Neue Biografien
Neue Biographien
Marianne Atzeroth-Freier
Kriminalkommissarin
© Kulturkarte.de/Hans-Jürgen Schirmer
16.6.1946
-
18.10.2017
Erst mit Anfang Dreißig kommt Marianne Atzeroth-Freier, die damals noch Gebauer heißt, zur Hamburger Polizei. Nach dem Schulabschluss hatte „Janne“, wie sie oft genannt wird, noch ganz andere Berufsvorstellungen. Am 16. Juni 1946 in Hamburg geboren, arbeitete die begeisterte Turnerin zunächst als Sportlehrerin auf Zeitvertragsbasis an einer Grund- und Hauptschule. 1971 wurde sie zusätzlich Übungsleiterin an der Landespolizeischule, mit damals noch getrenntem Unterricht für Frauen und Männer. Weil die Erzählungen ihrer Schülerinnen über deren Arbeitsalltag sie zunehmend interessieren, bewirbt sie sich schließlich selbst bei der Polizei.
1978 beginnt sie die Ausbildung zur Schutzpolizistin – als eine von fünf Frauen des Jahrgangs, gegenüber 375 Männern. Danach absolviert sie eine Zusatzausbildung für den Dienst bei der Kriminalpolizei. 1981 beginnt sie bei der „Sitte“ und ist zuständig für Vergewaltigungen, Exhibitionismus, Kindesmissbrauch und sexuelle Nötigung. Als die Hamburger Morgenpost Marianne Gebauer 1987 in der Reihe „Hamburgs starke Frauen“ porträtiert, antwortet sie auf die Frage, ob sie durch ihre Tätigkeit nicht den Glauben an die Menschen verlieren würde: „Ich habe gelernt, dass viele verschiedene Welten nebeneinander existieren, die sich meist nicht berühren.“ Nur so kann sie sexuell missbrauchte Kinder befragen, ohne dass es sie bis in ihr Privatleben hinein belastet. „Es geht nicht anders. Ich muss das trennen können. Ich muss.“ Seit ihrer Scheidung ist sie alleinerziehend. Marianne Gebauer gilt als zugewandt, als eine Frau, die aufmerksam zuhört. Zugleich kann sie auch hartnäckig sein – eine Eigenschaft, die 1996 zur Verurteilung des Hamburger Kürschners Lutz Reinstrom wegen Mordes führen wird. Doch ihr ganzes Berufsleben hindurch muss die Kommissarin gegen Widerstände ihrer männlichen Kollegen und strukturelle Diskriminierungen im Polizeidienst kämpfen. Geschlechtsspezifische Anfeindungen und Ausgrenzungen sind Teil ihres Arbeitsalltags und werden umso stärker, je selbstständiger sie handelt.
Im September 1991 wird in Hamburg Christa S. entführt, der Täter verlangt Lösegeld von ihrem Lebensgefährten. Marianne Gebauer gehört der Verhandlungsgruppe an, sie ist für die Angehörigenbetreuung zuständig. Nach einer Woche kommt Christa S. wieder frei. Doch die Polizeibeamten glauben ihr nicht: Ein Mann hätte sie in einen unterirdischen Bunker verschleppt und freigelassen, weil die Sterne schlecht standen? Sie verdächtigen sie vielmehr, mit dem Entführer unter einer Decke zu stecken, um sich das Lösegeld zu teilen. Auch Marianne Gebauer ist skeptisch. Aber sie hört Christa S. zu und protokolliert deren Schilderungen. Wenig später wechselt sie zur Mordkommission. Hier ist sie eine der ersten Frauen überhaupt. Inzwischen hat sie wieder geheiratet und heißt jetzt Atzeroth-Freier.
Im Mai 1992 wird sie als Zeugin in einem Prozess vorgeladen. Angeklagt ist Lutz Reinstrom wegen der Entführung von Christa S. Aussagen des Lebensgefährten hatten zu Reinstroms Verhaftung geführt. In der Prozesspause spricht eine ältere Frau Marianne Atzeroth-Freier an. Sie heißt Margarete Röhl. Ihre Tochter Annegret Bauer würde seit vier Jahren vermisst und Christa S.s Fall hätte so viele Ähnlichkeiten mit den Umständen von Annegrets Verschwindens. Die Polizei hätte die Angelegenheit aber schon zu den Akten gelegt. Je mehr Margarete Röhl erzählt, desto hellhöriger wird die Kommissarin. Als sie dann noch erfährt, dass die Ehefrau von Christa S.s Lebensgefährten, Hildegard Kloeßer, bereits seit 1986 vermisst wird und dieser ebenfalls ungelöste Fall den beiden anderen stark ähnelt, entschließt sie sich, erneut zu ermitteln. Ihr Vorgesetzer und ihre Kollegen belächeln sie. Sie sei in der Mordkommission und solle dort ihre Arbeit machen. Private Ermittlungen kann ihr jedoch niemand verbieten. Unbeirrt verbringt sie von da an fast jede freie Minute damit, den Vermisstenfällen Annegret Bauer und Hildegard Kloeßer nachzugehen. Später sagt sie über ihre Motivation: „Ich wollte dafür sorgen, dass die Angehörigen endlich Sicherheit bekommen, und wenn es nur ein Ort zum Trauern ist.“ Das Gericht verurteilt Reinstrom wegen Erpressung und Menschenraubs zu drei Jahren Haft. Ein Gerichtspsychologe hält ihn für „seelisch ausgeglichen“. Doch Marianne Atzeroth-Freier traut dem Frieden nicht.
Sorgfältig trägt sie unzählige Indizien zusammen. Sie verdächtigt Reinstrom inzwischen sogar des Mordes. Auch der zuständige Staatsanwalt ist überzeugt. Aber entscheiden muss sein Vorgesetzer. Dessen Kommentar? „Unsinn“. Schließlich erhält Marianne Atzeroth-Freier doch den Durchsuchungsbeschluss für Reinstroms Haus in Rahlstedt und sein Wochenendhaus bei Lauenburg. Als die Polizeibeamten dort gleich mehrere Hinweise auf seine Verwicklung auch in die Fälle Hildegard Kloeßer und Annegret Bauer finden, richtet Atzeroth-Freiers Chef widerwillig eine Sonderkommission ein. Diese findet schließlich auf Reinstroms Grundstücken zwei Fässer mit Leichenteilen der beiden vermissten Frauen.
Natürlich berichtet auch die Presse. „Eine Frau sammelte die Beweise“, titelt das Hamburger Abendblatt. Marianne Atzeroth-Freiers Kollegen sind darüber nicht erfreut. Ihr Dienststellenleiter wirft ihr vor, sich hervorzutun, sich wichtig machen zu wollen. Bis zum Ende ihrer Zeit bei der Mordkommission spricht er nicht mehr mit ihr. Als er bei der nächsten Weihnachtsfeier stolz einen gelösten Fall seiner Abteilung nach dem anderen hervorhebt, erwähnte er den Fall Reinstrom mit keinem Wort. Marianne Atzeroth-Freier erhält keine Anerkennung für ihre Arbeit, sie wird auch nicht befördert. Auch als einige Kollegen sich bei ihr entschuldigen, weil sie sie nicht ernst genonmmen hätten, setzt ihr die generell fehlende Wertschätzung sehr zu.
Am 22. Mai 1996 verurteilt das Hamburger Landgericht Lutz Reinstrom wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Raubs und erpresserischen Menschenraubs zu lebenslanger Haft mit anschließernder Sicherungsverwahrung. Zu der Zeit hat Marianne Atzeroth-Freier die Mordkommission bereits verlassen. Sie arbeitet nun im Dezernat Interne Ermittlungen. Als sie 2006 pensioniert wird, erhält sie als Abschiedgeschenk von ihren Kollegen den Duden „Deutsche Rechtschreibung“ – eine Herabwürdigung, die sprachlos macht.
Marianne Atzeroth-Freier stirbt am 18. Oktober 2017 nach schwerer Krankheit in Hamburg. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Volksdorf. Ihr Stiefsohn Matthias Freier dreht 2024 den Film „Die Unsichtbaren“. Er lässt ihr die Anerkennung zuteil werden, die ihr fast alle ihre männlichen Kollegen im Polizeidienst stets verweigert haben.
Text: Frauke Steinhäuser
Quellen: Heinrich Thies, Hilferuf aus dem Folterkeller. Die Hamburger Säurefassmorde – eine Spurensuche, Springe, 2014; Florentin Schumacher, hilf!, in: stern Crime, 16 (2017), online: https://florentinschumacher.de/texte/saurefassmorder [Zugriff 28.8.29026]; Christiane Flemig, Wie eine Hamburger Kommissarin die „Säurefassmorde“ aufklärte, weil sie den Opfern zuhörte, in: Weißer Ring Magazin, 14.2.2024, online: https://wr-magazin.de/themen/wie-eine-hamburger-kommissarin-die-saeurefassmorde-aufklaerte-weil-sie-den-opfern-zuhoerte/ [Zugriff 28.8.2026].
Belächeln. Entwerten. Töten
Die Mord- und Entführungsopfer Hildegard Kloeßer, Annegret Bauer, Christa S. und die ermittelnde Kommissarin Marianne Atzeroth-Freier
Die Morde an Hildegard Kloeßer (1986) und Annegret Bauer (1988) waren Femizide: Lutz Reinstrom entführte, quälte und tötete beide, weil sie Frauen waren. 1991 entführte er zudem Christa S. und erpresste zunächst ihren Lebensgefährten. Doch auch sie wollte er ermorden und änderte seine Pläne nur, weil seine Frau früher als erwartet von einer Reise zurückkehrte. Er genoss die Angst der Frauen und seine Macht, als er sie in seinem unterirdischen Bunker gefangenhielt. Indem er sie mit Handschellen an ein Bett fesselte, waren sie ihm noch stärker ausgeliefert, auch damit zeigte er deutliche sadistische Züge. Er ließ Hildegard Kloeßer und Annegret Bauer hungern und vergewaltigte Annegret Bauer, die damit auch ein Opfer sexualisierter Gewalt wurde.
Das Töten einer Frau, weil sie eine Frau ist, stellt die Eskalation geschlechtsspezifischer Gewalt dar. Die oft reißerisch-irreführend „Säurefassmorde“ genannten Verbrechen machen aber nicht nur körperliche und sexualisierte, sondern auch strukturelle Gewalt gegen Frauen deutlich. Darunter fallen alle Formen von Gewalt, die nicht unmittelbar von individuellen Akteur:innen verübt werden, sondern in sozialen Strukturen, Institutionen oder Systemen verankert sind, zum Beispiel am Arbeitsplatz und auf staatlicher Ebene. Auch sie ist kein individuelles Problem, das aus persönlichen Umständen entsteht, sondern ebenfalls sowohl Ursache als auch Folge ungleicher Machtverhältnisse.
Als Lutz Reinstrom Christa S. nach einer Woche Gefangenschaft vor einer Hamburger Polizeiwache freiließ, glaubten ihr die dortigen Beamten die Entführung erst nicht. Sie vermuteten in der Frau mit den unordentlichen Haaren und Kleidern eine aus der nahegelegenen psychatrischen Klinik entwichene Patientin. Auch die Kriminalpolizisten, die sie im Anschluss vernahmen, hielten die Entführung zunächst für erfunden. Ob sie vielleicht einsam sei, wurde sie gefragt. 1992 wurde Reinstrom wegen Freiheitsberaubung schließlich doch zu drei Jahren Haft verurteilt. Eine relativ milde Strafe, denn das Gericht verdächtigte Christa S. nach wie vor, mit ihm bei der Entführung und Erpressung zusammengearbeitet zu haben – was aber nie der Fall war.
Eine ähnliche Erfahrung machte Margarete Röhl, Annegret Bauers Mutter. Als sie ihre Tochter bei der Polizei als vermisst meldete, äußerte sie anhand von gleich mehreren Belegen den Verdacht, dass Reinstrom damit zu tun haben könnte. Doch ein Kriminalbeamter, der Reinstrom aus dem Sportverein kannte, hielt es für unvorstellbar, dass er etwas mit Annegret Bauers Verschwinden zu tun haben könnte. Ihm glaubten die Kollegen, den Angehörigen nicht. Die abwertende Behandlung Margarete Röhls durch die Polizeibeamten war jedoch nicht nur für sie persönlich kränkend und generell ein Ausdruck struktureller Diskriminierung. Hätten die Beamten ihr geglaubt, hätte ihre Tochter Annegret Bauer noch gerettet werden können.
In beiden Fällen nahmen Männer als Vertreter der Staatsgewalt Frauen nicht ernst. Das tat erst die Kriminalbeamtin Marianne Atzeroth-Freier. Sie ging den Hinweisen nach, erfuhr damit jedoch ihrerseits strukturelle Diskriminierung. Sie hätte sich da in etwas verrannt, entgegnete ihr Vorgesetzter, als sie wegen der vielen Ungereimtheiten bei den Vermisstenfällen auf Handlungsbedarf pochte. Die zuvor zuständigen Kollegen hatten die Fälle Hildegard Kloeßer, Annegret Bauer und Christa S. jeweils nach kurzer Zeit zu den Akten gelegt. Als Atzeroth-Freier daraufhin in ihrer Freizeit ermittelte, warfen ihr die Kollegen einen Alleingang vor. Auch als sie Reinstrom überführte, erhielt sie keinerlei Anerkennung. Ihr Dienststellenleiter warf ihr vielmehr vor, sie würde sich wichtig machen und sprach nicht mehr mit ihr, bis sie zermürbt die Abteilung verließ. Eine Beförderung wegen des Ermittlungserfolgs blieb ebenfalls aus.
2011 verabschiedete der Europarat das erste völkerrechtlich verbindliche Instrument zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, die „Istanbul-Konvention“. Sie definiert „alle Handlungen […], die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden bei Frauen führen oder führen können, einschließlich der Androhung solcher Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsentziehung, sei es im öffentlichen oder privaten Leben“ als Menschenrechtsverletzung. Zugleich erkennt sie Gewalt gegen Frauen ausdrücklich als „Ausdruck historisch gewachsener Machtungleichheiten und struktureller Diskriminierung“ an. Deutschland ratifizierte die Istanbul-Konvention 2018 und verpflichtete sich damit, „alle Formen von Gewalt gegen Frauen zu verhindern, alle Betroffenen zu schützen und Täter konsequent zu verfolgen.“ Gleichwohl wird in Deutschland nach wie vor mindestens jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt (Stand Dezember 2025).
(siehe zur Biografie der Kriminalkommissarin Annegret Bauer)Text: Frauke Steinhäuser
Quellen: Julia Habermann/Sonja Wölte, Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Bonn, 2025 (Bpb-Themenblätter im Unterricht; 142); Bündnis Istanbul-Konvention (BIK), Alternativbericht zur Umsetzung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, Berlin, 2025; Dachverband Frauen- und Mädchenberatung (DFMB), Formen von Gewalt, in: https://dfmb.at/themen/gewalt-gegen-frauen-und-maedchen/formen-von-gewalt/ [Zugriff 23.8.2026]; Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Formen der Gewalt erkennen, 10.12.2025, in: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642 [Zugriff 23.8.2026].
Annegret Bauer
Industriekauffrau
10.10.1956
–
Oktober 1988
Mach’s gut. Viele Küsse. Deine Annegret“
Annegret Bauer verschwindet am 6. Oktober 1988, vier Tage vor ihrem 32. Geburtstag. Es ist ein milder Herbsttag und wie gewohnt will sie morgens zur Arbeit fahren. Doch dort kommt sie nie an. Fotos von ihr aus jener Zeit zeigen eine junge Frau mit rotblonden Locken, die sportlich-elegante Kleidung mag, gern Schmuck trägt und sich gekonnt schminkt. Sie hatte Stil, sagt ihr damaliger Verlobter Thomas B. über sie, und sie wusste, was sie wollte. Hätte eine Hamburger Kommissarin nicht gegen den Widerstand von Kollegen hartnäckig die polizeilichen Ermittlungen vorangetrieben, wäre der Femizid, dem Annegret Bauer zum Opfer fiel, nie aufgeklärt und der Täter – ein langjähriger Freund – nie überführt worden.
Am 10. Oktober 1956 in Hamburg geboren, besucht Annegret Röhl, so ihr Geburtsname, das Gymnasium, macht Abitur und absolviert danach eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Zusammen mit ihren Eltern Kurt und Margarete Röhl und ihrem neun Jahre älteren Bruder Bernd wächst sie in Barmbek-Süd auf. In ihrer Freizeit schwimmt Annegret Röhl leidenschaftlich gern und trainiert regelmäßig in einem Sportverein. Dort lernt sie auch ihren künftigen Ehemann kennen, Jochen Bauer. Er ist ebenfalls ein begeisterter Schwimmer – so wie sein bester Freund, der Kürschner Lutz Reinstrom. Nach dem Training sitzten die drei oft noch zusammen, gern mit weiteren Freunden aus dem Verein.
Als Jochen Bauer und Annegret Röhl 1982 heiraten, wählt Jochen Bauer Reinstrom als seinen Trauzeugen. Auch Annegrets Eltern kennen ihn über Jahre hinweg als Bekannten ihrer Tochter. Seine sadistisch-sexuellen Vorlieben versteckt er nicht und sein Umfeld nimmt seine Sprüche hin. Er sei eben eine „Stimmungskanone“. Annegret scheint er nachzustellen, doch sie zeigt kein Interesse an ihm, das über freundschaftliche Kontakte hinausgeht.
Die Ehe zwischen Annegret und Jochen Bauer hält nicht lange. Einige Zeit später werden sie und Thomas B. ein Paar. Thomas B. gehörte einst auch zu der Schwimm-Clique. 1986 kaufen beide zusammen ein Haus in Hamburg-Jenfeld. Doch dann kommt der 6. Oktober 1988. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bringt Lutz Reinstrom, der inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter ist, Annegret Bauer in seine Gewalt. Er sperrt sie in den schallisolierten Atomschutzbunker unter seinem Reihenhaus in Hamburg-Rahlstedt. Mit Handschellen fesselt er sie an ein Doppelstockbett, macht Polaroidfotos von ihr in dieser demütigenden Situation. Er misshandelt und missbraucht sie, sie muss für ihn Kassetten mit seinen Fantasien besprechen. Auch verschafft er sich Zugriff auf ihr Vermögen, verkauft heimlich ihr Auto, holt sogar ein von ihr und Thomas B. bestelltes Sofa ab. Ihrem Verlobten, ihrer Mutter, anderen Familienangehörigen und ihrem Ex-Mann muss sie schreiben: Sie hätte ihr bisheriges Leben freiwillig hinter sich gelassen und sei eine neue Beziehung eingegangen. Hinzu kommen regelmäßig fingierte Ansichtskarten aus dem Ausland sowie Glückwunschkarten und Geschenke zu Geburtstagen. Bei ihrem Arbeitgeber geht ihre Kündigung ein. Viel später wird ein Schriftsachverständiger feststellen, dass sich auf einer Karte Hilferufe von Annegret Bauer verbergen: Sie schrieb manche Buchstaben absichtlich dicker, sodass sich die Worte „Hilf“ und „Luz“ ergaben. Doch niemand bemerkte es.
Anfangs ist Annegret Bauer offenbar noch zuversichtlich, dass ihr Martyrium bald ein Ende haben würde. Schließlich war Reinstrom ein guter Freund. Auch wird sie überzeugt gewesen sein, dass ihr Verlobter den Schreiben nicht glaubt und nach ihr sucht. Sie hatten doch eine gemeinsame Zukunft geplant. Aber als die Polizei später die Kassetten findet, wird deutlich, wie ihre anfängliche Zuversicht immer mehr der Angst weicht und schließlich der Gewissheit, nicht mehr lebend aus dem Bunker herauszukommen. Wie verzweifelt muss sie gewesen sein. „Mach’s gut. Viele Küsse. Deine Annegret“, schreibt sie ihrem Verlobten. Ein letztes Lebenszeichen ist eine Urlaubskarte aus Rio de Janeiro vom 31. März 1989. Doch ob sie zu dem Zeitpunkt noch lebt, ist ungewiss.
Thomas B. und Margarete Röhl waren tatsächlich irritiert über die Briefe und Karten. Annegret würde nie so viele Rechtschreibfehler machen, auch würde sie ganz anders formulieren. Weil Margarete Röhl weiß, dass Lutz Reinstrom und ihre Tochter befreundet waren, fragt sie ihn, ob er etwas über deren Verbleib sagen könne. Er redet viel, weicht aber ihren Fragen aus. Auch eine Vermisstenanzeige hat keinen Erfolg. Nach einiger Zeit stellt die Polizei den Fall ein, trotz aller Widersprüchlichkeiten. Dass Frauen ihren Partner verlassen, kommt doch immer wieder vor.
Aber Margarete Röhl gibt nicht auf. Im Sommer 1992 erfährt sie, dass Lutz Reinstrom wegen Entführung der Krankenhausangestellten Christa S. angeklagt wird, der Lebensgefährtin seines einstigen Ausbilders, des renommierten Kürschners Kurt Kloeßer. Sie geht zu dem Gerichtsprozess und ist erschüttert. So vieles an dem Fall ähnelt dem Verschwinden ihrer Tochter. Schließlich wendet sie sich an die Kommissarin Marianne Atzeroth-Freier, die als Zeugin geladen ist. Diese wird hellhörig und stimmt Margarete Röhl zu. Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Sie beginnt – zunächst in ihrer Freizeit – zu ermitteln und erwirkt schließlich einen Durchsuchungsbeschluss für Reinstroms Reihenhaus und für sein Wochenendhaus bei Lauenburg an der Elbe.
Was die Polizist:innen entdecken, erschüttert alle Beteiligten. In zwei mit Salzsäure gefüllten Fässern finden sie Leichenteile zweier Frauen. Eine davon ist Annegret Bauer. Die zweite ist das Opfer eines bis dahin ebenfalls ungeklärten Vermisstenfalls: Hildegard „Hilde“ Kloeßer, geborene Krippgans, die Ehefrau von Reinstroms ehemaligem Ausbilder Kloeßer. Die gelernte Friseurin war bereits 1986 von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden – so wie Christa S. und Annegret Bauer. Auch in dem Fall der damals 61-Jährigen hatte die Polizei die Vermisstenanzeige nicht ernst genommen und das Verfahren letztlich eingestellt. Obwohl die Umstände des Verschwindens bei allen drei Frauen sehr ähnlich waren, stellten die zuständigen Beamten keine Zusammenhänge her. Das tat erst Marianne Atzeroth-Freier.
Am 22. Mai 1992 verurteilt die 22. Strafkammer des Hamburger Landgerichts Lutz Reinstrom wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Raubs und erpresserischen Menschenraubs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Wegen der besonderen Schwere der Schuld und „fortbestehender Gefährlichkeit für die Allgemeinheit“ ordnet der Richter zudem eine anschließende Sicherungsverwahrung an. Eine Begnadigung nach 15 Jahren ist damit ausgeschlossen. Für die Angehörigen und Partner der vermissten und getöteten Frauen endete damit eine jahrelange Ungewissheit. Doch die Frage bleibt: Hätte Annegret Bauers Leben gerettet werden können, wenn die Polizeibeamten die Hinweise ihres Verlobten und ihrer Mutter rechtzeitig ernstgenommen hätten?
Auf dem Grabstein von Annegret Bauer stehen auch der Name ihrer Großmutter Else Röhl und der ihres Vaters Kurt Röhl.
Text: Frauke Steinhäuser
Quellen: Staatsarchiv Hamburg, 332-5 Standesämter: 11541 u. 3463/1992
Sterberegister Hildegard Kloeßer, 11541 u. 3521/1992 Sterberegister Annegret Bauer,
14846 u. 1205/1987 Sterberegister Kurt Röhl; Hamburger Telefonbücher; Heinrich
Thies, Hilferuf aus dem Folterkeller. Die Hamburger Säurefassmorde – eine
Spurensuche, Springe, 2014; Sabine Rückert, Noch ein Keller, in: Die Zeit, 8.5.2008,
online: https://www.zeit.de/2008/20/Amstetten/komplettansicht [Zugriff 10.8.2026];
Matti Geschonneck, Angst hat eine kalte Hand, Deutschland, 1996, online: https://
www.youtube.com/watch?v=JOroY4kPG38 [Zugriff 10.8.2026]; „Die Unsichtbaren“.
Dokumentarfilm v. Matthias Freier, Deutschland, 2023; mit Dank an Inga und Svenja Röhl (Nichten von Annegret Röhl) für Informationen.
Belächeln. Entwerten. Töten
Die Mord- und Entführungsopfer Hildegard Kloeßer, Annegret Bauer, Christa S. und die ermittelnde Kommissarin Marianne Atzeroth-Freier
Die Morde an Hildegard Kloeßer (1986) und Annegret Bauer (1988) waren Femizide: Lutz Reinstrom entführte, quälte und tötete beide, weil sie Frauen waren. 1991 entführte er zudem Christa S. und erpresste zunächst ihren Lebensgefährten. Doch auch sie wollte er ermorden und änderte seine Pläne nur, weil seine Frau früher als erwartet von einer Reise zurückkehrte. Er genoss die Angst der Frauen und seine Macht, als er sie in seinem unterirdischen Bunker gefangenhielt. Indem er sie mit Handschellen an ein Bett fesselte, waren sie ihm noch stärker ausgeliefert, auch damit zeigte er deutliche sadistische Züge. Er ließ Hildegard Kloeßer und Annegret Bauer hungern und vergewaltigte Annegret Bauer, die damit auch ein Opfer sexualisierter Gewalt wurde.
Das Töten einer Frau, weil sie eine Frau ist, stellt die Eskalation geschlechtsspezifischer Gewalt dar. Die oft reißerisch-irreführend „Säurefassmorde“ genannten Verbrechen machen aber nicht nur körperliche und sexualisierte, sondern auch strukturelle Gewalt gegen Frauen deutlich. Darunter fallen alle Formen von Gewalt, die nicht unmittelbar von individuellen Akteur:innen verübt werden, sondern in sozialen Strukturen, Institutionen oder Systemen verankert sind, zum Beispiel am Arbeitsplatz und auf staatlicher Ebene. Auch sie ist kein individuelles Problem, das aus persönlichen Umständen entsteht, sondern ebenfalls sowohl Ursache als auch Folge ungleicher Machtverhältnisse.
Als Lutz Reinstrom Christa S. nach einer Woche Gefangenschaft vor einer Hamburger Polizeiwache freiließ, glaubten ihr die dortigen Beamten die Entführung erst nicht. Sie vermuteten in der Frau mit den unordentlichen Haaren und Kleidern eine aus der nahegelegenen psychatrischen Klinik entwichene Patientin. Auch die Kriminalpolizisten, die sie im Anschluss vernahmen, hielten die Entführung zunächst für erfunden. Ob sie vielleicht einsam sei, wurde sie gefragt. 1992 wurde Reinstrom wegen Freiheitsberaubung schließlich doch zu drei Jahren Haft verurteilt. Eine relativ milde Strafe, denn das Gericht verdächtigte Christa S. nach wie vor, mit ihm bei der Entführung und Erpressung zusammengearbeitet zu haben – was aber nie der Fall war.
Eine ähnliche Erfahrung machte Margarete Röhl, Annegret Bauers Mutter. Als sie ihre Tochter bei der Polizei als vermisst meldete, äußerte sie anhand von gleich mehreren Belegen den Verdacht, dass Reinstrom damit zu tun haben könnte. Doch ein Kriminalbeamter, der Reinstrom aus dem Sportverein kannte, hielt es für unvorstellbar, dass er etwas mit Annegret Bauers Verschwinden zu tun haben könnte. Ihm glaubten die Kollegen, den Angehörigen nicht. Die abwertende Behandlung Margarete Röhls durch die Polizeibeamten war jedoch nicht nur für sie persönlich kränkend und generell ein Ausdruck struktureller Diskriminierung. Hätten die Beamten ihr geglaubt, hätte ihre Tochter Annegret Bauer noch gerettet werden können.
In beiden Fällen nahmen Männer als Vertreter der Staatsgewalt Frauen nicht ernst. Das tat erst die Kriminalbeamtin Marianne Atzeroth-Freier. Sie ging den Hinweisen nach, erfuhr damit jedoch ihrerseits strukturelle Diskriminierung. Sie hätte sich da in etwas verrannt, entgegnete ihr Vorgesetzter, als sie wegen der vielen Ungereimtheiten bei den Vermisstenfällen auf Handlungsbedarf pochte. Die zuvor zuständigen Kollegen hatten die Fälle Hildegard Kloeßer, Annegret Bauer und Christa S. jeweils nach kurzer Zeit zu den Akten gelegt. Als Atzeroth-Freier daraufhin in ihrer Freizeit ermittelte, warfen ihr die Kollegen einen Alleingang vor. Auch als sie Reinstrom überführte, erhielt sie keinerlei Anerkennung. Ihr Dienststellenleiter warf ihr vielmehr vor, sie würde sich wichtig machen und sprach nicht mehr mit ihr, bis sie zermürbt die Abteilung verließ. Eine Beförderung wegen des Ermittlungserfolgs blieb ebenfalls aus.
2011 verabschiedete der Europarat das erste völkerrechtlich verbindliche Instrument zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, die „Istanbul-Konvention“. Sie definiert „alle Handlungen […], die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden bei Frauen führen oder führen können, einschließlich der Androhung solcher Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsentziehung, sei es im öffentlichen oder privaten Leben“ als Menschenrechtsverletzung. Zugleich erkennt sie Gewalt gegen Frauen ausdrücklich als „Ausdruck historisch gewachsener Machtungleichheiten und struktureller Diskriminierung“ an. Deutschland ratifizierte die Istanbul-Konvention 2018 und verpflichtete sich damit, „alle Formen von Gewalt gegen Frauen zu verhindern, alle Betroffenen zu schützen und Täter konsequent zu verfolgen.“ Gleichwohl wird in Deutschland nach wie vor mindestens jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt (Stand Dezember 2025).
(siehe zur Biografie der Kriminalkommissarin Marianne Atzeroth-Freier)Text: Frauke Steinhäuser
Quellen: Julia Habermann/Sonja Wölte, Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Bonn, 2025 (Bpb-Themenblätter im Unterricht; 142); Bündnis Istanbul-Konvention (BIK), Alternativbericht zur Umsetzung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, Berlin, 2025; Dachverband Frauen- und Mädchenberatung (DFMB), Formen von Gewalt, in: https://dfmb.at/themen/gewalt-gegen-frauen-und-maedchen/formen-von-gewalt/ [Zugriff 23.8.2026]; Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Formen der Gewalt erkennen, 10.12.2025, in: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642 [Zugriff 23.8.2026].
Hedi Höpfner Scheinpflug
Tänzerin, Schauspielerin, Schauspiellehrerin
© Kulturkarte.de/Hans-Jürgen Schirmer
25.5.1910
Berlin
-
24.8.1988
Hamburg
Karin Witte
Malerin
Karin Witte vor einem ihrer Bilder (Foto: Stefan Duhnkrack)
Auf dem Grabstein ist ein Linolschnitt zu sehen, den Karin Witte im Alter von 10 Jahren angefertigt hat. Der Schriftzug ist ihre eigene Signatur. Ihre Eltern und ihr Bruder sind hier beigesetzt worden, so erinnern ihre Namen an dieser Stelle an sie. (Foto: T. Ande)
02.02.1939
-
18.08.2025
Hamburg
Bestattet auf dem Waldfriedhof Wohldorf-Ohlstedt, Grablage VI 85.
Eltern: Tomma Witte, geb. Ande, medizinische Angestellte,Hermann Witte, Maler und Gebrauchsgrafiker
Karin Elsa Emma Witte wuchs gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Thomas in Hamburg-Volksdorf auf. Ihr Vater, Hermann Witte, war Maler und schon früh malte und zeichnete auch Karin beeindruckende Bilder.
In den 50ziger Jahren erwarb und bebaute die Familie das Grundstück in der Diestelstraße 7 in Hamburg-Ohlstedt.
Karin Witte wollte Malerin werden wie ihr Vater. Aber nach dem Krieg hatte kaum jemand Geld für Kunst, so dass sich Hermann Witte als Kunstmaler für Werbung verdingte und seiner Tochter verbot, Malerin zu werden. „Damit verdient man kein Geld“ gab er seine Erfahrung weiter.
Karin Witte absolvierte deshalb zunächst eine Ausbildung im Damenschneiderhandwerk. Über den Textilentwurf fand sie schließlich ihren Weg an die Hochschule für bildende Künste Hamburg. Dort studierte sie Stoffentwurf, Malerei, Zeichnung und Radiertechnik bei Willem Grimm und Paul Wunderlich; das Aktzeichnen bei Gustav Seitz wurde für ihre künstlerische Entwicklung besonders prägend.
Karin Witte entschied sich früh für die Zeichnung als Fundament des Sehens. Daraus entwickelte sie ihre Malerei und – als Fortsetzung der Linie – die Druckgrafik.
Als sie 20 Jahre alt war, nahm sich ihr Bruder das Leben. Das war fürchterlich für Karin Witte und blieb es bis zu ihrem Tod.
Mehrere Jahre lebte und arbeitete Karin Witte im südfranzösischen Miramas. Dort zeichnete und malte sie, was sie umgab: Menschen in Cafés, Straßenszenen, Landschaften und Situationen des alltäglichen Lebens.
Die unmittelbare Beobachtung blieb auch nach ihrer Rückkehr nach Hamburg ein wesentlicher Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens. Hier entwickelte sie eine kontinuierliche Ausstellungstätigkeit. Zugleich lehrte sie von 1978 bis 1987 an der Fachhochschule Hamburg und gründete 1981 ihre Malschule, zunächst in der Marktstraße 138. Später setzte sie ihre Lehrtätigkeit in ihrem Atelier in der Diestelstraße 7 fort. Der Atelieranbau wurde von dem Hamburger Architekten Volkwin Marg nach den ihren Vorstellungen entworfen. Über viele Jahre wurde die Malschule zu einem wichtigen Ort künstlerischer Ausbildung und des Austauschs.
Karin Witte wurde eine weithin anerkannte Malerin. Für ihr künstlerisches Schaffen erhielt sie 1974 den Edwin-Scharff-Preis, 1982 die Berufung in die Freie Akademie der Künste und 2008 die Aufnahme in den Deutschen Künstlerbund.
Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion. Figuren, Puppen und Masken gehören zu den wiederkehrenden Motiven ihres Werks, ebenso wie Radierungen von großer zeichnerischer Präzision.
Arbeiten von ihr wurden in zahllosen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und befinden sich unter anderem in der Hamburger Kunsthalle, im Kupferstich-Kabinett Dresden, in den schleswig-holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf, im St. Annen-Museum Lübeck sowie in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen.
Karin Witte malte in Freiheit, gestaltete, sah, was andere nicht sehen konnten. Sie gestaltete die Wirklichkeit, ohne sie preiszugeben.
In all dem war sie auch eitel, als „Malschwein“ - wie sie sich selbst bezeichnete - trug sie mit Farbe bekleckerte Kleidung aber außerhalb davon war sie ausgesprochen schick gekleidet und hatte natürlich auch viel Selbstgeschneidertes.
Karin Witte malte an ganz unterschiedlichen Orten. Sie setzte sich an den Straßenrand und malte. Daneben stellte sie ein Schild auf „Bitte nicht fotografieren, das stört beim Malen“. Sie saß im Hühnerstall, am Rand der Bühne des Hansatheaters oder auf dem Hamburger Dom und hat gemalt.
Wie sie arbeitete, hat Karin Witte selbst beschrieben:
„Das Unerwartete hatte mich aufs Ganze herausgefordert, überrumpelt und schließlich besiegt. Es war einfach da - das, von dem ich nichts weiß. Namenlos, nicht ver- oder bekleidet, vollkommen neu. Könnte ich es mir doch herbeiwünschen! – Aber es geschieht nur aus sich selbst."
Auch die Musik und der Tanz waren wichtige Ausdrucksmittel für sie. Sie spielte Gitarre und konnte selbstvergessen Flamenco tanzen. Ganz im Hier und Jetzt, in den Augenblick versunken. Zu ihrem 80. Geburtstag widmete ihr das Kloster Cismar 2019 die große Ausstellung Manchmal wie tanzen.
Ihr Wunsch war es, im Grab ihrer Eltern und ihres Bruders beigesetzt zu werden. Auf ihrem Grabstein wird heute an sie alle gedacht.
Von Karin Witte bleiben unzählige Werke, Bilder und Glasarbeiten. Sie hat immer gesagt, das seien ihre Kinder.
Den Kernbestand ihrer Werke schenkte Karin Witte bereits zu Lebzeiten dem Forum für Künstlernachlässe e.V. in Hamburg, so dass ihre Bilder auch weiterhin zu sehen sein werden.
Die Stiftung Forum für Künstlernachlässe wird das Grundstück und alle weiteren Werke dieser wundervollen Malerin übernehmen und das Atelier weiterführen. Dort werden nach Karin Wittes letztem Willen junge begabte Künstler*innen arbeiten können.
Tomke Ande, Hamburg im Juli 2026
Weiterführende Webseiten:
Karin Witte - Künstlerin aus Hamburg (1939-2025) www.karinwitte.de
Karin Witte – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Karin_Witte
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verstorbene Vereinsmitglieder
Margot Baiter
Speditionskauffrau und Künstlerin
Quelle: privat
15.3.1938
-
30.7.2026
Waltraud Glombig
geb. Kemmelmeier
94 Jahre, Stenotypistin
13.5.1931
–
23.3.2026
Dr. theol. Evelin Albrecht
Auszug aus der Ansprache im Abschiedsgottesdienst von Waltraud Glombig am 13.April 2026 Ohlsdorf
Der Friede des Herrn sei mit uns Allen! Amen
Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von
Waltraud Glombig, unserer Freundin, Verwandten und Bekannten.
Wir haben sie jetzt alle vor Augen: Ein Bild aus dem letzten Sommer. Das Lächeln, mit dem sie bis fast zuletzt ihr Gegenüber beschenkte, auch wenn sie nicht mehr viel sprach, – das hinreißende Lächeln war Sprache genug und erfreute immer wieder. Und dazu die großen, ausdrucksvollen Augen, die einen freundlich, fröhlich anblickten. Verschmitzt! Und das war nicht erst im Alter so. Das war typisch für sie ihr Leben lang. „Das Fräulein mit den lachenden Augen“ hat einmal die Mutter eines ihrer Nachhilfeschüler gesagt, dem sie als 18-Jährige, als sie selbst noch zur Handelsschule ging, schon Unterricht gab: „Da kommt das Fräulein mit den lachenden Augen!“ Diesen Satz hat Waltraud selbst oft gerne wiederholt. Sie fühlte sich darin verstanden. Und sie war humorvoll und konnte schon mit ihrem Gesichtsausdruck, aber auch mit dem Erzählen von Anekdoten aus ihrem Leben andere zum Lachen bringen. In allem erwies sie sich als eine intelligente, lebenskluge Frau, die zwar kriegsbedingt eine unregelmäßige Schulzeit hatte, die aber Zeit ihres Lebens immer wissbegierig, vielseitig interessiert und aufgeschlossen war für alles Neue, für Kunst (besonders Frida Kahlo hatte es ihr angetan) und Geschichte, fremde Kulturen und Umwelt, gesellschaftliche und soziale Probleme und vieles andere, was sie mit wachem Verstand aufnahm und verarbeitete. Vor allem war sie politisch engagiert und vertrat ihren Standpunkt klar und selbstbewusst – war aber auch tolerant im Gespräch mit anderen.
Mit 19 Jahren heiratete sie. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter. Ihren Mann hatte sie bei der gemeinsamen Arbeit im Reichsbund kennengelernt. Eugen Glombig war ähnlich wie sie sehr ehrgeizig und strebte eine Karriere als Politiker an. So wurde er mit der Zeit Mitglied der Bürgerschaft in Hamburg und dann in mehreren Wahlperioden Mitglied des Bundestages in Bonn. Da er selbst durch Kinderlähmung als Kleinkind behindert war, setzte er sich besonders für Behinderte, soziale Fragen und alle damit zusammenhängenden Probleme ein. Allerdings konnte er seine Konzentration auf seine politische Karriere nur wahrnehmen, weil er in Waltraud eine Frau an der Seite hatte, die ihm die praktischen und organisatorischen Dinge des Alltags, das Pendeln zwischen den Wohnungen in Bonn und Hamburg, die Vorbereitung und Begleitung bei den Reisen zu Kongressen und internationalen Begegnungen abnahm. Das hatte für Waltraud zwei Seiten: Einerseits kam sie dadurch viel in der Welt herum, war in Japan und China, in den USA und in Kanada, in Skandinavien und anderen europäischen Ländern – andererseits hatte sie viel Arbeit und kostete es sie große Kraft, die Vorbereitungen und Organisation zu bewältigen und dann jeweils vor Ort wenig von Land und Leuten mitzubekommen, weil sie bei den Konferenzen immer an der Seite ihres behinderten Mannes sitzen musste und der ein eng vorbereitetes Programm zu absolvieren hatte. So gibt es viele Bilder von ihren Reisen – die aber immer nur Waltraud (oft als einzige Frau) in großen Männerrunden zeigen; Bilder, die aber auch zeigen, dass sie aufmerksam und wach die Gespräche verfolgte. (Dieses Gefühl, in anderen Ländern gewesen zu sein und sie doch nicht gesehen zu haben, hat sie später nach der Trennung von ihrem Mann durch selbständige Reisen, oft Bildungsreisen, zusammen mit jeweils einer ihrer Freundinnen überwunden).
Die Gespräche und Begegnungen im politischen Bereich bedeuteten ihr viel. Hier fand sie auch viel Anerkennung. Bei den Empfängen im Hamburger Rathaus oder den Galadiners in Bonn war sie eine beliebte und angesehene Gesprächspartnerin. So begegnete sie bedeutenden Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Als kleine Anekdote erzählte sie gern, dass sie sogar dem Schah von Persien bei dessen Deutschlandbesuch vorgestellt wurde, obwohl sie kein Wort französisch sprechen konnte. Auch von ihren Begegnungen mit Willy Brandt und ihrem freundschaftlichen Verhältnis zu Helmut Schmidt war oft die Rede. 65 Jahre lang war sie Mitglied der SPD. Und sie war sehr stolz auf die Anerkennung, als sie zum 60-jährigen Jubiläum dafür mit einer Urkunde „Für 60 Jahre treue Mitarbeit bei der Verwirklichung unserer gesellschaftlichen Ziele“ und einer Ehrennadel ausgezeichnet wurde.
Waltraud Glombig war durch und durch eine Hamburgerin. Sie liebte diese Stadt. Sie war hier zu Hause. So ist es nur konsequent und für sie das Richtige, dass sie im „Garten der Frauen“ ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Der Markt in Ottensen, der Hamburger Fischmarkt, die Musikerstr. bei der Laeiszt-Halle, ein Künstler-Haus in St .Georg, die Alster – überall zog es sie immer wieder hin. Aber auch die Entwicklung der Hafen-City faszinierte sie und sie genoss es, verschiedentlich in die „Elphi“ zu gehen. Aber nichts ging für sie über das alte Hamburg und den Michel. Die Zerstörung der Stadt 1943 stand ihr immer wieder vor Augen. Und so war sie begeistert, als sie zum Begrünen der Stadt beitragen konnte, indem sie bei der Aktion „Mein Baum – meine Stadt“ im Jahre 2011 für einen Baum spendete. Dieser, eine Stiel-Eiche, wurde auf ihren Wunsch im Stadtteil Hamm gepflanzt, in dem Stadtteil, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Eine recht glückliche Kindheit zusammen mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Ludwig, der zu ihrem großen, lebenslangen Kummer im Alter von 18 Jahren starb. An ihn sowie an die kleine dreijährige Cousine, die 1943 im Feuersturm in Hamm ums Leben kam, erinnerte sie immer wieder, wenn wir „ihren“ Baum besuchten und seine Entwicklung sahen. Ein Zeichen ihrer Treue.
Und treu war sie – gegenüber der Familie, die heute durch ihre Nichte mit deren Sohn und Tochter vertreten ist. Treu war sie auch gegenüber ihren Freundinnen und deren Familien. Diese Freundinnen sind alle vor ihr heimgerufen worden. Wenn man 94, fast 95 Jahre alt wird, ist der Kreis, mit dem man Erinnerungen austauschen kann, doch recht klein geworden. Umso eindrucksvoller ist es, dass heute die erwachsenen Kinder ihrer früheren Freundinnen unter uns sind und ihre Mütter sozusagen vertreten. Ein Zeichen dafür, dass sie auch zu ihnen nicht umsonst von sich aus den Kontakt gehalten und ihre Lebenswege immer im Auge behalten hat. Sie war und blieb ihnen treu – wie sie auch dankbar war für alle Treue, die ihr entgegengebracht wurde von nah und fern! Und auch neue Freunde sind im letzten Jahr noch dazu gekommen, die ihr hilfreich zur Seite standen.
Die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg verband sie eben mit dem Jahr 1943 und ihrer Ausbombung in Hamm; aber auch mit den 2 Jahren (1940-1942), in denen sie durch die Kinderlandverschickung nach Bayern, in die traditionsreiche Stadt Bayreuth gekommen war – eine Stadt, die ihr durch ihre Kultur und Geschichte bis in die letzten Jahre viel bedeutet hat. Die nächste Zäsur im Krieg gab es durch die Evakuierung 1943-1945, die sie nach der Ausbombung zusammen mit ihrer Mutter nach Wulfersdorf/später: Berlinchen, im Brandenburgischen führte. Das waren wichtige Jahre für sie. Zu den dortigen Bekannten fuhr sie auch zu DDR-Zeiten trotz schwieriger Bedingungen und unterhielt zu den Familien dort auch nach der Wende freundschaftliche Beziehungen. Auch dies ein Zeichen ihrer Beständigkeit und Treue.
All solche Beziehungen – ob zu den Kindern einer Schulfreundin aus Wulfersdorf, die auch wieder zurück nach Hamburg kam, ob zu den Töchtern ihrer Hamburger Freundinnen oder ob zum ehemaligen Nachbarsjungen aus dem Mecklenburgischen Güster, wo die Familie einige Jahre ein Wochenendhaus hatte, – waren für sie wertvolle Erinnerungen bis zuletzt.
Daneben aber blieben auch Erinnerungen an schweres Erleben immer präsent. Vor allem ein traumatisierender schwerer Verkehrsunfall auf dem Schulweg 1946 bescherte ihr viele Operationen und Schmerzen. Und kam ihr lebenslang bei jedem neuen Schmerzherd als Ursache wieder hoch. Aber das änderte nichts daran, dass sie ein lebensfroher Mensch bis ins hohe Alter blieb.
So dürfen wir dankbar festhalten, dass Waltraud Glombig in allem Schweren und Schönen, das ihr Leben ausmachte, doch immer ein fröhlicher und lebensbejahender Mensch blieb. Sie verstand es, den Augenblick anzunehmen und den bleibenden Wert darin zu erkennen. Darum bleibt sie in der Erinnerung als ein freundlicher und liebenswerter Mensch – der mit seinem Lächeln bezaubern konnte!
Als Überschrift über die Anzeige hatte sie sich ausdrücklich gewünscht:
„Gott spricht: Fürchte nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“(Jesaja 43,1) Dieses Wort – zusammen mit dem Wort aus der Lesung „nichts, aber auch gar nichts, kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ – hat das vielfältige, reichhaltige Leben von Waltraud Glombig bestimmt. So möge sie nun heimgekommen sein und das bleibende Geborgensein in der Liebe Gottes erfahren.
Elise Käthe Mariechen Russow
geb. Witte
Kinderpflegerin | Alter: 96 Jahre
28.12.1929
–
23.06.2026
Gudrun Schaefer
Professorin für Rhythmik an der Musikhochschule Hamburg, Dozentin am Studiengang Frauenstudien der Universität Hamburg
21.3.1942
Lüneburg
–
22.4.2026
Hamburg
Geboren an 21.3.1942 in Lüneburg, erinnerte sie sich noch an Bombenalarme und die Übergabe der Wohnung an die Englische Besatzung. Der Vater übernahm als Chirurg 1945 die Leitung des Krankenhauses in Salzhausen, wo die Familie mit fünf Kindern zehn Jahre lang im Krankenhaus wohnte. Danach lebte die Familie in einem Haus am Dorfrand. Gudrun, die zweite in der Geschwisterreihe, war die „Spielmacherin“: sie musizierte mit Klavier und Flöte, leitete Zusammenspiel und chorisches Singen an, inszenierte kleine Theater-, Sing- und Tanzspiele bei Familienfesten, leitete das Mädchenturnen im dörflichen Turnverein.
Nach dem Abitur an der Wilhelm-Raabe-Schule in Lüneburg studierte Gudrun Fischer bis 1964 Rhythmisch-Musikalische Erziehung an der Musikhochschule Hannover mit dem Abschluss Staatlich geprüfter Musiklehrer Hauptfach Rhythmik. Ein Aufbaustudium „Schauspielangewandte Rhythmik“ folgte 1965 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Eine Ehe mit dem Architekten Jürgen Schaefer 1968 wurde nach vier Jahren wieder geschieden. Als Dozentin für Rhythmik, Bewegungslehre und Tanz/Musical übernahm sie Lehraufträge an Musikhochschulen in Heidelberg, Mannheim, Stuttgart, Wuppertal, Bochum, Essen, Detmold und Hamburg. Das Studium Erziehungswissenschaften an den Universitäten Düsseldorf und Wuppertal schloss sie 1982 mit dem Diplom ab. Ihre Diplomarbeit zum Thema „Rhythmik als interaktionspädagogisches Konzept“ wurde 1992 im Waldkauz-Verlag Remscheid veröffentlicht. Ihr Verständnis von Rhythmik ging weit über Bewegungs- und Körperschulung hinaus. Als interaktionspädagogisches Konzept verstand sie Rhythmik komplexes Zusammenspiel von musikalischen, körperlichen, räumlichen und sozialen Prozessen der Bildung. 1970-1982 leitete sie den Diplomstudiengang Rhythmik an der Hochschule für Musik und Theater Köln/Institut Wuppertal. Die Professur für Rhythmik einschließlich des Studienschwerpunkts Rhythmik im Studiengang Diplommusiklehrer hatte sie 1982-2005 an Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Gudrun Schaefer wirkte mit Bewegungs- und Präsentationstechniken im „Kontaktstudiengang Popularmusik“ mit. Sie richtete den 1. Bundeswettbewerb Rhythmik „Musik und Bewegung“ 1990 und den 1. Ernst-Baader-Wettbewerb für Lied und deutschsprachige Chansons 1992 an der Musikhochschule Hamburg aus.
Hochschulpolitisches Engagement Seit den 1980er Jahren engagierte sie sich hochschulpolitisch im Fachbereichsrat Musikpädagogik als Sprecherin und stellvertretende Frauenbeauftragte, im Hochschulrat und im Hochschulsenat, wirkte als Frauenbeauftragte der Hochschule und als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte. Von 1989 bis 2005 arbeitete sie in der hochschulübergreifenden Gemeinsamen Konferenz für Frauenstudien und Frauenforschung Hamburgs mit. Von 1998 bis 2000 war sie Vizepräsidentin der Hochschule für Musik und Theater, als erste Frau in diesem Amt. „Sie war eine jener Personen, die nicht nur Positionen innehatten, sondern Räume öffneten: Räume für Diskussionen, für Widerspruch, für Forschung, für künstlerische Beiträge von Frauen, für eine Hochschule, die sich ihrer blinden Flecken bewusst wurde. Bei aller Strenge in der Sache darf nicht vergessen werden, dass Gudrun Schaefer im persönlichen Umgang ein sehr humorvoller Mensch war, der herzhaft lachen konnte und immer für einen Spaß zu haben war.“ So erinnert sich die Hochschule für Musik und Theater Hamburg in einem Nachruf.
Brigitte Scheibel
Diplom-Psychologin | Alter: 89 Jahre.
Photo: Petra Rogge
16.11.1936
–
30.06.2026
Brigitte Scheibel wurde in Oberhausen geboren. Ihre frühe Kindheit war geprägt von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs: 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder evakuiert. Nach Kriegsende führte der Weg die Familie über Tschechien zurück Richtung Ruhrgebiet, wo sie zunächst in einem britischen Lager ankam.
In Oberhausen besuchte Brigitte die Grundschule, anschließend setzte sie ihre Schulzeit in Duisburg fort und schloss dort mit dem Abitur ab. Es folgte eine Ausbildung zur Sekretärin, in der sie mehrere Jahre beruflich tätig war. Doch ihr Interesse an Menschen und psychologischen Zusammenhängen führte sie schließlich zu einem neuen Lebensweg: Sie studierte Psychologie, zunächst in Berlin, später in Hamburg.
Schon in ihrem Studium engagierte sich Brigitte im Rahmen der Hamburgischen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (Gemeindepsychiatrisches Zentrum Eimsbüttel) und arbeitete nach ihrem Diplom zunächst einige Jahre in der Beratungsstelle Norderstedt, ehe sie sich dann für sehr viele Jahre als Psychotherapeutin niederließ. Hierfür war sie breit psychotherapeutisch ausgebildet (Gesprächs- und Familientherapie, Katathymes Bilderleben). Jährliche Fortbildungen in Lindau waren ihr immer eine große Freude.
Privat war sie über sehr viele Jahre im Grindelhof, ihrer „kleinen Reihe“ beheimatet. Ihr Temperament und ihre Lebensfreude finden gut Ausdruck in dem Gedicht einer Freundin:
"Samstag im Grindelhof"
Im Grindelviertel ist es fein,
da geht Frau aus, da kauft Frau ein,
da kennt man sich und grüßt sich heiter, so geht es dann bis Mittag weiter.
Ist Frau erschöpft, dann kehrt sie ein,
ein Cappuccino soll es sein.
Kulturnotizen Hamburg satt liest sie dann gern‘ im Abendblatt.
Am Abend dann ein festlich‘ Bild, der Mond strahlt hell, die Luft ist mild,
Frau schreitet froh und munter aus, jetzt lockt sie das Theaterhaus.
Begleitet von der Nachbarin gibt sie sich ganz der Muse hin.
Ein netter Plausch, ein kleiner Wein -
so könnte jeder Abend sein, und friedlich unterm Sternenhimmel
verlässt sie spät das Stadtgebimmel.
Geht in die kleine Reiha - zur Heiha.
Im Kontrast dazu fiel Brigitte der Verlust ihrer Autonomie in ihren letzten Jahren sehr schwer. Mit ihren seelisch-körperlichen Einschränkungen war sie dann gut aufgehoben in der Pflegestation der Heerlein- und Zindler-Stiftung.
Brigitte war eine weltoffene Frau, die viel gereist ist und große Freude daran hatte, andere Kulturen kennenzulernen. Sie war kulturell interessiert, besonders dem Theater verbunden, politisch aufmerksam, lese- und diskussionsfreudig. Ihre kommunikative und großzügige Art prägte viele Begegnungen – sie lud gerne Menschen zu sich ein und schuf Räume für Austausch und Gemeinschaft. Soziales Engagement war ihr wichtig: Sie unterstützte unter anderem das Spendenparlament Hamburg, die Hamburger Kunsthalle und weitere Initiativen, die ihr am Herzen lagen.
Brigitte Scheibel bleibt in Erinnerung als eine Frau mit weitem Horizont, lebendigem Geist und großem Herzen – eine Persönlichkeit, die ihr Umfeld mit ihrer humorvollen Art bereichert und Spuren hinterlassen hat.
Historische grabsteine
Margot Höpfner
verh. Westphal
Tänzerin, Schauspiellehrerin
30.01.1912
Berlin
–
23.08.2000
Bad Bevensen
Susanne Kandler
Referentin für Frauenkultur in der Hamburger Kulturbehörde
27.07.1951
–
20.10.1999
Hamburg
Charlotte Tauterat
geb. Richter
Mitglied der GEDOK Hamburg und Vorstandsmitglied des Staatsbürgerinnen-Verbandes Landesverband Hamburg
19.03.1908
Schwerin
–
27.01.2000
Hamburg
Anneliese Tuchel
geb. Meyer-Blake
Buchhändlerin, bis Mitte 1998 Chefin der Evangelischen Buchhandlung Anneliese Tuchel (vormals „Agentur des Rauhen Hauses“)
05.04.1926
Hamburg
–
27.02.2000
Hamburg