schwedische und Englische übersetzt. Sie verfasste Erzählungen, Novellen und Romane. Wie zahlreiche Autorinnen des 19. Jahrhunderts musste sie auch unter Pseudonym veröffentlichen. Dies geschah oft aus ökonomischen Gründen: Werke von weiblichen Verfasserinnen waren schlecht verkäuflich, denn standesgemäß verdiente der Mann/Gatte das Familien-Einkommen. Möglich ist aber auch Diskretion aus politischen Gründen. Ihre literarischen Werke gehören zwar zum großen Teil dem populären Genre der "Jugend- bzw. Mädchenliteratur" an. Aber sie verfasste auch historische Romane. Dabei thematisierte sie - vermutlich ihrer Herkunft wegen - die sogenannte Polnische Frage [4].
In ihrer 1862 erschienenen Erzählung "Deutsche Sklaven oder Colonisten", die sie für die "Jugend und das Volk" geschrieben hatte, warnte sie vor der Auswanderung nach Brasilien. Sie brachte "mit Ernst und Nachdruck die empörenden Verhältnisse der Colonisten zur Sprache" [5] und klagte an: "die eingewanderten Arbeiter würden in Brasilien nur als ein Ersatz für die schwarzen Sklaven betrachtet und behandelt". [5] Marie von Roskowskas' Jugendbücher zu diesem Thema sollten: "die Schichten der Bevölkerung erreichen, die sich inspiriert durch die Propagandaliteratur von professionellen Organisationen der Auswanderung und angesichts der sozialen Verelendung am ehesten zum Verlassen von Deutschland entschließen konnten". [5] Roskowskas' Erzählung handelt von einer sechsköpfigen Familie, die von Deutschland nach Brasilien auswandert, dort auf einer Kaffeeplantage bei einem portugiesischen Großgrundbesitzer arbeitet und dort in großem Elend lebt. Die Familie muss "durch ihre langjährige Arbeit die durch die Kosten für die Überfahrt entstandene Verschuldung beim Großgrundbesitzer abarbeiten und auch ihre Lebensmittel bei ihm teuer kaufen. Diese Schilderung () war sicher an die Adresse der auswanderungswilligen Leser in Nordposen, wo der Heimatort Bromberg () der Autorin lag, gewandt, wo große Not die Auswanderung als soziale Alternative erschienen ließ." [5]
Sie war vermutlich Tochter des Verlegers C. M. von Roskowski und arbeitete zunächst in seiner Buchhandlung in Bromberg. 1863 zog Roskowski unter der gleichen Geschäftsfirmierung nach Berlin, zwei Jahre später war der Registereintrag des Unternehmens erloschen [2]. Marie von Roskowska lebte nun als freie Schriftstellerin in Berlin. 1888 zog sie nach Hamburg, wo sie ein Jahr später verstarb [3]. Marie von Roskowska gehört zu den heute vergessenen, im 19. Jahrhundert jedoch wohlbekannten und gern gelesenen Autorinnen gehobener Unterhaltungsliteratur. Ihre Werke wurden auch ins Schwedische und Englische übersetzt. Sie verfasste Erzählungen, Novellen und Romane. Wie zahlreiche Autorinnen des 19. Jahrhunderts musste sie auch unter Pseudonym veröffentlichen. Dies geschah oft aus ökonomischen Gründen: Werke von weiblichen Verfasserinnen waren schlecht verkäuflich, denn standesgemäß verdiente der Mann/Gatte das Familien-Einkommen. Möglich ist aber auch Diskretion aus politischen Gründen. Ihre literarischen Werke gehören zwar zum großen Teil dem populären Genre der "Jugend- bzw. Mädchenliteratur" an. Aber sie verfasste auch historische Romane. Dabei thematisierte sie - vermutlich ihrer Herkunft wegen - die sogenannte Polnische Frage [4].
In ihrer 1862 erschienenen Erzählung "Deutsche Sklaven oder Colonisten", die sie für die "Jugend und das Volk" geschrieben hatte, warnte sie vor der Auswanderung nach Brasilien. Sie brachte "mit Ernst und Nachdruck die empörenden Verhältnisse der Colonisten zur Sprache" [5] und klagte an: "die eingewanderten Arbeiter würden in Brasilien nur als ein Ersatz für die schwarzen Sklaven betrachtet und behandelt". [5] Marie von Roskowskas' Jugendbücher zu diesem Thema sollten: "die Schichten der Bevölkerung erreichen, die sich inspiriert durch die Propagandaliteratur von professionellen Organisationen der Auswanderung und angesichts der sozialen Verelendung am ehesten zum Verlassen von Deutschland entschließen konnten". [5] Roskowskas' Erzählung handelt von einer sechsköpfigen Familie, die von Deutschland nach Brasilien auswandert, dort auf einer Kaffeeplantage bei einem portugiesischen Großgrundbesitzer arbeitet und dort in großem Elend lebt. Die Familie muss "durch ihre langjährige Arbeit die durch die Kosten für die Überfahrt entstandene Verschuldung beim Großgrundbesitzer abarbeiten und auch ihre Lebensmittel bei ihm teuer kaufen. Diese Schilderung () war sicher an die Adresse der auswanderungswilligen Leser in Nordposen, wo der Heimatort Bromberg () der Autorin lag, gewandt, wo große Not die Auswanderung als soziale Alternative erschienen ließ." [5]
In ihrer Dissertation setzte sich die Literaturwissenschaftlerin Ewa Plominska-Krawíec im Rahmen ihrer Untersuchung "Stoffe und Motive der polnischen Geschichte in der deutschen Erzählprosa des 19. Jahrhunderts" mit bekannten Autoren wie Gustav Freytag, Heinrich Laube oder Harro Harring, aber mit auch August Lewald und Marie von Roskowska auseinander. Sie analysiert, wie diese Schriftsteller_innen den Untergang der Adelsrepublik und den Freiheitskampf der Polen darstellten und in welcher Form sie historische Persönlichkeiten wie etwa den polnischen König Stanis?aw August Poniatowski oder stereotype Gestalten wie den "lasterhaften Adligen, den leibeigenen Bauern oder den konspirierenden Polen" darstellten. Den polnischen Januaraufstand 1863 hat Roskowska in ihrem Roman "Ein Sohn Polens" verarbeitet, wobei ihr gute Faktenkenntnisse im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Autoren attestiert werden [6].
Unter dem Pseudonym A. Albert korrespondierte Marie von Roskowksa 1879 im Berliner Sonntagsblatt [7]. Für das "Unterhaltungs-Blatt" der "Neuesten Nachrichten", München 1871, verfasste sie die Novellen "Wer?" und "Auf dem Weinbriet. Aus dem französischen Mordbrennerzuge in der Pfalz" als Fortsetzungsromane für Zeitungen [8]. Die amerikanische Germanistin Lorie A. Vanchena urteilte, dass die Schriftstellerin Marie von Roskowska die historischen europäischen Ereignisse geschickt instrumentalisiert habe, um Stellung zu den damaligen zeitgenössischen Fragen zu beziehen, insbesondere zum Komplex um nationale Einheit und Identität [9].
Ihre Arbeiten wurden von 1862 bis mindestens 1888, teils in Sammelbänden, publiziert. Frühe Veröffentlichungen sind im Familien-Verlag mit Sitz in Bromberg erschienen. Ab 1883 dann in Berlin.
Gegen Marie von Roskowskas' Novellensammlung "Unpolitische Geschichte" - erschienen 1869 - wurde "wegen des so genannten Hass- und Verachtungsparagraphen ein Prozess geführt" [5], der mit Freispruch endetet. Dieser Paragraph "war ein von Bismarck gerne angewandtes Mittel der politischen Zensur, da er Beschlagnahmungen, Verbote und Strafprozesse besonders gegen liberale Zeitungen ermöglichtet, die Bismarcks Politik nicht billigte." [5]

Werke (Auswahl)
Veröffentlicht Im Verlag C .M. Roskowski, Bromberg:
- Deutsche Sclaven oder Colonisten in Brasilien. Erzählung für die Jugend und das Volk. Verlag von C. M. Roskowski, Bromberg 1862
- Fr. Clar (Pseudonym v. M. v. Roskowska): Anno 1724. Zur Charakteristik der polnischen Herrschaft. Verlag von C. M. Roskowski, Bromberg 1862
- Alte Jungfern. Stille Geschichten. C. M. Roskowski, Bromberg 1862
- Für eine müßige Stunde. Novellen und Lebensbilder. C. M. Roskowski, Bromberg 1862
- Noch ist Polen nicht verloren. Roman. C. M. Roskowski, Bromberg 1863. "Noch ist Polen nicht verloren" ist die polnische Nationalhymne, benannt nach dem Nationalhelden Jan Henryk Dabrowski, Text 1797 von Józef Wybicki. Das Lied wurde in allen drei Teilen Polens gesungen, 1830 und 1831 beim Novemberaufstand, 1863 und 1864 beim Januaraufstand.
- Zum National-Fonds. Ein Ruf von deutschen Frauen und Jungfrauen. C. M. Roskowski, Bromberg 1863
- Die Peri von Kamalata. Erzählung. In: Emmy (Hrsg.): Unsern Mädchenknospen. Poesie und Prosa. C. M. Roskowski, Bromberg 1863, S. 19 - 178
- Nach anderthalb Jahren. Erzählung für junge Damen, die noch nicht Romane lesen. C. M. Roskowski, Bromberg 1863
Werke veröffentlicht in Sammelbänden, z.B.:
Gustav Nieritz (Hg.): Stern, Stab und Pfeife. Enthält u.a. von Marie Roskowska: Alexei und Aphaka oder die Kamtschadalen. Eine Erzählung für die Jugend. E. J. Günther, Leipzig 1857 = Jugendbibliothek. Drittes Bändchen
Marie von Roskowska:
- Die Eroberung Nischnois. Eine Erzählung für die Jugend und ihre Freunde (Fortsetzung der Erzählung "Alexei und Aphaka"). Voigt & Günther, Leipzig 1856 = Jugendbibliothek. Sechstes Bändchen
- Die beiden Cousinen. Novelle. In: Aurora. Taschenbuch für das Jahr 1857. Hrsg. Von Johann Gabriel Seidl. 33. Jg., Wien 1857, S. 1- 62
- Zwei Jahre auf St. Domingo. Erzählungen für die Jugend, Berlin 1858
- In Mitten der Nordsee. Erzählung für die Jugend. Leipzig 1858 = Jugendbibliothek Band 2, hg. v. der Amerikanischen Traktatgesellschaft, New York 1864
- Mooniba oder Junger Herr und Ochsenjunge. Eine Erzählung für die Jugend. Leipzig 1859 = Jugendbibliothek, Band 2
- Im Busch oder Der dumme Hans. Eine Erzählung für die Jugend. Leipzig 1860 = Jugendbibliothek, Band 4
- Polnische Mütter. Historische Novelle. Prag/ Wien 1860 = Album. Bibliothek deutscher Originalromane. Hg. von J. L. Kober, 15. Jahrgang Band 6
- Aus Corsika. 2 Bändchen. Berlin 186. Band 1: Vor der französischen Herrschaft. Historische Erzählung für die reifere Jugend mit Titelbild. Band 2: Die Familie Bonaparte.
- Von Nah und Fern. Novellen und Erzählungen für die reifere Jugend. Mit 8 illuminirten Bildern von Prof. Hosemann. Winckelmann & Söhne, Berlin 1863
- Der Mayadar. Eine Erzählung für die Jugend. Voigt & Günther, Leipzig 1863
- Verachte Niemand, oder der Aufruhr in Indien. Voigt & Günther, Leipzig 1863
- General Rapp und die Belagerung von Danzig im Jahre 1813 und 14. Historische Novelle. C. L. Rautenberg, Mohrungen 1864 = Preußische Volksbücher 35
- Erzählungen für Mädchen von 12 bis 15 Jahren. Mit 3 Bildern. Julius Springer, Berlin 1865
- Weit über Land und Meer. Roman. 4 Bände. Verlag der literarisch-artistischen Anstalt von E. Dittmarsch. Druck von L.E. Zamarski in Wien, Wien und Leipzig 1865
- Unpolitische Geschichten. 2 Bände. Zweite Ausgabe. Franz Duncker, Berlin 1863, 2. Aufl. 1869
- Mit eigenem Blut. Roman. Sonnemann, Frankfurt am Main 1870 = Novellen-Cyclus der Frankfurter Zeitung 1870
- Der tolle Mathis. Eine Erzählung. Paul Kormann, Leipzig 1870 (Digitalisat vorhanden)
- Deutscher Volks-Kalender für das Gemeinjahr 1873 zur Unterhaltung und Belehrung für Jedermann. Mit Beiträgen von F. J. Proschka, M. v. Roskowska, Jenny Hirsch, Heinrich Beta etc. sowie einem Verzeichnis der Jahrmärkte und Messen in der preußischen Monarchie im Jahre 1873. Verlag von Max Böttcher, Berlin 1872
- Ein Kleeblatt. Drei Novellen. Schulze & Co., Leipzig 1875
- Auf dem Maidsprung. Novelle. Gustav Behrend, Berlin 1876
- Die Seejungfer. Novelle. Gustav Behrend, Berlin 1878
- Im Balkan. Roman. In: Deutsche Roman Zeitung. Janke, Berlin 1878. Jahrgang 1878. Band 2, Nr. 20, S. 561-584, Nr. 21, S. 641-668, Nr. 22, S. 721-750, Nr. 23, S. 801+822, Nr. 24, S. 897-922
- Stralsund und Oelpern. Historische Erzählung. Langmann & Co., Berlin 1879
- Der böse Blick. Novelle. Schulze & Co., Leipzig 1879
- Aug' in Auge! Roman. Gustav Behrend, Berlin 1880 = Eisenbahn-Unterhaltungen 125
- An der Bernsteinküste. Erzählung für die Jugend. 2. Aufl. Bagel, Düsseldorf 1880
- Im Strudel der Hauptstadt. Roman von M. von Roskowska. Und Hann Kuljevich. Historische Novelle von Mariam Tenger. Druck und Verlag von J. P. Bachem, Köln am Rhein 1886 = Bachem's Roman-Sammlung, Zwei-Mark-Bände. Eine belletristische Haus- und Familien-Bibliothek Band 10
- Caritas. Lose Blätter aus dem Tagebuch eines Künstlers, in: Berliner Tageblatt, Nr. 45 vom 7. November 1887 und Nr. 46 vom 14. November 1887 (jeweils im Beiblatt)
- Emmy von Dincklage: Die echten Abbergs. Novelle. Und Marie von Roskowska: Die Grafenbraut. Novelle. Druck und Verlag von J. P. Bachem, Köln am Rhein 1888 = Bachems Novellen-Sammlung, Band 15.
Veröffentlichungen unter Pseudonymen (Auswahl):
- Emmy von Dincklage: Die Seelen der Hallas. Roman. Gerd von Osten (Pseud. M. v. Roskowskas): Ein Sohn Polens. Druck und Verlag von J. P. Bachem, Köln am Rhein 1886 (Bachem's Roman-Sammlung, Zwei-Mark-Bände. Eine belletristische Haus- und Familien-Bibliothek. Band 7
- M. Herbert: Ein modernes Märchen, Gerd von Oosten: Vannina. Eine corsische Novelle. Und Heinrich Beta: Der Spieler. Erzählung aus dem americanischen Leben. J. P. Bachem, Köln 1886 = Bachems Novellen-Sammlung. Eine belletristische Haus- und Familien-Bibliothek. Band 23
Text: Dr. Cornelia Göksu
Quellen und Anmerkungen:
1 Laut Eintrag unter "Roskowska, Geschw., Hohenf., Neustr.44, H.5, in: Hamburger Adressbuch für 1888, S. III, 340 + 1889, Seite III, 360; in der nächsten Ausgabe von 1890 ändert sich der Eintrag in" Roskowska, Frl.", sodass von einer hinterbliebenen Schwester auszugehen ist. Könnte es ihre ebenfalls als Schriftstellerin ausgewiesene mögliche Schwester Emmy v. R. gewesen sein? Ab 1891 kein Eintrag mehr unter diesem Namen. (Vgl. zu dazu Artikel: Roskowska, Maria v. in: Sophie Pataky (Hg.): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 2. Verlag Carl Pataky, Berlin 1898, S. 202 f., dort sind Emmy v. Roskowska und Maria v. Roskowska aufgeführt.
2 "C.M. von Roskowski, verlegte 1863 das Geschäft unter derselben Firma nach Berlin und ist seit 1865 ganz erloschen", Hinweis in: Volger, Eduard (Hg.): Die hauptsächlichen Verlagsveränderungen im Buch- Kunst- Musikalien- und Landkarten-Handel während der zehn Jahre von 1863 bis incl. 1872 ... Landsberg a. d. Warthe., 1873, S. 66
3 Vgl. dazu Quellen-Angabe im Wiki-Artikel wikipediaorg/wiki/Marie_von_Roskowska sowie Artikel: Roskowska, Maria von. In: Wilhelm Kosch, Heinz Rupp, Carl Ludwig Lang (Hrsg.): Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Rill - Salzmann. K. G. Saur, München 1991, Band 13, Spalte 322 (2). Wichtige Quelle zu Roskowska auch unter archive.org/stream/deutschespseudon00holzuoft#page/202/mode/1up = Dt. Pseudonymen-Lexikon, bearb. V. M. Holzmann und H Bohatta, Wien/Leipzig 1906, dort Auflösung von A. Albert, Friedrich Clar sowie Gerd von Oosten.
4 Die Polnische Frage: Bezeichnung für die Probleme, die die Versuche einer Wiedererrichtung polnischer Eigenstaatlichkeit nach den Polnischen Teilungen (1772, 1793 und 1795) mit sich brachten. Bereits auf dem Wiener Kongress (1814-15) wurden die Hoffnungen der polnischen Patrioten enttäuscht, als anstelle des von Napoleon I. 1807 errichteten Herzogtums Warschau nicht ein souveräner polnischer Nationalstaat proklamiert, sondern 1815 die Bildung eines in Personalunion mit Russland verbundenen Königreichs Polen (Kongresspolen) beschlossen wurde. Durch die großen Aufstände (Novemberaufstand 1830-31, Galizischer Aufstand 1846, Posener Aufstand 1848 und Januaraufstand 1863-64), die politischen Aktionen der konservativen Emigranten, literarische Agitation u. a. blieb die polnische Frage im Bewusstsein der westeuropäischen Liberalen lange lebendig; in den einzelnen Landesteilen Polens entwickelte sich ein alle Bevölkerungsschichten erfassendes Nationalgefühl" (Quelle: universal_lexikon.deacademic.com/286589/polnische_Frage
5 F. Obermeier: Brasilien "für die Jugend und das Volk" Kinder- und Jugendliteratur aus und über Brasilien vom 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 29. Jahrhunderts. 2016, unter: https://core.ac.uk/reader/250308860
6 Ewa Plominska-Krawíec: Stoffe und Motive der polnischen Geschichte in der deutschen Erzählprosa des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 2005 (= Posener Beiträge zur Germanistik); im wiki_Artikel über Marie v. Roskowska inhaltlich wiedergegeben nach Jan Papiór (Hg.): Zur polnisch-deutschen Kulturkommunikation in der Geschichte - Materialien. Wydawn. Akad. Bydgoskiej, Bydgoszcz 2001, S. 233
7 Emil Weller: Lexicon Pseudonymorum, S. 12
8 Unterhaltungs-Blatt der Neuesten Nachrichten, vgl. Wiki-Art. über Marie v. Roskowska, Einzelnachweis 6.
9 German Women Writing in its European Context, 1700-1900. Internationale Tagung im Rahmen der Womens Writers of the Eighteenth and Nineteenth Centuries Conference Series der University of London, der Swansea University, der University of Sheffield und des Austrian Cultural Forum; Institute for Germanic and Romance Studies der University of London, 25. und 26. November 2010. Bericht unter digitalintellectuals.hypotheses.org/2369