Ehemaliger Friedhof Hamburg-Eilbek

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Clara Horn (Clara Maria Amalie Horn)
6.11.1852 Berlin - 3.7.1884 Hamburg
Schauspielerin am Thalia-Theater von 1875 bis 1884
Grablage: Jacobipark (erster Friedhof Hamburgs, eröffnet 1848, aufgehoben 1954). Einige Grabsteine stehen dort noch, auch der von Clara Horn.
"Mein erster Schritt oder Sprung auf die Bretter geschah in der Rolle eines kleinen Grenadiers in dem Ballett "Der Geburtstag". Es "schwebt" mir noch lebhaft vor, wie Se. Excellenz der Herr General-Intendant von Hülsen in wirklich höchsteigener Person uns achtundzwanzig kleinen "Ratten" wie, zu meinem größten Bedauern, der technische Ausdruck lautet, mit eiserner Strenge den Grenadiermarsch einstudirte. Man denke! Achtundzwanzig Rat- das Wort will mir nicht über die Feder, sagen wir Rangen, das klingt weicher. Wieviel Geduld braucht man nicht oft schon im
Verkehr mit einer einzigen solchen Naturerscheinung, und nun gar 28! Indeß, Herr von Hülsen hat diese, wie seitdem gewiß noch manche andere Geduldprobe glücklich überstanden, - und auch ich bin mit heiler Haut davon gekommen, trotzdem mein linkes Nebenmädchen mir jedes Mal beim Präsentiren des Gewehres mit demselben einen Schlag auf die Schulter versetzte, so daß mir das Exercitium nachgerade höchst ungemütlich wurde. Zum Glück wurde sie von der angestrebten Carriere sehr bald wieder aufgegeben, so dass weiteres Unglück verhütet wurde; ich aber marschierte und hüpfte lustig weiter, bis ich eines Tages den kühnen Sprung vom Tanzboden auf den Boden des Schauspiels executirte."1
Mit viel Humor erzählt Clara Horn hier von den Anfängen ihrer Theaterlaufbahn. Der Besuch einer Kindervorstellung mit Tanz brachte alles ins Rollen. Seitdem wollte die Neunjährige unbedingt tanzen lernen. Die Eltern, bürgerliche Leute, Inhaber einer Mobilienhandlung in der Friedrichstraße in Berlin, gaben dem Drängen der Tochter nach und ließen sie auf der Königlichen Ballettschule ausbilden. Bereits nach einem Jahr wurde die kleine Clara ins Kinderballett aufgenommen. Doch dann lockte das Schauspiel. Clara Horn erhielt Unterricht bei der Schauspielerin Minona Frieb-Blumauer und hatte 1873 ihren ersten Auftritt im Königlichen Schauspielhaus. Da der Anfängerin hier jedoch nur kleine Rollen angeboten wurden, ging sie für ein Jahr nach Danzig, um ein wenig Routine zu bekommen. Danach verschaffte die Empfehlung ihrer Lehrerin ihr zunächst ein Gastspiel, dann ein Engagement am Thalia-Theater in Hamburg. Die folgende kleine Anekdote zeigt, wie sehr Clara Horn damals noch der Übung und Erfahrung bedurfte: Als sie sich kurz vor ihrem Gastspiel mit Fieber ins Bett legte, schickte man den Arzt Dr. Engel-Reimers zu ihr. Ein Blick genügte: "Sie haben wirklich Fieber, mein Fräulein, aber es ist nur ein unschuldiges Lampenfieber, für das freilich kein Kräutlein gewachsen ist. Sie müssen sich einfach tüchtig zusammennehmen."1
Clara Horn folgte seinem Rat und bestand mit ihrer kleinen Rolle vor Publikum und Kritikern. Ihren ersten echten Erfolg hatte sie als Fifi in dem Lustspiel "Die Augen der Liebe" von Wilhelmine von Hillern, der Tochter der damals überall gespielten Charlotte Birch-Pfeiffer. Über Nacht war der Name Clara Horn bzw. Fifi, wie ihre Kolleginnen und Kollegen sie fortan nannten, in Hamburg in aller Munde. Schnell avancierte sie zum Publikumsliebling schlechthin.
Einer ihrer Verehrer, Harbert Harberts, schrieb in einem biographischen Abriss, mit dem er der flüchtigen Kunst der Schauspielerin ein Denkmal setzen wollte: "Wenn auf der Bühne der Frohsinn sein rosenrotes Scepter schwang, dann concentrirte sich zumeist unser Interesse auf eine Gestalt und sie war der Magnet, dem die Herzen zuflogen. Der Magnet hieß Clara Horn. Jedes Wort, das in so gewinnender Schalkhaftigkeit, in so köstlichem Mutwillen von ihren Lippen perlte; die reizende Natürlichkeit, mit der sie jede Bewegung, jede Geste ihres Spiels ausführte, nahm uns gefangen und sicherte Stürme des Beifalls, die sie allabendlich zu ernten pflegte. Sie war im besten und schönsten Sinne des Wortes unser Liebling."1 Aber nicht nur das Publikum, auch die Kritiker waren bezaubert von der jungen Schauspielerin. Ein Journal rühmte: "Man darf kühnlich behaupten, daß Clara Horn in ihrem Genre unerreicht dasteht. Ihr Lachen und Weinen ist unübertrefflich und von bezaubernder Wahrheit, ihr eigenthümlich trockener und doch so liebenswürdiger Humor übt eine magische Wirkung auf die Zuschauer aus; Alles an ihren Leistungen athmet Anmuth und Heiterkeit, nirgendwo läßt sich eine Absichtlichkeit, ein Haschen nach gewöhnlichem Theatereffekt entdecken, mit einem Worte: Clara Horn ist eine echte Künstlerin, die mit Recht die reichen Ovationen verdient, welche ihr von allen Seiten dargebracht werden, ein echtes Kind der heiteren Muse Thalia, deren Schwestern die Wiege des Pathchens mit herrlichen Gaben überschütteten."1
Als Clara Horn sich ins ernste Fach vorwagte, scheiterte sie. Ihre Domäne war der Backfisch, der ins weibliche übersetzte dumme Junge, der damals in zahlreichen Lustspielen und Possen vorkam, und sie war nach einigen missglückten Versuchen klug genug, ihre Grenzen nicht mehr zu überschreiten.
Das Jahr 1882 war für Clara Horn in doppelter Hinsicht ein ganz besonderes. In diesem Jahr begegnete sie den zwei Männern, die wenig gemein, aber für sie und ihr Leben eine große Bedeutung hatten: dem Kaiser und ihrem künftigem Bräutigam.
Kaiser Wilhelm II. hatte Clara Horn schon als kleines Kind verehrt. Sein Bild, das der Bruder des Kaisers der kleinen Ballettrange geschenkt hatte, hing gerahmt in ihrem Zimmer. Zum Kaisergeburtstag beschloss die Zwölfjährige zusammen mit ihrer älteren Schwester Julie, ihn bei seiner Spazierfahrt durch den Tiergarten zu erwarten und ihm ein Blumenbouquet in die Kutsche zu werfen. Da der Kaiser an diesem Tag jedoch einen neuen Weg für seine Ausfahrt gewählt hatte, warteten die beiden Mädchen vergeblich, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das Bouquet durch einen Dienstmann ins Schloss schicken zu lassen. Am nächsten Tag erschien der Kaiser persönlich im Theater, bedankte sich bei Clara und bat scherzend um ein neues Bouquet. Fortan schickte Clara Horn dem Kaiser zu jedem Geburtstag Blumen und illuminierte ihre Fenster. Nun, im Sommer 1882, sollte sie ihm bei einem Gastspiel in Bad Ems erneut begegnen. Er zeigte sich entzückt von ihrem Spiel und ließ ihr ein kostbares Armband überbringen. Als man sich am nächsten Tag auf der Promenade traf, plauderte man angeregt.
Dem zweiten bedeutenden Mann ihres Lebens begegnete sie auf der Insel Norderney. Hier traf Clara Horn, die äußerst beliebt war und in Kreisen verkehrte, die sonst über ihresgleichen die Nase rümpften, den begüterten Guts- und Mühlenbesitzer Josef Daubeck aus der Umgebung von Brünlitz in Böhmen. Die beiden verliebten sich ineinander, zu Ostern 1884 fand die offizielle Verlobung statt, im Mai, bei Saisonende, wollte Clara Horn ihren Abschied von der Bühne nehmen und im Monat darauf ihren Bräutigam heiraten. Doch es kam anders.
Am 13. Mai 1884 brach Clara Horn nach Schluss der Vorstellung zusammen. Die offizielle Diagnose: Gelenkrheumatismus. Die ganze Stadt nahm rührenden Anteil an dem Schicksal der jungen Schauspielerin. Täglich brachten die Zeitungen Meldungen über ihr Befinden, die Menschen strömten in ihr Haus am Pferdemarkt (heute Gerhart-Hauptmann-Platz), um sich selbst nach ihrem Zustand zu erkundigen. Als sie sieben Wochen nach diesem Zusammenbruch starb, blieb die offizielle Version eines Gelenkleidens bestehen. Dass die wahre Todesursache wohl im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes stand, zeigt ein Eintrag in das Ohlsdorfer Grabregister, wo der Tod eines Sohnes der Schauspielerin Clara Horn am 17. Juni 1884 nach nur einer Stunde Lebenszeit vermerkt ist.
Nach einer Trauerfeier, die einer Fürstin zur Ehre gereicht hätte, wurde Clara Horn auf dem Jakobi-Friedhof beigesetzt. Josef Daubeck ließ einen großen Grabstein mit einem Bronzerelief anfertigen, das einen Engel mit umgedrehter Fackel zeigt. Er ist heute noch an der alten Stelle zu finden, obwohl der Friedhof längst aufgelassen ist - im öffentlich zugänglichen Jakobipark. In seinem Haus umgab sich Josef Daubeck mit allen verfügbaren Bildern von seiner Braut, die er in Lebensgröße hatte ausführen lassen.
Text: Brita Reimers
Zitate:
1) Harbert Harberts: Clara Horn. Ein Charakterbild ihres Lebens und Wirkens. Mit einer Sammlung Portraits nach Original-Photographien. In: Hamburger Familiengeschichten. Bd.10.
Historischer Friedhof an der Robert-Schumann-Brücke
Anna Rebecca Claudius, geb. Behn
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12.6.1754 Barmbek - 26.7.1832 Wandsbek
Ehefrau von Matthias Claudius
Matthias Claudius, der Redakteur des "Wandsbecker Bothen", lernte seine Rebecca kurz vor Weihnachten 1770 kennen, als er sich die Haustürschlüssel für sein zu mietendes Haus am Lübecker Steindamm beim Zimmermann Behn abholen wollte. Die älteste Tochter, die 16jährige Anna Rebecca, war allein zu Hause und versuchte gemeinsam mit Claudius, den verschlossenen Wandschrank zu öffnen, in dem sich die Schlüssel befanden. Die beiden verliebten sich ineinander. Am 15. März 1772 heirateten sie, obwohl Claudius" Gehalt als Redakteur nicht ausreichte, um eine Familie zu ernähren. Rebecca wurde für den 14 Jahre älteren Claudius "sein Bauernmädchen" und der Ruhepol, an dem er Halt und Frieden fand. Nun wohnten sie beide im Haus am Steindamm . Sechs Monate nach der Hochzeit wurde ihr Sohn Matthias zu früh geboren. Wegen der ständigen Geldsorgen nahm Matthias Claudius eine Stelle in Darmstadt als Oberlandkommissar an. Doch das Ehepaar wurde krank vor Heimweh und kehrte nach Wandsbek zurück.
Rebecca Claudius bekam viele Kinder: im September 1772 Matthias (starb als Baby), 1774 Karoline, 1775 Christiane, 1777 Anna, 1779 Auguste, 1781 Henriette (Claudius wünschte sich sehnlichst einen Jungen). 1783 Johannes, 1784 Rebekka, 1786 Matthias (starb im Alter von zwei Jahren), 1789 Friedrich, 1792 Ernst, 1794 Franziskus. Haushalt und Kinder zehrten an Rebeccas Kräften und sie unternahm mit Claudius einige Kuraufenthalte. Rebecca Claudius starb 17 Jahre nach dem Tod ihres Mannes.
Seit 1970 gibt es im Hamburger Stadtteil Marienthal der Rebeccaweg .
Text: Rita Bake
Friedhof Bergstedt
Hermine Albers
21.7.1894 Bitburg - 24.4.1955 Hamburg
Wohlfahrtspflegerin, Mitbegründerin des Hamburger Frauenrings, Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft für Jugendpflege und -fürsorge, Regierungsdirektorin der Jugendbehörde/ Leitung des Landesjugendamtes. Mitherausgeberin der Fachzeitschrift "Unsere Jugend", Verfolgte des NS-Regimes
Grablage: Das Grab ist nicht mehr vorhanden
Seit 2014 gibt es in Hamburg-Jenfeld die Hermine-Albers-Straße
Hermine Albers soll auf dem Friedhof Bergstedt bestattet worden sein neben ihrer Mutter, die 1940 verstarb, so heißt es in einem ihrer Nachrufe. Laut dortiger Auskunft ist eine Hermine Albers nicht in den Akten vermerkt.
Hermine Albers wurde 1894 als einziges Kind
von Klara Helene, geb. Linden und Hermann Albers geboren. Ihr Vater, ein Kreisschulrat, starb kurze Zeit vor Hermines Geburt. Klara Helene Albers gab ihrer Tochter eine sorgfältige Erziehung mit auf den Weg. Als Hermine zwölf Jahre alt war, zog ihre Mutter mit ihr nach Köln, wo Hermine das humanistische Mädchengymnasium besuchte. Nach dem Abitur studierte sie zwischen 1914 und 1917 Sozial- und Staatswissenschaften.
Als im Ersten Weltkrieg Frauen im stärkeren Maße als Arbeitskraft zur Aufrechterhaltung der "Heimatfront" z. B. in den Rüstungsbetrieben arbeiten mussten, stellte sich die junge Volkswirtschaftslehrerin Hermine Albers dem Frauenreferat der Kriegsamtsstelle Koblenz als Hilfsreferentin zur Verfügung. Dabei lernte sie die praktischen Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Arbeitsfürsorge an Frauen kennen.
Nach Kriegsende übernahm Hermine Albers als Geschäftsführerin den Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege in Düsseldorf. Ab 1921 unterrichtete sie auch Volkswirtschaft und Rechtswesen am Frauenseminar für soziale Berufsarbeit in Frankfurt am Main und leitete von 1923 bis 1926 eine Abteilung des Wohlfahrtsamtes in Solingen. Gleichzeitig setzte sie ihre sozialwissenschaftlichen Studien an den Universitäten in Köln und Bonn fort und promovierte 1926 zum Dr. rer. pol. der Staatswissenschaften.
1927 ging sie als Dozentin an die Wohlfahrtsschule für Hessen und Hessen-Nassau nach Frankfurt am Main.
1928 verlegte sie ihre berufliche Tätigkeit nach Hamburg. Dort erhielt sie eine Anstellung in der Sozialbehörde. Hermine Albers wurde Regierungsrätin und beriet in dieser Funktion auch den Stadtbund Hamburger Frauenvereine.
1933, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wurde Hermine Albers wegen ihrer Mitgliedschaft in der SPD - sie war seit 1919 Mitglied der SPD - und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aus ihrem Amt als Regierungsrätin entlassen. Fortan arbeitete sie, eingesetzt von der Handelskammer wegen ihrer fachlichen Kenntnisse - als Wirtschaftsprüferin und Treuhänderin in verschiedenen Wirtschaftsunternehmen. Hermine Albers wohnte damals im Wiesenkamp 9 und unterstützte ihre Freundin Hilde Wulff (ihr Grabstein steht im Garten der Frauen), die das Kinderheim "Im Erlenbusch" betrieb, in der Gegnerinnenschaft gegen den Nationalsozialismus. Bereits 1930 hatte sich Hermine Albers als Sprecherin der Sozialbeamtinnen für die Frauenfront gegen den Nationalsozialismus engagiert.
Gleich nach Ende der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde Hermine Albers Mitglied des Entnazifizierungskomitees. Beruflich wurde sie zur Senatsrätin ernannt und mit dem Aufbau und der Leitung des Hamburger Landesjugendamtes betraut. Drei Jahre später ernannte der Senat sie zur Regierungsdirektorin.
In den Jahren 1945 bis 1948 waren rund 20.000 Jugendliche unter achtzehn Jahren, die durch die Bunker zogen, in Erdhöhlen schliefen, keine Lehrstellen und oft kein Elternhaus mehr hatten, zu betreuen. Hermine Albers versuchte den jungen Menschen Obdach und Nahrung zu verschaffen und die Eltern wiederzufinden. Wie dieses Chaos in den Griff zu bekommen war, wurde als Hermine Albers" Geheimnis und das ihrer Mitstreiterinnen und -streiter bezeichnet.
Als sich die Wirtschaftslage gebessert hatte, Eltern für ihre Kinder Erziehungshilfen bekamen, Übernachtungs- und Tagesheime sowie Schulen wieder aufgebaut waren, kümmerte sich Hermine Albers um arbeitslose Jugendliche und um eine sinnvolle Freizeitgestaltung für Jugendliche.
Durch Hermine Albers" langjährige Erfahrungen in der Jugend- und Wohlfahrtshilfe entstand der Grundgedanke für den späteren Bundesjugendplan, an dem Hermine Albers einen großen Anteil hatte.
Mittlerweile war ihre Arbeit über den Rahmen Hamburgs hinausgewachsen. In ganz Westdeutschland fand sie Beachtung und Würdigung. Als Mitbegründerin und Mitarbeiterin der Arbeitsgemeinschaft für Jugendpflege und Jugendfürsorge übernahm sie von 1952 bis 1955 auch die Arbeit der zweiten Vorsitzenden. Zwischen 1949 bis zu ihrem Tod 1955 arbeitete sie als Mitherausgeberin der Zeitschrift für Jugendhilfe in Wissenschaft und Praxis, "Unsere Jugend", München, Forum der Jugendämter in Stadt und Land. Hier nahm sie vor allem laufend zu den wichtigsten Gesetzesvorschlägen in Fragen der Erziehung und Wohlfahrt Stellung und vertrat ihre Idee des lebendigen Jugendamtes. Darüber hinaus war Hermine Albers Mitglied des deutschen Landesausschusses der UNESCO.
Hermine Albers starb 1955 im Alter von 60 Jahren. In einem der Nachrufe hieß es ganz der Rollencharaktere der Frau folgend über sie: "Sie konnte beides - mit männlich scharfem Verstand planen und mit einem unbestechlich nüchternen Blick für das Sachliche abwägen. Dabei war sie gleichzeitig ganz Frau mit starker Gefühlsbeteiligung und dem Vermögen, die Dinge von der Wurzel her zu erfassen." (Gedenkwort von Stadtarzt Marx, Nürnberg)
Pastor Wilhelm Engelmann, Direktor des Centralausschusses für die Innere Mission, Bethel, fasste Hermine Albers" Leben wie folgt zusammen: "Sie gehörte zu denen, die Glück und Qual dieses Zeitalters in sich aufgenommen und verarbeitet haben, die wissend geworden sind. Diese Menschen sind äußerlich nicht leicht begeisterungsfähig, vielleicht scheinen sie verschlossen, zurückhaltend und manchmal auch hart. Aber in ihnen wohnt - oft nur dem Kundigen erkennbar - eine stille Güte und Barmherzigkeit, die die Not und das Leid des Bruders und der Schwester mitträgt, und die recht zu helfen wissen. Diese Menschen wissen es auch, daß sie dazu bestimmt sind, daß von ihnen gefordert wird, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, ihren Verstand und ihre Fähigkeiten und nicht zuletzt ihre Liebe ganz darzubringen. Dies wird eine selbstverständliche Haltung. Diese Menschen verzehren sich im Dienst. Sie hassen das Laute und Vordergründige, denn sie kennen die Hintergründe des Lebens. In ihnen lebt das Wissen um das Wesentliche."
Seit 1955 vergibt die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe alle zwei Jahre den Hermine-Albers-Preis (auch Deutscher Jugendhilfepreis genannt).
Hedwig Florey, geb. Elsner
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Foto: privat
24.8.1943 Oldenbüttel/Eiderstedt - 27.8.1999 Hamburg
Pianistin, Professorin für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater HfMT Hamburg, Mitglied im Ensemble Hinz & Kunst, Mitbegründerin "Hamburger Sängerhaufen"
Grablage: I. C 3/363-364
Hedwig Florey war die Tochter von Dr. Kurt Elsner, Rechtsanwalt in Flensburg, der 1944 an einer chronischen Erkrankung verstarb. Ihre Mutter Tine Elsner, geb. Hansen-Nootbaar, war Physiotherapeutin. "Hedwig kam als fünftes Kind zur Welt, und es war - unter den erschwerten Bedingungen der Nachkriegszeit - eine harte Herausforderung für die allein erziehende Mutter, allen Kindern eine ihrer jeweiligen Begabung entsprechende Förderung zuteil werden zu lassen. Die musische Erziehung ihrer Kinder war der Mutter eine Herzensangelegenheit. Weil Hedwig von früher Jugend an eine besondere musikalische Begabung gezeigt hat, wurde das durch instrumentalen Musikunterricht gefördert. Neben ihrer Schulausbildung hatte sie nicht nur Klavierunterricht, sondern lernte Querflöte bei einem Musiker des Flensburger Orchesters. Außerdem war sie eine ebenso begeisterte wie engagierte Chorsängerin. Nach dem Abitur entschied sie sich zwar für ein Klavierstudium, vernachlässigte aber ihr Flötenspiel nicht, sondern nutzte ihre Kenntnisse zum kammermusikalischen Musizieren." [1]
An der Hamburger Musikhochschule studierte sie Klavier bei Frau Prof. Eliza Hansen und Musiktheorie bei Prof. Werner Krützfeldt. Beide Fächer schloss sie 1968 und 1970 mit einem Diplom ab. 1973 begann sie ihre Tätigkeit an der Hochschule für Musik und Theater
Hamburg, zunächst in dem Fach Klavierimprovisation, später als Teilprofessorin für Musiktheorie. Ein Jahr später verlieh ihr der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg die akademische Bezeichnung "Professor".
1970-1982 war sie Mitglied der Hamburger Musikgruppe "Hinz und Kunst" und 1978 gründete sie den "Hamburger Sängerhaufen" mit.
Sie organisierte Veranstaltungen über Kurt Weill, Kurt Tucholsky, Hanns Eisler, Paul Dessau und Bert Brecht. [3]
Am 19. September 1969 heirateten die Pianistin Hedwig Elsner und der Violoncellist Wolfgang Florey in Flensburg. Auch nach späterer Trennung blieben sie einander freundschaftlich verbunden. Zu ihrem Werdegang ergänzte Wolfgang Florey:" (...) so gehört es zum Leben meiner Frau, dass sie drei Kinder zur Welt gebracht hat, Georg Heinrich Friedemann (1970), Daniel Georg Sebastian (1971) und Marianne Katharina (1979). Nach unserer Trennung im Jahr 1985 war sie diesen Kindern eine alleinerziehende Mutter. All die damit verbundenen Schwierigkeiten hatte sie neben ihrer beruflichen Entwicklung zu meistern. Und versteht sich von selbst, dass das ihrer beruflichen Karriere nicht unbedingt förderlich war. [1]
Unter dem Titel "Trauer um Hedwig Florey" meldete ein kurzer Nachruf im Hamburger Abendblatt vom 7. September 1999: "Hedwig Florey, Professorin für Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, ist nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 56 Jahren gestorben. Sie war seit 26 Jahren an der Hochschule und galt als hervorragende Künstlerin und sensible Pädagogin. Sie widmete sich besonders der Neuen Musik. Neben ihrer Lehrtätigkeit arbeitete sie als Pianistin mit unterschiedlichen Ensembles und Künstlern. HA". [2] Bestattet ist Hedwig Florey auf dem Friedhof Bergstedt, Grablage: I.C 3/363-364. [3] Ihr Nachlass ist in der Handschriftenabteilung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky als "Nachlass Hinz & Kunst, Florey, Hedwig" unter der Signatur NHK bibliothekarisch katalogisiert, "eine Arbeit, die durch eine großherzige Stiftung von H. W. Henze ermöglicht worden ist und gefördert wurde von dem Musikwissenschaftler Dr. Peter Petersen." [1]
Die Pianistin war Gründungsmitglied und Mit-Komponistin in dem Quintett Hinz & Kunst. Deren innovatives und charakteristisch-politisches Konzept, "typisch" für den Aufbruch der "68er Generation", schilderte der Cellist und frühere Ehemann von Hedwig Florey, Wolfgang Florey, der selbst dieser Musiktheatertruppe angehörte: "Das Ensemble Hinz & Kunst wurde 1969 an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hamburg gegründet - aus Interesse an neuen musikalischen Strömungen und Experimentierlust, an der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik, die im Ausbildungsplan der Musikhochschule so gut wie nicht vorkam. Durch gemeinsames, stundenlanges frei improvisierendes Musizieren in verschiedenen Formen und Konzepten versuchten wir zu neuer Art der Musikausübung zu gelangen, die die Trennung in ‚reproduzierende" und ‚produzierende" Musiker endlich aufhob.
Die Sechziger Jahre waren in musikalischer Hinsicht geprägt von den verschiedensten sich überlagernden und durchaus nicht homogenisierbaren Strömungen. Uns beschäftigte die Tatsache, dass Musik seit eh und je diejenige der Künste ist, die am wenigsten mit ihrer Zeitgenossenschaft etwas anzufangen weiß, was wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit beruht. Fühlte sich die gemäßigte Moderne, anknüpfend an den musikpädagogischen Versuchen Hindemiths und Orffs, noch für die ästhetische Erziehung der nachwachsenden Generation verantwortlich, so beschränkte sich der soziale Bezug der jetzt tonangebenden Komponistengeneration im wesentlichen auf die Vorteilnahme aus einem hochsubventionierten Kulturbetrieb. Die musikalische Avantgarde scherte sich nicht im mindesten darum, dass sich das Musikleben währenddessen in einen Marktplatz verwandelte, der vom Propagandageschrei der Marketingspezialisten einer sich ins ökonomisch Gigantische aufschwingenden Unterhaltungsindustrie widerhallte, die von nun an bestimmen sollte, welcher Ton die Musik der Zukunft machte. Von den Institutionen des Musiklebens, den Konzertsälen und Opernhäusern, deren gesellschaftliche Verantwortung sich ohnehin in der Verpflichtung zu einer mehr oder minder musealen Wiedergabe von musikalischen Antiquitäten erschöpfte, war in bezug auf die gewaltige Metamorphose des Musiklebens wenig Widerständiges zu erwarten, zumal sie ökonomisch noch munter im wirtschaftswunderbaren Wohlstand vor sich hin speckten. Es schienen keine zwingenden Gründe für den Musikbetrieb zu bestehen, von überkommenen Musikkonzepten abzuweichen oder sich in welcher Weise auch immer neuen Publikumsschichten zu öffnen. Sowieso war den seriösen Musikern mitsamt der Zunft der Musikwissenschaftler die Beschäftigung mit den Gesetzen des Marktes genauso fremd wie eine Auseinandersetzung mit den Erscheinungen der neuen, industriellen Massenkultur. Mit ihren musikalischen Genres wollten diese genauso wenig zu tun haben, wie die Bürger mit dem Plebejer.
Was sich jedoch entscheidend geändert hatte, war, dass die zukünftige gesellschaftliche Elite sich nicht länger in den Musentempeln ihrer Vorfahren zum Guten, Wahren und Schönen erziehen lassen wollte, sondern den ihr gemäßeren musikalischen Ausdruck in den subkulturellen Novitäten der kommerziellen Rock- und Popmusik zu finden glaubte. Das hatte allerdings keine primären musikalischen Ursachen, sondern war das Ergebnis eines fundamentalen gesellschaftlichen Paradigmenwechsels. Dieser war es, der es uns unmöglich zu machen schien, über Musik nachzudenken, ohne wenigstens den Versuch zu unternehmen, die sozialen Aspekte, denen das Musikmachen unterworfen war, zu verstehen. Und indem wir uns darum bemühten, fanden wir uns bald in einer reichlich unwirtlichen Landschaft wieder und hineingestellt in ein politisches System, das von den Widersprüchen des Kalten Krieges geprägt war.
Der Krieg in Vietnam wurde für uns zu einer grundlegenden moralischen Frage und führte dazu, dass das bis dahin einigende ideologische Fundament, auf das alle Parteien des Landes sich beriefen, böse Risse bekam. Gemeint ist nicht das Grundgesetz der Bundesrepublik, sondern der bis dahin alles beherrschende Antikommunismus. So kam es zu einem immer breiter geführten Diskurs über die Bedeutung der Marxschen Analyse des Kapitalismus und seiner Kritik der Politischen Ökonomie.
Und auf dem Gebiet der Künste wurde immer lebhafter diskutiert über die Rolle des ‚Ästhetischen bei der Scheinlösung von Grundwidersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft", über die ‚Bedeutung und Funktion der Massenkultur und Massenkommunikation im spätkapitalistischen System", über die ‚Klassenbezogenheit der herrschenden Kunst" und darüber, dass ‚Kunst notwendige Inhalte verständlich und wirksam verbreiten müsste". Wie nun aber die musikalischen Modelle konkret auszusehen hätten, die den neuen Anforderungen gerecht werden könnten, dafür schien es uns zunächst nur wenig Beispielhaftes zu geben.
Für uns Musikstudenten wurde der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Musikhochschule in dieser Zeit zu so etwas wie einer organisatorischen Plattform nicht nur der politischen, sondern auch der ästhetischen Diskussion. Hier kam es auch zur ersten Begegnung mit Hans Werner Henze. Zeitlich fiel sie in die Vorbereitungszeit der geplanten Uraufführung seines Oratoriums Das Floß der Medusa im Herbst 1968. Unsere Erwartungen waren groß, aber nicht geringer war unsere Skepsis, ob gerade sein Werk uns ein Beispiel geben könne. Die Lektion wurde uns aber nicht vom Komponisten, sondern - wie allgemein bekannt - von der Polizei erteilt. Am Abend der Uraufführung erklang in der Ernst-Merck-Halle keine Note. Zu vernehmen war nur ein Sprechchor, der nicht in der Partitur stand. Der RIAS-Kammerchor skandierte, als Henze zum Beginn des Konzerts den Taktstock hob: ‚Wir kommen aus Berlin - wir singen nicht unter der roten Fahne". Diese Erklärung leitete eine der größten Konzertskandale in der Geschichte der BRD ein. Er endete mit dem Einsatz einer Hundertschaft der Polizei im Konzertsaal, die eine größere Anzahl von Konzertbesuchern zur Feststellung der Personalien vorrübergehend festnahm.
Doch ein konkretes Ergebnis hatte dieses Ereignis: Seitdem gab es in Hamburg einen ‚Arbeitskreis Sozialistischer Musikstudenten". Ausgehend von ihm bildeten sich eine ganze Reihe von studentischen Diskussions- und Arbeitsforen. Hier wurden nicht nur Forderungen zur Studien- und Strukturreform der Musikhochschule entwickelt, es ging auch ganz konkret um die Erprobung alternativer musikalisch praktischer Ansätze - und damit um vieles, was für das spätere Selbstverständnis der Gruppe Hinz & Kunst von Bedeutung war.
Und schließlich lernten wir die musikalisch-politische Arbeit der ‚Hamburger Liedermacher", einem Kreis von engagierten Laien um Renate Bauche (Ehefrau von Dr. Ulrich Bauche, Kulturhistoriker und Volkskundler, ehemals Hauptkustos am Museum für Hamburgische Geschichte, Honorarprofessor der Universität Hamburg, CG.) und der ‚Hamburger Songgruppe" kennen, woraus sich eine mehrjährige Zusammenarbeit ergab. Und im Rahmen der Musikhochschule war es Jürgen Tamchina, Theatermusiker und Kinderbuchautor, später auch Komponist und Theaterregisseur, der damals mit Schauspielstudenten ein Programm mit Liedern von Eisler erarbeitete. Der Kreis von Musikern, der sich hier als Begleitensemble zusammenfand, konstituierte sich später als Hinz & Kunst. Es setzte sich im Kern zusammen aus dem Klarinettisten und Saxophonisten Bernhard Asche, dem Posaunisten und Komponisten Thomas Jahn, der Pianistin und Musiktheoretikerin Hedwig Florey, dem Schlagzeuger Peter Wulfert (an dessen Stelle später Matthias Kaul trat) und dem Cellisten Wolfgang Florey.
Jürgen Tamchina, der an der Entwicklung einer vorschulpädagogischen Fernsehreihe für das ZDF arbeitete und den Auftrag erhielt, für eine Serie von Sendungen Lieder für Puppenspieler zu schreiben, stützte sich im Kern auf dieses Ensemble von Instrumentalisten. Thomas Jahn gab den Liedern ihre klangliche Gestalt und schrieb die Arrangements. Als ‚Die Lieder von der Rappelkiste" wurden die Aufnahmen zu einem riesigen Schallplattenerfolg. Die Liedtexte von Tamchina machten im Sinne eines emanzipatorischen Erziehungskonzeptes den Kindern Mut zu einem selbständigen Urteil und Handeln in verschiedenen realistisch geschilderten Lebenssituationen. Dem gleichen pädagogischen Ziel folgend widersetzte sich die musikalische Sprache der Lieder dem in diesem Genre inzwischen verbreiteten kommerziellen Sound und knüpfte bewusst am traditionellen Kinderlied an. Das Instrumentarium der Begleitung war dem Bereich der klassischen Musik entlehnt und entfaltete seinen Zauber mit spieltechnischer Raffinesse und einem Witz, der sich der Erfahrung mit der Moderne ebenso verdankte, wie der Zusammenarbeit mit den Hamburger Liedermachern.
Das Selbstverständnis von Hinz & Kunst ist das Ergebnis auch anderer Erfahrungen. Sie gehen zurück auf zwei sehr verschiedene Aspekte der Diskussion in den studentischen Basisgruppen. Der eine betrifft die Frage nach der Aufhebung der Teilung der Arbeit in eine Sphäre der geistigen und eine der materiellen sowie die Frage nach der Überwindung ihrer Entfremdung. Der andere Aspekt betrifft das Konzept einer Politik der gewerkschaftlichen Orientierung. Konkret auf dem künstlerischen Gebiet bedeutete dies, dass nicht nur allgemein der Mensch, sondern der arbeitende Mensch in den Mittelpunkt des künstlerischen Interesses rücken müsse.
Dieser Zusammenhang fand seinen Niederschlag in einer gemeinsamen kompositorischen Arbeit, die H.W. Henze vorschlug. Ein Text war bald gefunden, nämlich eine aktuelle Recherche der Fernsehjournalistin Erika Runge über einen ‚wilden" Streik in einem Walzwerk der Firma Mannesmann, Duisburg. Jeder der Komponisten, auch H.W. Henze, übernahm es, einen Teil des Textes in Musik zu setzen, und das Ganze wurde schließlich als Szenische Kantate von einem Ensemble, das sich im Kern aus der Gruppe Hinz & Kunst zusammensetzte, einstudiert. Unter tätiger Mithilfe von Ruth Berghaus und in Anwesenheit von H.W. Henzes und der meisten Komponisten wurde das Werk im Theater am Schiffbauerdamm im August 1973 uraufgeführt. Für die Schallplatteneinspielung dieser Kantate Streik bei Mannesmann erhielt Hinz & Kunst von der Deutschen Phonoakademie 1975 die Auszeichnung ‚Künstler des Jahres".
Mit diesem Werk verknüpft ist der Beginn einer langjährigen Freundschaft und Zusammenarbeit des Ensembles Hinz & Kunst mit Hans Werner Henze. Er lud das Ensemble zur Mitarbeit an seinem ‚Cantiere Internazionale d´Arte" ins toskanische Montepulciano ein, wo das Ensemble über eine Reihe von Jahren neben Konzerten und instrumentalen Begleitaufgaben im kleinen Opernhaus konkrete Musikanimationsarbeit leistete.
Aus Anlass seines fünfzigsten Geburtstages baten die Hinz & Künstler Henze um einen Gegenstand, um den Jubilar überhaupt würdig mit Musik bedenken zu können, und so bekam Hinz & Kunst ein Stück Musik, das für die Kernbesetzung der Gruppe spielbar war. Es ist ein Quintett und trägt den schlichten Namen Amicizia!. Es erklang zum ersten Mal 1976 bei einem Kammerkonzert von Hinz & Kunst im Teatro di Montepulciano.
In Erinnerung des alten Anspruches, die Arbeitsteilung des Musikers in einen reproduzierenden und einen produzierenden zu überwinden, und angeregt durch die konkreten Aufgaben unserer künstlerischen Praxis, gingen wir auch daran, nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gruppe schöpferisch tätig zu werden. Für Montepulciano entwarfen wir das Libretto und schrieben die Musik zu einem Singspiel, das wir beim ‚3. Cantiere Internazionale d´Arte" in Montepulciano und einer Reihe umliegender Ortschaften aufführten. Für dieses Stück, das wir Mongomo in Lapislazuli [4] nannten, erhielten wir den Preis der Jury des Komponistenseminars in Boswil (Schweiz). Es folgten noch zwei weitere Arbeiten: das Musical Komm, Collie wir gehen in´s Öl, das beim Steirischen Herbst 1981 uraufgeführt wurde, und das Ballett Der Schal. In beiden Fällen war die Gruppe Librettist, Komponist und schließlich ausführendes Instrumentalensemble.
Als Instrumentalensemble hatte sich Hinz & Kunst im Verlaufe der Jahre ein beachtliches Repertoire an zeitgenössischer, vornehmlich engagierter Musik erarbeitet und eine ganze Reihe von Komponisten haben für Hinz & Kunst geschrieben, insbesondere wieder H.W. Henze, der sein imaginäres Musiktheater El Rey de Harlem für Mezzosopran und acht Instrumentalisten für Hinz & Kunst schrieb. 1980 brachten wir es im Rahmen der ‚Wittener Tage für Neue Kammermusik" mit Maureen McNally und unter der Leitung von Spiros Argiris zur Uraufführung". [5]
Die Geschichte der Gruppe Hinz & Kunst endete mit dem Jahr 1981. Das hatte vor allem
existentielle-wirtschaftliche Gründe: "Schwierig war natürlich die materielle Basis der künstlerischen Arbeit. Eine finanzielle Förderung der Gruppe durch wie auch immer geartete Subventionen gab es so gut wie überhaupt nicht, und Förderungsanträge wurden in der Regel kategorisch abgelehnt. Die Freie und Hansestadt Hamburg erwies sich in ökonomischer Hinsicht als besonders trostloses Terrain. Ohne jede Subvention kann man in einem hochsubventionierten Umfeld nicht bestehen. Das ist auch ohne große Einsicht in Wirtschaftsfragen nicht schwer zu begreifen. Aber auch andere Möglichkeiten, uns eine materielle Basis für unsere Arbeit zu gewinnen, blieben uns in dieser Stadt weitgehend verwehrt. Während wir bei anderen Rundfunkanstalten regelmäßig zu Gast sein durften, blieb uns der Zugang zum NDR verschlossen. Die aus alledem folgenden existentiellen Schwierigkeiten hatten natürlich eine immer stärkere Fluktuation im Ensemble zur Folge, weil niemand die Arbeit mit Hinz & Kunst längerfristig in den Mittelpunkt seiner beruflichen Tätigkeit stellen konnte. Damit wurde aber das eigentliche Ziel, nämlich ein Modell der künstlerischen Arbeit zu entwerfen, in dem ihre Entfremdung gesellschaftlich quasi antizipatorisch aufgehoben ist, immer unerreichbarer. Damit geriet aber der Anspruch, mit dem wir angetreten waren, mit der Wirklichkeit, die sich aus unseren Arbeitsbedingungen ergab, in einen immer krasseren und nicht mehr aufzulösenden Widerspruch. Das Ziel, mit unserer Arbeit eine Alternative aufzuzeigen und diese im Musikleben nachhaltig zu etablieren, war uns zur uneinlösbaren Utopie zerronnen.
Thomas Jahns Ausbildung als Komponist und Posaunist ermöglichte es ihm, den Produktions- und Reproduktionsgedanken des Ensembles Hinz & Kunst in seiner Person zu vereinen. Das Herstellen von Musik war für ihn ein Kommunikationsprozess. Diese Haltung, gang und gäbe im Bereich der Jazz- und Popmusik, war im Bereich der sogenannten ernsten Musik eher ungewöhnlich. Sie prägte das Ensemble, und das Feedback prägte auch ihn und seine Produktion. So schrieb er neben einer Fülle von Songs und Arrangements auch konzertante Musiken wie sein Nonett Zeitgeist und Akkordarbeit, vokalinstrumentale Kompositionen wie Denkzettel und seine drei Opernszenen The zoological palace für das Ensemble Hinz & Kunst. Das Erstellen von musikalisch-theatralischen Konzepten im Verbund mit anderen fand seinen Niederschlag in den oben erwähnten Gemeinschaftsarbeiten. Und auch heute noch legt Thomas Jahn großen Wert auf konzeptionelle Zusammenarbeit, wie sein Wirken bei den Eppendorfer Blechbläsern, dem Ensemble Undezett oder dem Intervall-Projekt an der Erika-Klütz-Schule für Theatertanz und Tanzpädagogik in Verbindung mit der Fachschaft Architektur an der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg beweist.
Aus: impulse Nr. 7, Mai 2004". [5]
Text: Dr. Cornelia Göksu
Anmerkungen:
1 Freundliche Informationen von Herrn Wolfgang Florey, in E-Mail-Korrespondenzen mit CG, Mai und Juni 2018.
- Univ-Prof. i.R. Peter Petersen ist u.a. Herausgeber der Schriftenreihe "Musik im ‚Dritten Reich" und im Exil". Gemeinsam mit Claudia Maurer Zenck und Sophie Fetthauer gibt er das Online-Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit heraus (Universität Hamburg seit 2005: www.lexm.uni-hamburg.de); diese Daten sind entnommen der Website: www.fbkultur.uni-hamburg.de/hm/personen/petersen.html; abgerufen Juni 2018, CG).
2 Online in "Hamburger Abendblatt" Zeitungsarchiv unter abendblatt.de/archiv/1999/article204664785/Trauer-um-Hedwig-Florey
3 Daten und Lebenslauf entnahm Frau Dr. Rita Bake der Publikation: Grabstätten von bekannten Persönlichkeiten auf dem Bergstedter Friedhof. Hg. vom Evangelisch-lutherischen Kirchengemeindeverband Bergstedt-Friedhof. Volksdorfer Damm 261 Hamburg, o.J.
4 Zur Mitarbeit von Hedwig Florey und zum Inhalt der genannten Kompositionen vgl. folgende LINKS: thomasjahn.com -> Gemeinschaftskompositionen sowie florey.de/musik.htm -> Werkverzeichnis
sowie www.florey.de/mongomo.htm
Zur Improvisationsfreude dieser Festivals vgl. z.B. "Zum zweiten Mal Hans Werner Henzes "Cantiere" von Montepulciano: Ein ganzer Verdi für achthundert Mark". In Wochenzeitung Die Zeit, Ausgabe 35/1977, Online im ZEIT-Archiv unter LINK:
https://www.zeit.de/1977/35/ein-ganzer-verdi-fuer-achthundert-mark/seite-2
5 Bernhard Asche und Wolfgang Florey: Über das Ensemble Hinz und Kunst (1969-81) und den Komponisten Thomas Jahn. In: impulse, Nr. 7, Mai 2004. Online Version unter www.kammermusik-heute.de/projekte/projekte06.html -> Über das Ensemble Hinz & Kunst e.V. (abgerufen Juni 2018, CG).

Diskografie:
Hans Werner Henze I Dietrich Boeckle I Niels Frederic Hoffmann I Luca Lombardi (2) I Thomas Jahn I Wilfried Steinbrenner I Erika Runge I Ensemble Hinz & Kunst -
Streik Bei Mannesmann: Szenische Kantate
Spieldauer 45 Minuten
Label: Pläne - S 30 E 100
Format: Vinyl, LP
Land: Germany
Veröffentlicht: 1976
Genre: Classical
Stil: Post-Modern
A Streik Bei Mannesmann
B Streik Bei Mannesmann
Mitwirkende:
Artwork [Graphics] - Dieter Süverkrüp
Cello, Other [Liner Notes] - Wolfgang Florey
Clarinet - Bernhard Asche
Composed By - Dietrich Boeckle, Hans Werner Henze, Luca Lombardi (2), Thomas Jahn, Wilfried Steinbrenner
Composed By, Other [Artistlc Project Leading] - Niels Frederic Hoffmann
Ensemble - Ensemble Hinz & Kunst
Layout - Gangolf Dörr
Libretto By - Erika Runge
Mixed By, Producer - Ensemble Hinz & Kunst
Other [Collaboratlon] - Angelika Rehfeld, Erich Bahr, Jürgen Vater, Kerstin Meyer, Marcus Boysen, Timo Bernd
Percussion - Peter Wulfert
Piano - Hedwig Florey
Recorded By - Rainer Hecht
Recorded By [Voice Recording] - Martin Hömberg
Trombone - Thomas Jahn
Trumpet. VocaIs - Jürgen Tamchina
VocaIs [Betriebsrat-guest] - Dieter Herzog
VocaIs [Guest] - Carola BückIers, Christoph Hagin
VocaIs [Untemehmer-guest] - Adalbert Stamborski
VocaIs [Worker-guest] - Karsten Gaul
Voice {Guest) - Reinhold Ohngemach
Voice [Jugendsolidaritäts-text-guest] - Christa Weber
Anmerkungen
Contains , 12" sized Insert with Iyrics and analysis of the work
Ein Projekt des vds zu den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Berlin/DDR 1973.
Quelle: discogs.com/de/Hans-Werner-Henze-Dietrich-Boeckle-Niels sowie:
www.hans-werner-henze-stiftung.de/hans-werner-henze/werkverzeichnis/detail/news/detail/News/streik-bei-mannesmann/

Photo: Staatsarchiv Hamburg
Frieda Roß geb. Hinsch
27.7.1899 Hamburg - 8.7.1975 Hamburg
Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft (SPD) von: Ernannte Bürgerschaft: Februar 1946 bis 1949
Grablage: R 16a/17 U, Das Grab ist bereits abgeräumt worden
Frieda Roß war die Tochter einer Wäscherin und eines Ewerführers. Schon in ihrer Jugend trat sie der SPD bei und arbeitete, nachdem sie nach dem Abschluss der Höheren Handelsschule den Beruf der Korrespondentin und Buchhalterin erlernt hatte, ab 1919 als kaufmännische Angestellte beim "Hamburger Echo", der Zeitung der Hamburger Sozialdemokratie. Dort lernte sie ihren späteren Mann Rudolf Roß (1872-1951) kennen, der damals Leiter der neugegründeten Volkshochschule und Präsident der Hamburgischen Bürgerschaft war. Nachdem das Paar 1923 geheiratet hatte, wurde
Frieda Roß Hausfrau und Mutter zweier Kinder. 1930/31 wurde ihr Mann Erster Bürgermeister von Hamburg (bis 1933 zeitweise auch Zweiter Bürgermeister) und sie die First Lady. 1946 wurde sie in ihrer Funktion als Vertreterin der Hausfrauen Abgeordnete in der Ernannten Bürgerschaft. Dort schloss sie sich der SPD-Fraktion an. Ihre politischen Schwerpunkte waren die Lage der Hausfrauen und das Gesundheitswesen. Sie sorgte sich um die Flüchtlingsjugend, forderte Röntgen-Reihenuntersuchungen gegen die Krankheit TBC und setzte sich für die Verbesserung der Zustände in Krankenhäusern ein. Frieda Roß war bis 1970 Bürgerschaftsabgeordnete. Auch spielte sie eine aktive Rolle in der Hamburger Frauenbewegung. Im April 1946 war sie beteiligt an der Gründung des Hamburger Frauenrings, dessen Vorstandsmitglied sie bis 1949 war. Im Juli 1946 gründete sie mit anderen Frauen den Verein Hamburger Hausfrauen, dessen Vorsitzende sie von 1949 bis 1951 und 1953 war. Ihr erklärtes politisches Ziel war, dem Hausfrauenberuf gesellschaftliche Anerkennung zu verleihen. Deshalb forderte sie auch die Anerkennung der hauswirtschaftlichen Tätigkeit als Beruf. Text: Dr. Rita Bake
Friedhof Volksdorf
Elsa Haensgen-Dingkuhn, geb. Haensgen
7.11.1898 Flensburg - 7.5.1991 Hamburg
freischaffende Malerin der Neuen Sachlichkeit
Grablage: Auf Bitten der Familie soll die genaue Grablage nicht veröffentlicht werden, deshalb auch kein Photo von der Grabstelle
Elsa Haensgen entstammte einer reichen Familie; ihr Vater war ein Flensburger Werftdirektor. "Typisch für eine höhere Tochter ihrer Zeit besuchte sie zunächst ein Mädchen-Lyzeum und dann eine Hauswirtschaftliche Berufsfachschule. Nach Ende des Ersten Welkrieges, begann sie von 1917 bis 1918 (…) an der Kunstgewerblichen Fachschule Flensburg Kunst zu studieren. Von 1919 bis 1922 studierte sie an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld, (…). Sie gehörte zur ersten Klasse von Frauen, die in der Kunsthochschule als Kunststudentinnen zugelassen wurden." 1)
"Nach anfänglichem Interesse für soziale Themen, wie dem Leben der Kinder in der Großstadt, wandte sie sich am Ende der Zwanzigerjahre unter dem Einfluss von George Grosz und Otto Dix der Neuen Sachlichkeit zu. Ihre Bilder zeigen das Nachtleben im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli, das sie aus eigener Anschauung hautnah schilderte. Daneben malte sie Kinder, Kleinbürgerfamilien und Liebespaare. Mit ihren Selbstporträts machte sie in Hamburg und Berlin auf großen Ausstellungen Furore. Bekannt wurde sie in Hamburg und Schleswig-Holstein für ihre Kinderbilder, Bilder vom Laternelaufen, von Jahrmärkten und von der Kindergilde in Angeln." 2)
"1922 heiratete sie den Maler und späteren Kunsterzieher Fritz A. Dingkuhn und arbeitete ab 1923 als freischaffende Malerin in Hamburg. Das Paar lebte eine emanzipierte Ehe. So führte sie neben dem Ehenamen ihren Geburtsnamen in einem Doppelnamen weiter. Der Ehemann unterstützte die Ambitionen seiner Ehefrau und stellte seine künstlerische Karriere hinter die seiner Frau. So konnte sie an zahlreichen Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen, u. a. an der Hamburgischen Sezession teilnehmen und ihren Erfolg ausbauen. So erwarb z. B. Gustav Pauli, Direktor der Hamburger Kunsthalle Arbeiten der Künstlerin.
1926 wurde der Sohn Jochen, 1932 die Tochter Wiebke geboren. Die Kinder - überhaupt die Auseinandersetzung mit der Mutterschaft und Frauendasein in dieser Zeit - wurden ab da zeit ihres Lebens Mittelpunkt und Hauptthema ihrer Bilder und Zeichnungen. Wie das Paar zu der Politik und der Ideologie der Nationalsozialisten stand, bleibt unklar. Beide verwandten unpolitische Themen in ihren Bildern - ob sie sich zu dieser künstlerischen ‚Nicht-Positionierung' entschieden, um sich nicht wie andere Künstler in Lebensgefahr zu bringen, ist nicht bekannt.
1933 trat Elsa Haensgen-Dingkuhn der Hamburgischen Künstlerschaft bei, im selben Jahr in welchem aber jüdische Künstler (…) ausgeschlossen wurden. (…)
1935 zog die Familie in eine Wohnung in die Gartenstadt-Siedlung Hamburg-Farmsen-Berne, wo sie bis zu ihrem Tode ihren Lebensmittelpunkt behalten sollten. (…)
Von 1936 bis 1939 hielt sich Haensgen-Dingkuhn regelmäßig in Ostpreußen und Angeln zu Studienzwecken auf, viele Bilder mit Landschafts- und Küstenthemen entstanden. Nach Kriegsbeginn wurde Fritz Dingkuhn im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Niederbayern geschickt und so zog die Familie von 1940 bis 1941 nach Vilsbiburg, wo Fritz A. Dingkuhn an der dorthin verlegten Schule Kunsterziehung unterrichtete. (…)
Kurz nach Kriegsende wurde Fritz A. Dingkuhn wieder nach Hamburg an die Volks- und Realschule Hamburg-Sasel versetzt, so dass die Familie wieder in ihre Heimat zurückkehren konnte. (…)
1959 starb nach langer Krankheit die kleine Enkeltochter, das Kind der Tochter Wiebke, 1964 die Tochter selbst im Kindbett mit dem zweiten Kind.
Von diesen Schicksalsschlägen erholte sich das Paar nie wieder vollständig. Der Sohn, inzwischen wie der Vater auch Kunstlehrer geworden, arbeitete zu der Zeit für die Entwicklungshilfe in Äthiopen. Das Ehepaar besuchte ihn von 1963 bis 1965, um sich abzulenken. Die Eindrücke der exotischen Umgebung verarbeiteten beide in neuen Werken.
1979 starb ihr Mann Fritz im Alter von 85 Jahren an den Folgen eines leichten Schlaganfalls. 1981 fand eine Retrospektive der Werke von Elsa Haensgen-Dingkuhn im damaligen Kunsthaus Hamburg statt. 1991 verstarb die Künstlerin in der langjährigen Wohnung im Alter von 92 Jahren." 3)
Quellen:
1) Wikipedia: Elsa Haensgen-Dingkuhn, aberufen am 24.12.2017.
2) Text zur Ausstellung: "Sachlich bleiben! Elsa Haensgen-Dingkuhn, Ausstellung ihrer Bilder vom 9.02.2017 - 01.05.2017 i Museumsberg Flensburg, unter: ttps://www.museumsberg-flensburg.de/de/ausstellungen/details/sachlich-bleiben-elsa-haensgen-dingkuhn.html
3) Wikipedia, a. a. O.
Zur Vita von Elsa Haensgen-Dingkuhn, siehe: Gisela Jaacks, in: Hamburgische Biografie. Hrsg. von Franklin Kopitzsch und Dirk Brietzke. Bd. 1. Hamburg 2001, S. 118.

© kulturkarte.de/schirmer

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie-Louise_Henry
Marie-Louise Henry
15.6.1911 Brüssel - 29.6.2006 Hamburg
Evangelische Theologin, erste Frau in Deutschland, die 1956 auf einen Lehrstuhl für Altes Testament berufen wurde
Grablage: Cg 23-24
Marie-Louise Henry war die älteste Tochter von Marie Auguste, geb. Platz, einer Deutschen und dem französischen Ingenieur Adolphe Henry. Drei Jahre nach ihrer Geburt wurde ihre Schwester Marguerite Constance geboren.
Im Ersten Weltkrieg zog die Mutter mit ihren beiden Töchtern nach Linz/Rheinland, der Vater starb 1915 als Soldat.
Ihre Schulzeit verbrachte Marie-Louise in Wismar. 1932 begann sie an der Rostocker Universität ein Theologiestudium. Sie schloss das Studium 1936 ab. "Von 1936 bis 1941 folgte ein Vikariat in Berlin-Spandau. Ein weiteres Studium an der Rostocker Universität in den Fächern Geschichte, Germanistik und Italienisch begann Henry im 1. Trimester 1941, beendete es jedoch im März 1942 wieder aufgrund von Berufstätigkeit." 1) "Die junge Absolventin wurde 1942-1945 nach Hamburg gerufen und arbeitete wissenschaftlich in der Luther-Gesellschaft." 2)
Während der NS-Zeit engagierte sich Marie-Louise Henry für die Bekennende Kirche. 1948 promovierte sie zum Doktor der Theologie, 1952 habilitierte sie sich. Von 1953 bis 1959 lehrte sie als Dozentin an der Theologischen Fakultät der Rostocker Universität.
"1959 wurde sie als erste Frau in Deutschland Professorin für Altes Testament an der theologischen Fakultät der Universität Leipzig. In jener Funktion engagierte sie sich 1960 bei der Verhinderung der Sprengung der Marienkirche in Wismar, wobei sich ein unfruchtbarer Schriftwechsel mit der Obrigkeit der DDR entspann." 1)
"Die kleine, zierliche Theologie-Professorin in Leipzig machte sich bei den DDR-Behörden durch unerschrockene Meinungsäußerung verdächtig und unbeliebt. So rieten 1961 Mitarbeiter der belgischen Botschaft ihr als Inhaberin zweier Staatsbürgerschaften, einer Verhaftung zuvorzukommen. An der Leipziger Theologischen Fakultät blieb bis heute, wie erzählt wird, ihre Tabakspfeife zurück. Sie selbst fand Aufnahme als Gastdozentin in Wien." 2) Nach dem Tod ihrer Mutter verließ sie mit ihrer Schwester am 21. November 1961 die DDR und "kam zunächst in Ahrensburg (…) bei Verwandten unter. 1963 habilitierte sie sich erneut an der, [diesmal an der] Universität Hamburg und wurde dort 1973 ordentliche Professorin für Altes Testament. In dieser Zeit baute sie zahlreiche Verbindungen zu jüdischen Einrichtungen auf. 1976 wurde sie emeritiert, setzte aber ihre Lehrtätigkeit 1986 im Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg, wegen zu geringer Dozentenzahl fort."1)
Über ihr wissenschaftliches Wirken schrieb 2006 Dr.-Ing. Karl-Heinz Kutz von der Presse- und Kommunikationsstelle der Universität Rostock in seinem Artikel " Eine Maßstäbe setzende Theologin aus Rostock: Marie-Louise Henry": "Kreativität und hohe analytische Intelligenz bewies Marie-Louise Henry auf ihrem wissenschaftlichen Gebiet. Ihr Gespür für wichtige Themen, lange bevor sie in das Bewusstsein der Öffentlichkeit traten, war bemerkenswert. Ihr Buch über Tiere im religiösen Bewusstsein des Menschen erschien lange, bevor es eine ‚grün-ökologische Bewegung' gab. Andererseits ermöglichte es ihr eine umfassende Bildung, begründete Auffassungen auch gegenüber Modetrends in glasklare und einfache Worte zu kleiden. Dabei war ihre Kritik nie verletzend oder herabwürdigend, sondern - bei sachlichem Ernst - eher liebenswürdig und konstruktiv. Als Professorin erlebte sie in Hamburg die 68er Studentenbewegung, ‚unter den Talaren den Muff von 1000 Jahren'. Bei differenzierender Beurteilung und Würdigung der Anliegen der Studenten, aber auch Kritik der anarchischen Auswüchse griff sie das gesellschaftskritische Anliegen konstruktiv durch eine Studie zum Problem ‚Glaube und Gesellschaft' auf.
In einem Buch stellte sie sich 1990 der Frage nach Verletzungen derer, die z.B. in Konzentrationslagern litten, der Frage ‚Gott im Leiden? Gott in Auschwitz?' und der Frage nach Sinn und Wirkung von Gebet im Umfeld des Unmenschlichen. In ihrem 81. Lebensjahr veröffentlichte sie ‚Alttestamentliche Überlegungen zum Problem der Feministischen Theologie'. Die in der Bibel dargestellte menschliche Gemeinschaft beruhe zwar - wie jede menschliche Gesellschaft - auf Auseinandersetzungen. Aber der in der Bibel bezeugte Wille Gottes schließe eine Unterdrückung des Menschen, natürlich auch der Frau, kategorisch aus. Nur so könne eine demokratische Rechtsgemeinschaft wachsen und gedeihen." 2)
Text: Rita Bake
Quelle:
4) wikipedia: Marie-Louise Henry, abgerufen: 15.11.2017
5) https://idw-online.de/de/news168739
Erika Krauß
© kulturkarte.de/schirmer

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Krauß
6.2.1917 Karski/Polen - 26.6.2013 Hamburg
Deutschlands dienstälteste aktive Pressefotografin mit Meisterbrief; 63 Jahre freie Fotoreporterin für die "Hamburger Morgenpost"
Namensgeberin für Erika-Krauß-Twiete, benannt 2016 in Altona-Nord
Grablage: Fd 128-129
"Die Grande Dame der MOPO ist tot", titelte die Hamburger Morgenpost am 27. Juni 2013.
Auf ihrem Titelaufmacher trug die MOPO Trauer. "Unsere legendäre Fotografin Erika Krauß (96) ist tot. Vor ihr verneigen sich in Hamburg die Stars - und 13 Bürgermeister". (1)
Doch im Leben wie danach schien die zierliche, willensstarke Ikone ihre letzten Geheimnisse zu wahren. Ob sie nun im Alter von 95 oder 96 Jahren im Bundeswehr Krankenhaus "friedlich eingeschlafen" sei, darüber waren sich selbst die großen Tageszeitungen nicht recht einig. Das Magazin Der Spiegel, Hamburger Morgenpost und Bild ließen ihr 96 Jahre, Abendblatt und Die Welt billigten ihr 95 Erdenjahre zu. "Mit ihrem Alter hatte Erika Krauß kein Problem, das genaue Geburtsdatum behielt sie aber trotzdem gern für sich. Gewiss nicht aus Eitelkeit,
wohl aber aus jenem Eigensinn, der typisch war für Deutschlands dienstälteste Fotografin. ‚Geboren wurde ich am Ende der Ersten Weltkriegs', beantwortete sie hartnäckige Nachfragen. Das musste reichen", schrieb Matthias Gretzschel in Hamburger Abendblatt. "Die körperlich kleine Frau wirkte wie eine zerbrechliche Person, war aber resolut und voller Energie, eine Persönlichkeit mit enormer Präsenz". (2). Viele Jahrzehnte lang hat Erika Krauß Politiker, Künstlerinnen und Künstler, Prominente, Manager und Monarchen fotografiert, Marlene Dietrich und Romy Schneider, Präsidenten wie Clinton und Gorbatschow ebenso wie Yassir Arafat. So begleitete sie die junge Queen Elizabeth II; später folgten Prinz Charles und Lady Diana. "Selbst hochbetagt hat Erika Krauß noch tagesaktuell gearbeitet, und zwar in ihrem Revier, dem Rathaus" (3).
Dabei stammte das "Hamburger Original" gar nicht aus der Hansestadt. Geboren wurde sie in Karski, einer zwischen Breslau und Lodz gelegenen Ortschaft. "Erika meisterte ein Leben, das wahrlich nicht durchschnittlich war. Hinein in den Ersten Weltkrieg wird sie 1917 im polnischen Karski geboren - als Tochter eines Reichsbahnbeamten. Sie wächst in Berlin auf und besucht die Höhere Handelsschule" (3). Mit Mitte Zwanzig absolvierte sie zwischen 1940 und 1942 die private Kunst- und Kunstgewerbeschule in Berlin-Schöneberg (4). 1928 erweiterte sich das Lehrangebot dieser Schule um eine Filmabteilung. In den neuen Räumen wurde zusätzlich ein Fotostudio für den Unterricht und die Produktion eingerichtet. In einer Werkstatt widmete man sich dem Trickfilm. Die Ausbildung umfasste sämtliche Berufsfächer des Tonfilms auf technischer und künstlerischer Basis (wikipedia.org/wiki/Schule_Reimann). "Ich habe meinen Eltern gesagt: Ich will filmen, will mit etwas arbeiten, das sich bewegt'." (3) So absolvierte sie ihre Ausbildung mit einem Abschluss als "Kameramann", darauf legte sie besonderen Wert (5).
Im Anschluss war sie tätig als "Kamerafrau, Cutterin und Regisseurin - zu einer Zeit, in der es Frauen in diesem Beruf noch gar nicht gibt" (3). Ab 1941 war sie Filmkameraassistentin des Chefkameramanns Ansor von Brasy bei der Tobis Film GmbH in Berlin und der Ufa (Dokumentarfilme u.a. Weben und Wirken, Kinder reisen von 1941; Dämmerung im Teufelsmoor, Dorfrichter von Gössl von 1944). Von 1942-44 arbeitete sie im Tobis Star Foto Atelier in Berlin. "Sie erzählte oft, dass sie sich mal mit dem NS-Propagandaminister angelegt habe. Und wann immer ihr später einer dumm kam, sagte sie: ‚Ich habe den Goebbels überlebt. Dann überlebe ich das hier auch.'"(3)
Zeitweise soll Erika Krauß in Österreich und in der Künstlerkolonie Worpswede gelebt haben (2).
Im niedersächsischen Verden an der Aller erhielt sie ein Jahr nach Kriegsende den Lehrbrief für das Fotografenhandwerk und legte 1948 in Celle die Meisterprüfung ab. Damit war der künstlerisch-solide Grundstein für eine Karriere als Pressefotografin gelegt. Zunächst fotografierte sie bis 1950 für den "Düsseldorfer Mittag". Seitdem war Erika Krauß als freie Pressefotografin von den ersten Stunden der Zeitung für die "Hamburger Morgenpost" unterwegs. "Nach dem Krieg verschlägt es sie nach Hamburg. Der deutsche Film liegt am Boden. Sie braucht einen neuen Job. Wieder sucht sie sich eine Männerdomäne. Sie wird Fotografin. Im Pressehaus am Speersort stellt sie sich der Reihe nach in sämtlichen Redaktionen vor. Bei Henri Nannen vom ‚Stern', bei Rudolf Augstein vom ‚Spiegel', bei Gerd Bucerius von der ‚Zeit'. Alle sagen: Mit Frauen arbeiten wir nicht! Nur Heinrich Braune, dessen ‚MOPO' damals im ersten Stock residierte, gibt ihr eine Chance. Das war 1950" (3).
Zu ihrem Privatleben ist nicht viel bekannt: "Erika Krauß bringt sechs Kinder zur Welt, von denen zwei sterben. Sie zieht die Rasselbande allein groß. Sie ist zweimal verheiratet. Der erste Mann stirbt, vom zweiten trennt sie sich" (3, Seite 25).
"Niemand, der Erika nicht schätzte. Je älter sie wurde, desto unverwechselbarer. Ihre ‚Marke' - immer in Schwarz, langer Rock, breiter Gürtel, nie ohne Hut, so sah man die Fotografin auch an beim großen Empfang im Hamburger Rathaus 2007 zu Ehren des 90. Geburtstags der ‚Rathauskönigin'" (6). Allein 13 Bürgermeister hat "die Legende der Hamburger Presselandschaft" (Henning Voscherau) erlebt und fotografiert. Der erste war Max Brauer; besonders verbunden fühlte sie sich auch mit Helmuth und Loki Schmidt. Es gab kaum Prominente, die sie nicht abgelichtet hätte, und alle kannten und liebten sie in ihrer individuellen Erscheinung. Eine Veranstaltung im Rathaus ohne sie habe praktisch nicht stattgefunden, so erinnerte sich die Fotografin Margit Tabel-Gerster in ihrem 1994 veröffentlichten Porträtband "Hamburger Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Alltag" an ihre große alte Kollegin, die Fotopionierin Erika Kraus (5).
"Erika Krauß wollte (und musste vielleicht auch) weitermachen, bis ihr die Kamera aus der Hand fiel", schrieb Henning Voscherau (Hamburger Bürgermeister 1988-1997) in seinem Nachruf. "Kein Außenstehender wird ermessen können, wie viel Kraft es sie gekostet hat, mit 80 Jahren und schließlich sogar mit über 90 Jahren einfach weiterzuarbeiten. So blieb sie und fotografierte, wie die anderen kamen und gingen (2).
"Selten hat eine Journalistin auf so hohem Niveau und über eine so lange Zeit eine Stadt und ihre Politik begleitet und abgebildet und sich dabei eine so hohe menschliche Anerkennung erworben, resümierte die DJV-Vorsitzende Marina Friedt: Rund fünf Jahrzehnte war Krauss Mitglied im Deutschen Journalistenverband. Aus Anlass der 100. Wiederkehr ihres Geburtstages organisierte Marina Friedt, in Zusammenarbeit mit der Familie und der Geschichtswerkstatt St. Georg, am 6. Februar 2017: "Erika Krauß - eine Werkschau der besonderen ART", im Vor-Ort-Büro am Hansaplatz, Zimmerpforte 8, 20099 Hamburg (die Finissage war am 11. März 2017). Diese letzte Ehre für eine Ausnahme-Persönlichkeit wurde ihr erwiesen in unmittelbarer Nähe zu ihrer einstigen Privatwohnung. Mit dabei waren langjährige Weggefährten wie Jürgen Heuer (1968-2018, langjähriger Vorsitzender der Hamburger Landespressekonferenz), Altbürgermeister Hans-Ulrich Klose und seine Gattin. Eine der Festreden hielt Dr. Sabine Sommerkamp-Homann. Wir geben sie im Wortlaut wieder:"Gedanken und Erinnerungen an unsere geliebte Erika.
In der Jugend ist man glücklich,
weil man die Fähigkeit hat,
das Schöne zu sehen.
Wer diese Fähigkeit bewahrt,
wird niemals alt.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Familie Krauß, meinem Glückwunsch an Erika Krauß zu ihrem 90. Geburtstag stellte ich dieses Zitat von Franz Kafka voran. - Erika hat sich diese Fähigkeit bis ins hohe Alter bewahrt, sie ist im Geiste immer jung geblieben, wie ich im Laufe unserer fast vier Jahrzehnte währenden Freundschaft immer wieder bewundernd feststellen konnte.
Was uns verband, war zunächst ein literarisches Interesse. Erika interessierte sich u. a. für meine Haiku-Dichtung, besuchte Lesungen und organisierte dann später selber Lesungen, z. B. mit dem Stormarner Schriftstellerkreis im " Rosengarten", wo ich aus meinem Haiku-Märchen "Die Sonnensuche" las.
Fasziniert war Erika von dieser japanischen Form von Kürzest-Lyrik zum einen wegen ihres Japan-Interesses - sie selbst reiste nach Japan, um dort ihre Tochter Christin zu besuchen, die sich beruflich mehrere Jahre dort aufhielt -, zum anderen, weil das kurze Bild-Gedicht des Haiku einer gedanklichen Momentaufnahme gleicht, einem tiefgründigen Foto-Moment. - Die Fotografin Erika als literarische Freundin.
Erika war reich an Erfahrungen und Lebensweisheit, nicht zuletzt aufgrund ihres oft beschwerlichen, entbehrungsreichen Lebensweges. Als Freundin, die mir auch dadurch eine wertvolle Ratgeberin wurde, erlebte ich sie beruflich und familiär. Mitte der 80er Jahre hatte ich es in meiner damaligen Position als Stellvertretende Konzernsprecherin der Beiersdorf AG nicht immer leicht, mich als junge Frau in einer "Männer-Domäne" zu behaupten. Erika besuchte mich mehrmals in meinem Büro in der Unnastraße und ermutigte mich; es sei klar, dass ich als Frau mehr leisten müsse, um die Anerkennung der "Männer-Welt" zu erlangen, die gutes Aussehen nicht unbedingt mit Tüchtigkeit und Intelligenz gleichsetze. - Ihr Rat tat gut, wie später dann auch familiär.
Es ergab sich, dass Erika, die meinen Vater schätzte, gleichsam meinen Mann und meine Mutter verehrte, mich auch zu Hause besuchte; anfangs ab und zu, dann immer häufiger, gern Gast unserer Familienfeiern und Veranstaltungen war, denn, wie sie sagte, sie fühlte sich bei uns zu Hause. Hier könne sie sich ausruhen.
Das bedeutete aber nicht, dass sie ihre Kamera aus der Hand legte. Auf Veranstaltungen war sie nicht davon abzubringen, zu fotografieren, von Anfang bis Ende. Großzügig überließ sie mir ihre Fotos samt Negativen, Aufnahmen teils von bekannten Persönlichkeiten und Künstlern. Ihr Geschenk.
Und sie beschenkte uns überreichlich. Jedes Mal, wenn sie zu uns kam, die kleine, zarte Frau in Schwarz mit Hut, die lange Auffahrt zum Haus, bepackt und im Laufe der letzten Jahre immer etwas gebeugter, auch unter der Last der Kameras um ihren Hals. Sie ließ es sich nicht nehmen, trotz ‚Verbots', jedes Mal Blumen mitzubringen, zwei wunderschöne Rosen für meine Mutter, zwei für mich und immer eine kleine Pflanze für unseren Sohn Alexander, den sie seit seiner Geburt 1990 wie eine gute Fee und Ratgeberin begleitete. Kein Kindergeburtstag verging ohne sie, kein ‚Jugend forscht'-Wettbewerb, ohne dass auch sie den Stand von Alexander besuchte und fotografierte. Und die ihm bei einem ihrer letzten Besuche wie ein Geheimnis ein kommendes Weltproblem nahelegte: ‚Alexander, Du hast mit 13 Jahren das erste Brennstoffzellen betriebene Modellboot der Welt gebaut, Du hast auch das Zeug, das große Problem, das die Zukunft bringt - Wasserknappheit - zu lösen. Du musst eine Tablette erfinden, die Wasser erzeugt. Geh` in die Forschung.'
Erika wirkte inspirierend auch auf die Jugend in unserem Hause. Junge Menschen versammelten sich bei Geburtstagen um den Sessel, auf dem sie gerne saß, gegenüber vom Kamin, und hörten ihr zu. Sie spürten, dass diese ungewöhnliche Frau Wesentliches zu sagen hatte. - Ratgeberin.
Erika kam bis auf die letzte Zeit mit ihrem Golf zu uns, den sie aber immer vor dem Eingangstor parkte. Wenn ich sie hinaus begleitete, sah ich jedes Mal, wie beladen ihr Wagen war, vollgepackt, und es berührte mich, einmal zu sehen, dass obenauf, auf der Rückbank, die Bibel lag. -‚ In Glaubensfragen war sie nicht sehr gesprächig, wir diskutierten über das eine oder andere Thema, wortlos schenkte sie mir einen Schutzengel. Wir stellten fest, dass wir beide täglich in den Losungen der Herrnhuter Brüdergemeinde lasen. Erika war tief religiös, sie sprach nicht, sie handelte danach. - Vielleicht schöpfte sie aus ihrem Glauben einen Teil der enormen Kraft, der Unbeirrbarkeit und ihres Willens, der ihr eigen war.
Vieles mehr ließe sich aus persönlichen Erinnerungen über Erika sagen, von ihrem lebhaften Interesse an den Themen der Familie: Lettland, Reisen, meine Malerei und Musik, besonders für gemeinsame Studioaufnahmen mit Alexander, seinem Klavierspiel; auch von Gesprächen und Besuchen bei ihrer Tochter Christin und Enkelin Lila-Zoe, für die sie beeindruckend sorgte. Als Lila ihr Abitur bestanden hatte, war ein wichtiges Lebenskapitel erfüllt, Erika schloss in Frieden für immer ihre klugen, wachen Augen.
Erika - literarische Freundin, Ratgeberin, Freundin der Familie, große Künstlerin, einzigartiger Mensch. - Das Bild von ihrem 90. Geburtstag, als eine Schar von Fotografen-Kollegen sie auf einem Stuhl thronend wie eine Königin durch den Rathaus-Saal trug, wo Bürgermeister von Beust einen Empfang für sie gab, kennzeichnet ihre Größe und ihre Beliebtheit. - Oder auch das Bild des Dalai Lama, der, 2007, eingeladen ins Hamburger Rathaus, unprotokollarisch ausscherte, als er Erika erblickte, und sich zum Gruß vor ihr verneigte. Der weise Mann hatte ihre große Persönlichkeit intuitiv gespürt.
Erika, wenn Du uns im Himmel hören kannst: Sei herzlich gegrüßt und umarmt zu Deinem 100. Geburtstag!
Deine Sabine und Familie" (7).
Erika Krauß hatte sechs Enkelkinder. (de.wikipedia.org/wiki/Erika_Krauß).
Ausstellungen (Auszug):
Arbeiten von ihr wurden ausgestellt im Bauzentrum Hamburg 1970, in der Galerie Latin1976 ("aktu-ell/fish-eye-ell"), im Studio Wandsbek 1982, im Kunsthaus Hamburg und auf der ART Hamburg 1991 ("Hamburger Fotografinnen"); 1996: Eine Ausstellung in der Messe Du und Deine Welt für die dienstälteste Fotografin Hamburgs, ausgerichtet von einer Reihe von Fotografen; "Erika Krauß - eine Werkschau der besonderen ART", im Vor-Ort-Büro am Hansaplatz, Zimmerpforte 8, 20099 Hamburg (die Finissage war am 11. März 2017).

Auszeichnungen:
1990 erhielt sie die "Goldene Filmrolle" der Internationalen Kunstmesse ART Hamburg.
1999 Alexander-Zinn-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg
2004 Goldene Ehrennadel des Deutschen Journalisten-Verbandes DJV

2016 Benennung einer Straße im Neubau-Gebiet Altona Nord als " Erika-Krauß-Twiete"
Text: Dr. Cornelia Göksu
Anmerkungen und zitierte Quellen:
(1) Hamburger Morgenpost v. 27. Juni 2013, S.1: Grande Dame der Fotografie ist tot.
(2) Matthias Gretzschel in: Hamburger Abendblatt v. 27.6.2013, Seite 16
(3) Hamburger Morgenpost v. 27. Juni 2013, S.24-25
(4) Margit Tabel-Gerster: Hamburger Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Alltag. Photographien von Margit Tabel-Gerster. Gedanken der Portraitierten zur Stadt. Biographische Notizen. Hamburg 1994, S. 263, eigener Text von Erika Krauß auf S. 202, Fotoporträt auf S. 203.
(5) Marina Friedt: Erika Krauß - die Fotografin der Herzen. In: DJV NORDSPITZE. Das Magazin der Norddeutschen Landesverbände. 2. Jg., April 2017, S.6
(6) Dienstälteste Bildjournalistin. Pressefotografin Erika Krauß ist tot. In: Der Spiegel v. 26.6.2013, online unter spiegel.de/kultur/gesellschaft/hamburger-pressefotografin-erika-krauss-mit-96-gestorben-a-908055.html
(7) Text von Dr. Sabine Sommerkamp-Homann mit freundlicher Abdruck-Erlaubnis für diese Biografie in E-Mail vom 29. Mai 2017 an die Autorin CG.
Weitere Quelle:
- Sonderteil in der Hamburger Morgenpost v. 4.2.2017 von Olaf Wunder: Grande Dame der MOPO. Erika Krauss wäre heute 100 Jahre alt geworden. Online unter mopo.de/hamburg/grande-dame-der-mopo-erika-krauss-waere-heute-100-jahre-alt-geworden-25676834

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Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Els Oksaar, geb. Järv
1.10.1926 Pärnu/heute Estland, ehemals Pernau/Livland - 9.12. 2015 Hamburg
Estnisch-schwedisch-deutsche Linguistin; Professorin für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft
Grablage: Af 75
Els Oksaars sprachwissenschaftliche (linguistische) Forschung war stark vom eigenen Lebensweg geprägt. Als Kind estnischer Eltern wuchs sie in Schweden auf, begann aber ihre wissenschaftliche Karriere in Deutschland. An der Universität Stockholm studierte sie Germanistik, Anglistik und Slavistik; an der Universität Bonn ergänzte sie ihre wissenschaftliche Ausbildung durch die Fächer Allgemeine Sprachwissenschaft, Phonetik und Kommunikationswissenschaft. 1953 promovierte sie in Bonn, ihre Habilitation erfolgte 1958 in
Stockholm. Dort war sie auch zunächst als Privatdozentin und außerordentliche Professorin für Deutsche Sprache und Literatur sowie als Leiterin der Abteilung für Sprachsoziologie und Politische Linguistik tätig, bevor sie 1967 nach Hamburg kam.
An der Universität Hamburg wurde sie Professorin für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft. Sie begründete und leitete die Forschungsstelle für Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit und wurde deren erste Direktorin. Später gründete und leitete sie das "Zentrum für Interkulturelle Kommunikation". "1992 entschied der Hamburger Senat, den Lehrstuhl von Els Oksaar nach ihrer Emeritierung nicht mehr neu zu besetzen, um die Mittel der Technischen Universität Hamburg-Harburg zukommen zu lassen" (zit. Wiki-Artikel Els Oksaar).
Els Oksaar war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Institutionen des In- und Auslandes. Die Universitäten Helsinki (1986), Linköping (1987) und Tartu/Estland (1996) haben ihr Ehrendoktorwürden verliehen.
Els Oksaar kam schon früh mit vielen Sprachen und Kulturen in Kontakt. Wissenschaftlich steht sie in der linguistischen Tradition von Roman Ossipowitsch Jakobson. Dieser russische Philologe, Linguist und Semiotiker beschäftigte sich besonders mit der Sprache von Kindern und in ihrer verbalen Ausdrucksweise eingeschränkten Menschen, den sogenannten Aphasikern.
Prof. Dr. Els Oksaar kennzeichnete ihre Arbeit als Pädolinguistik, die Untersuchung des Spracherwerbs bei Kindern, und zwar dort vor allem der kindlichen Mehrsprachigkeit. Ihr Hauptwerk stützt sich im Wesentlichen auf die Beobachtung der Sprachentwicklung ihres eigenen Sohnes (dort kommt er als ein "Hamburger Kind im Alter von drei Jahren" vor), den sie mit gleichzeitig fünf Muttersprachen (Estnisch, Schwedisch, Deutsch, Englisch und Französisch) großzog. Ihr Sohn ist heute Anwalt in Hamburg.
Außerdem etablierte Oksaar die "Kulturem"-Theorie, die besagt, dass ähnlich wie verschiedene Sprachen den gleichen Gedanken auf verschiedene Weise ausdrücken, auch verschiedene Kulturen gleiche Kommunikationsformen auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringen, und zwar als Kultureme (dieser Begriff wurde 1976 geprägt durch den spanischen Linguisten Fernando Poyatos. Gemeint sind z. B. die je nach Kultur unterschiedlichen Begrüßungsformen wie Händeschütteln oder Verbeugung).
Veröffentlichte Schriften von Els Oksaar sind beispielsweise:
- Els Oksaar: Spracherwerb - Sprachkontakt - Sprachkonflikt. Berlin 1984
- Els Oksaar: Kulturemtheorie. Ein Beitrag zur Sprachverwendungsforschung. Göttingen 1988. (= Berichte aus den Sitzungen der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften e. V. Hamburg 6,3 (1988).
- Els Oksaar: Zweitspracherwerb. Wege zur Mehrsprachigkeit und zur interkulturellen Verständigung. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003.
In ihrer Rezension würdigte die Kölner Professorin Cristina Allemann-Ghionda die Bedeutung dieses Grundlagenwerks: "Das vorliegende Buch präsentiert sich als Einführung in eine Thematik, die in Zeiten der Migration, der Mobilität und der europäischen Integration in den Bildungsinstitutionen möglicherweise mehr Aufmerksamkeit findet als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Laut der Autorin, einer international profilierten und vielfach ausgezeichneten Forscherin über Mehrsprachigkeit, Sprachkontakt, interkulturelle Kommunikation sowie Fragen der Psycho-, Sozio- und Pädolinguistik, ist das aktuelle und vielschichtige Thema Zweitspracherwerb bisher ‚noch keineswegs allseitig thematisiert worden' (S. 5). Um die vielfältigen Aspekte und Hintergründe annähernd adäquat darstellen zu können, sei es erforderlich, psychologische, soziokulturelle und gesellschaftliche Faktoren zu berücksichtigen. In der Tat ist das Phänomen der Mehrsprachigkeit in der heutigen Zeit mitnichten marginal, sondern es wird davon ausgegangen, dass rund 70% der Menschen zwei- oder mehrsprachig sind. Über Zweitspracherwerb und Zweisprachigkeit, insbesondere über frühkindliche Zweisprachigkeit, wird seit den 1950er-Jahren im heutigen Sinne wissenschaftlich geforscht; vorher gab es vor allem Tiraden gegen die für Charakter und Intelligenz angeblich verheerenden Auswirkungen der Zweisprachigkeit. (...) Vielleicht ist dies mit ein Grund, weshalb mehrsprachige Kinder in ihrer schulischen Laufbahn oft missverstanden, vernachlässigt und selten angemessen gefördert werden. Vorurteile beherrschen die kollektiven Repräsentationen der Zweisprachigkeit. Eine systematische Einführung, die nicht nur für SpezialistInnen im engen Sinne gedacht ist und auch für die Lehre und die Lehrerbildung fruchtbar gemacht werden kann, hat im deutschsprachigen (nicht aber im angelsächsischen) Raum gefehlt, und in dieser Situation ist das Buch von Els Oksaar als ein willkommenes Ereignis zu begrüßen" (Zitat aus: Zeitschrift für Pädagogik 50 (2004), S. 437-439; online unter www.pedocs.de/volltexte/2011/4898/pdf/ZfPaed_2004_3_AllemannGhionda_Rezension_ Oksaar_Zweitspracherwerb_Wege_zur_Mehrsprachigkeit_D_A.pdf; abgerufen am 16. Januar 2016)
Diese Kurzbiografie stellte Dr. Cornelia Göksu zusammen.
Valesca Röver
6.2.1849 Hamburg - 31.3.1931 Hamburg
Malerin, Leiterin einer Malschule für Damen
Grablage: Grab F 1325, Urne versandt nach Kappeln an der Schlei
Gegenüber der Kunsthalle stand an der Ecke Glockengießerwall/Ferdinandstraße das Haus mit der Hausnummer 23, in dem 1891 Valesca Röver im zweiten Stockwerk ihre Malschule für Damen eröffnete. "Wir alle lächelten über Valescas Dilettantismus und schwärmten für die jungen Eitner und Illies, (...) deren farbige helle Bilder mich entzückten" (Gretchen Wohlwill: Lebenserinnerungen einer Hamburger Malerin. Bearb. Von Hans-Dieter Loose. Hamburg 1984. Ihr Grabstein steht im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof), schrieb die Malerin Gretchen Wohlwill. Auch wenn die bei Franz
Skarbina in Berlin und an der Akademie Julian in Paris ausgebildete Malerin und Kunstgewerblerin, die vor allem Fruchtstillleben und Blumenstücke malte, selbst vielleicht keine große Künstlerin war, so erwarb sie sich doch dadurch große Verdienste, dass sie 1891, als die Hamburger Gewerbeschule und die Akademie noch keine Frauen aufnahmen, eine private Malschule für Damen gründete und avantgardistische Maler wie Ernst Eitner und Arthur Illies als Lehrer an ihre Schule holte. Illies führte den Bereich des Kunstgewerbes und verschiedene Drucktechniken in den Unterricht ein und gab Korrektur beim bildhauerischen Modellieren. Vor allem aber lernten die jungen Frauen Kopf-, Akt-, Stillleben- und Wandmalerei. Um nach der Natur zu malen wechselte die Schule im September alljährlich für drei Wochen aufs Land. Unterstützung erfuhr Valesca Röver auch durch den Direktor der Kunsthalle Alfred Lichtwark, der das Unterrichtsprogramm betreute. 1904 übergab Valesca Röver die Malschule der Landschafts-, Portrait- und Stilllebenmalerin und Kunstgewerblerin Gerda Koppel und widmete sich der Tätigkeit für den Hamburger Heimatschutz-Verein.
Text: Brita Reimers
Waldfriedhof Wohldorf/Ohlstedt

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Heidi Oetinger
19.11.1908 Dalkendorf - 5.10.2009 Hamburg
Verlegerin, Mitbegründerin des Verlages Friedrich Oettinger
Grablage: Vom Eingang aus gesehen am rechten Hauptweg. Im rötlichen hohen Granitstein befindet sich das Verlagssignet, zwei Kinder auf dem Rücken eines Vogels, in Gold eingraviert.
Ohne ihr Engament hätte das Buch "Pippi Langstrumpf" in Deutschland nicht solch großen Erfolg gehabt. Gemeinsam mit Friedrich Oettinger baute sie den Hamburger Verlag auf und entwickelte ihn zu einem bedeutenden Kinder- und Jugendbuchverlag.
Aufgewachsen in Hamburg war sie zuerst Anwaltsgehilfin in einer Seerechtskanzlei.
1948 wechselte sie als Sekretärin in den Verlag Friedrich Oetinger. 1952 heiratete sie in zweiter Ehe den Verleger Friedrich Oetinger. Ihr erster Mann war im Zweiten Weltkrieg als Soldat getötet worden.
Nachdem sich Friedrich Oetingerer in den 60-er Jahren aus dem Verlagsgeschäft zurückgezogen hatte, übernahm sie die Verlagsleitung bis Mitte der 1980-er Jahre.
Heidi Oeti8nger erhielt vom Hamburger Senat die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille verliehen und wurde 1988 vom schwedischen König zum Ritter erster Klasse des Königlich Schwedischen Nordsternordens ernannt. Außerdem erhielt sie 2009 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.
Text: Rita Bake
Rahlstedter Friedhof
Wiltrud Rehlen
6. Juli 1930 in Regensburg - 8. Mai 1984 in Hamburg
Diplomvolkswirtin, Politikerin
Grablage: War auf dem Rahlstedter Freidhof bestattet. Grabstelle wurde aufgegeben
Wiltrud Rehlen gehörte zu den wenigen Frauen, die Anfang der 50er-Jahre - unter anderem in Harvard - studierten. Als promovierte Diplomvolkswirtin war sie von 1958 bis 1960 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands in Bonn, nach weiteren Stationen beim Bundesministerium der Finanzen und bei der Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften wurde sie Referentin im Amt für Wirtschaftspolitik der Behörde für Wirtschaft und Verkehr in Hamburg.
1963 trat Wiltrud Rehlen in die SPD ein und kandidierte 1965 auf der Landesliste Hamburg der SPD erfolglos für den Deutschen Bundestag. 1972 wurde sie Vorsitzende der Hamburger Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF).
Wiltrud Rehlen, fleißig, intelligent, gut ausgebildet und ehrgeizig, hatte es in der SPD schwer. Sie war eine Frau, die eher leise Töne anschlug und die es vermied, die "Waffen der Frauen" einzusetzen. Die AsF-Frauen stützten sie, aber sie war ohne Hausmacht in der Partei und "blockiert von Leuten mit Ellenbogen". [1] Das ging so weit, dass in ihrer Anwesenheit ein Landesvorstandsmitglied erklärte, er wolle ja gern eine Frau unterstützten, aber dies sei ja wohl nicht die ideale Bewerberin. [2]
Wiltrud Rehlen erhielt einen Nachrückerplatz auf der Kandidatenliste und als Werner Staak Senator wurde, rückte sie von 1974 bis 1976 in den Bundestag nach. Sie engagierte sich weiter für Frauen, wurde (bis 1980) Vorsitzende des Hamburger Frauenrats - des überparteilichen Zusammenschlusses der Hamburger Frauenverbände und war Mitglied des Verwaltungsrats des NDR.
Die Debatte über die Gleichstellung von Frauen hatte 1978 ihren Höhepunkt erreicht und Wiltrud Rehlen machte keinen Hehl daraus, dass ihr sehnlichster Wunsch war, die Leitung der neugegründeten Leitstelle zur Gleichstellung der Frau zu übernehmen. Allerdings wurde ihr die dynamischere Sozialdemokratin und Feministin Eva Rühmkorf vorgezogen und Wiltrud Rehlen erhielt als Kompensation die Leitung der Landeszentrale für politische Bildung. Damit war sie die erste Frau in der Leitung einer Landeszentrale. Von ihren Kollegen, den Leitern der Landeszentralen aus anderen Bundesländern, wurde sie bei den Konferenzen nicht sonderlich freundlich behandelt. "Ich bin denen nicht schön genug," vertraute sie bedrückt ihren Mitarbeiterinnen an. Dass die politische Bildung alles andere als frauenfreundlich war, kam erst Jahre später auf die Tagesordnung. [3]
Wiltrud Rehlen heiratete erst spät, ihren langjährigen Freund und ehemaligen Vorgesetzten im Amt für Wirtschaftspolitik. Es war ihr nicht vergönnt, dieses späte Glück lange zu genießen, sie starb mit 54 Jahren an Krebs.
Text: Helga Kutz-Bauer
1 Die Zeit 13.8.1976: Tragen Sie BH?
2 ebenda
3 Kutz-Bauer, Helga, Was heißt frauenspezifisches Lernen und Handeln? Politische Bildung als Männerdiskurs und Männerdomäne. Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung das Parlament. B 25-26/1992. S. 19-31