Als „Löwin“ ist die „Eiserne Lady des Buchhandels“ in die Annalen des norddeutschen Buchhandels eingegangen. „Bücher waren ihr Leben“ und „Sie war eine Hamburger Institution und eine ziemlich unbequeme dazu“, stand in einem Nachruf der Tageszeitung Die Welt vom 29.2.2000.[1] Verbunden ist der Name Anneliese Tuchel mit der „Agentur des Rauhen Hauses“, später umbenannt in „Buchhandlung am Jungfernstieg Anneliese Tuchel“, nach ihrem Tod fortgeführt bis 2003 als Buchhandlung Tuchel & Kerckhoff in den Alsterarkaden 21. Zusammen mit der Bücherstube Felix Jud, Colonnaden 104, und der früheren Buchhandlung Conrad Kloss, Dammtorstraße 13, steht die Buchhandlung der Agentur des Rauhen Hauses unter der Leitung ihres Vaters Johannes Paul Meyer (?-1950) sowie ihres älteren Bruders Reinhold Meyer (18.07.1920 Hamburg – 12.11.1944 Hamburg) als Symbol entschlossener Gegnerschaft zum NS-Regime.
Johannes Paul Meyer, Humanist und Pietist und aus einer bäuerlichen Familie stammend, war 1904 aus Basel nach Hamburg gekommen [2] und übernahm die Leitung der Buchhandlung „Agentur des Rauhen Hauses“. Er erweiterte das Sortiment und formte die einstige Vertriebsstelle der Publikationen des „Rauhen Hauses“ erfolgreich um zur größten evangelischen Buchhandlung Norddeutschlands. Zwischen 1928 und 1998 befand sich die Buchhandlung am Jungfernstieg 50.
Einen Schlüssel zur Haltung (des mutigen und konsequenten Widerstands sowohl gesellschaftlich als auch politisch) der Buchhändler-Familie Meyer/Tuchel mag in ihrer weltanschaulichen Prägung zu finden sein. Anneliese Tuchels Vater war Mitglied der Freien Evangelisch-Lutherischen Bekenntnis-Gemeinde St. Anschar. Antrieb des Zusammenschlusses von Christen zu Freikirchen war die Erweckungsbewegung vor dem Hintergrund des Pietismus: „Erweckungsbewegungen gehen davon aus, dass lebendiges Christentum mit der Antwort des Menschen auf den Ruf des Evangeliums zu Umkehr und geistiger Erneuerung beginnt“.[3]
Auch Anneliese Tuchels Mutter, Luise Meyer, geb. Barklage, war freikirchlich geprägt: Sie war Tochter eines Methodistenpredigers und Mitglied der Methodistenkirche. Diese Freikirche legt das Hauptgewicht ihrer Theologie nicht auf Meinungen, Lehren und Dogmen, sondern auf Gesinnung und Lebensführung.
Reinhold Meyer absolvierte nach dem Abitur ab April 1940 eine Lehre in der väterlichen Buchhandlung, die er Ende März 1942 abschloss. Zum Wintersemester 1942/43 begann er an der Universität Hamburg ein Germanistikstudium. Zugleich trat er als Juniorchef in das Geschäft seines Vaters ein.
In der „Agentur des Rauhen Hauses“ wurde auch moderne Kunst ausgestellt; der Kunsthandel machte einen Großteil des Umsatzes aus. Reinhold Meyer verstärkte diesen Geschäftsbereich. Ab 1939 stellte sein Vater sogenannte entartete Kunst aus. „Die Buchhandlung ‚Agentur des Rauhen Hauses‘ war zu einem Refugium geworden für potenzielle und engagierte Gegner der NS-Diktatur.“[4]
Walter Meyer, der Bruder von Anneliese und Reinhold Meyer, galt nach der Schlacht um Stalingrad Anfang 1943 als vermisst. Unter dem Eindruck von familiärem Verlust, angesichts der Kriegswende 1942/43 und der Bombenangriffe auf Hamburg 1943 waren die Reihen enger Freunde um Reinhold Meyer zunehmend zum Widerstand bereit. In diesem Zusammenhang spielte der Franzose Maurice Sachs eine verhängnisvolle Rolle. Er hatte sich im November 1942 von Paris aus für einen freiwilligen Einsatz als „Fremdarbeiter“ nach Hamburg verpflichtet – eventuell war er ein bereits angeworbener Gestapo-Spitzel. Er soll eine der Schlüsselfiguren an Verrat und Verhaftung der Mitglieder der „Weißen Rose Hamburg“ gewesen sein: Im Keller des Kunsthändlers Friedrich Huelsmann in den Hohen Bleichen mietete er einen Raum; dorthin lud er zu Diskussionsveranstaltungen über weltanschauliche Fragen ein. Dem Franzosen gelang es, engeren Kontakt zur Gruppe um Reinhold Meyer zu knüpfen. Im August 1943 nahm er an deren Diskussionen in der Buchhandlung „Agentur des Rauhen Hauses“ am Jungfernstieg teil.[5]
Das weitere Schicksal berührt eine Gedenktafel an der Hauswand mit der Aufschrift: Treff des Hamburger Zweiges der „Weißen Rose“: In der Buchhandlung dieses Hauses trafen sich während des Zweiten Weltkrieges Gegner des NS-Regimes bei dem Junior-Chef und Studenten Reinhold Meyer. Als Widerstandskreis verbreiteten sie u. a. die Flugblätter der „Weißen Rose“ aus München. Ende 1943 verhaftete die Gestapo etwa 30 Angehörige der Gruppe. Durch unmenschliche Haftbedingungen oder Hinrichtung fanden den Tod: Frederik Geussenhainer, Elisabeth Lange, Dr. Kurt Ledien, Hans Leipelt, Dr. Katharina Leipelt, Reinhold Meyer, Margarethe Mrosek und Margaretha Rothe.
Reinhold Meyer wurde am 19. Dezember 1943 verhaftet. Im Juni 1944 wurde er ins KZ Neuengamme verbracht. Erst 24 Jahre alt, erlag er im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel angeblich den Folgen einer Diphtherie-Erkrankung. Vermutlich starb er jedoch infolge brutaler Verhörmethoden.
1944 erwarb Johannes P. Meyer „seine“ Buchhandlung. „Aber der Verlust seiner beiden Söhne brach ihm die Kraft. Nur noch wenig Jahre blieben ihm, um das jüngste und nunmehr einzige seiner drei Kinder – seine Tochter Anneliese – in die Geschäfte der ‚Agentur‘ einzuarbeiten“.[6]
Nach dem Tod ihres Vaters übernahm Anneliese Tuchel 1950 den Betrieb. Gleichzeitig hielt sie die Erinnerung an ihren Bruder und das Unrechtsgeschehen der Nazizeit wach. Sie veranstaltete weiterhin Kunstausstellungen.
Anneliese Meyer war später verheiratet mit dem evangelischen Theologen Klaus Tuchel (1927-1971), der wegen seiner Homosexualität 1958 aus der Evangelischen Kirche entlassen wurde. Klaus Tuchel verließ Hamburg, arbeitete als Lektor bei einem Verlag und später als Professor für Philosophie in London. Mit 44 Jahren beging er Suizid, dessen Motive offiziell nie geklärt worden sind.[7]
„Unmittelbar betroffen vom Schicksal dieses Mannes war vor allem auch seine Ehefrau (...). Das Wegsehen in der Öffentlichkeit von kirchlichen Bekannten, ja das Ausradieren aus dem kirchlichen Gedächtnis ist Anneliese Tuchel als schlimmste Verletzung in Erinnerung geblieben“.[8]
Bis zuletzt hatten ihre Freunde, darunter der Kreis der Hamburger Buchhändler, Anneliese Tuchel finanziell unterstützt, weil sie, die polarisierte und für ihren unbeugsamen Willen berühmt und berüchtigt war, zwar „ihre Durchsetzungskraft für ihre Profession eingesetzt hatte, weniger aber für sich selbst“.[9] Mitte 1998 hatte sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen.
„Sie war auch verletzbar“, sagte der damalige Hauptpastor Helge Adolphsen auf ihrer Trauerfeier im Hamburger Michel am 10. März 2000. Und er fuhr fort: „Es war sehr viel Angst in ihr gewesen, das Geschehene ist nie zu Vergangenheit geworden“.
In dem würdigenden Nachruf der Tageszeitung Die Welt hieß es weiter: „Eine Tragik, die vielleicht auch ihr privates Leben überschattet hatte: Ihr Mann, ein Theologe, trennte sich von ihr, mit ihrem Sohn hatte sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr. Die Bücher waren ohnehin ihr Leben (...). Neben der Theologie aber lagen ihr Schriftsteller am Herzen, deren Werk religiös geprägt war. So war sie es, die Albrecht Goes[10] nachdrücklich gefördert hatte. Auch Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki gehörten zu ihren Freunden. Streitbare im Geist und mit der Feder. Das hatte Anneliese Tuchel gefallen“.[11]
Im Alter von 73 Jahren starb sie nach langer Krankheit in einem Hamburger Pflegeheim.
Seit 2017 gibt es in Hamburg-Farmsen einen Anneliese-Tuchel-Weg.
Text: Dr. Cornelia Göksu
Quellen:
[1] Nellissen, Monika: Trauer um die Eiserne Lady des Buchhandels. Anneliese Tuchel starb im Alter von 73 Jahren – Die Bücher waren ihr Leben – Streitbar, aber auch verletzlich. In: DIE WELT v. 29.2.2000; online unter welt.de/print-welt/article504807/Trauer-um-die-Eiserne-Lady-des-Buchhandels
[2] Müller, Thorsten: Die Weiße Rose von Hamburg. Aus der 125-jährigen Geschichte der Buchhandlung am Jungfernstieg. In: DIE ZEIT Nr. 37/12.9.1969; online unter zeit.de/1969/37/die-weisse-rose-von-hamburg
[3] Zitat aus: de.wikipedia.org/wiki/Erweckungsbewegung
[4] Müller, Thorsten: Die Weiße Rose von Hamburg, a. a. O.
[5] vgl. hierzu ausführlich den Passus „Als Gestapo-Spitzel in Hamburg“ unter „Maurice Sachs, 1906 Paris – 1945 Deutschland“, auf de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Sachs).
[6] Müller, Thorsten: Die Weiße Rose von Hamburg, a. a. O.
[7] Rosenkranz, Bernhard und Lorenz, Gottfried, Kapitel: „Klaus Tuchel: Kirche und Homosexualität, in Rita Bake: Verschiedene Welten II. 109 historische und aktuelle Stationen in Hamburgs Neustadt, Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2010, S. 226-227.
[8] Rosenkranz, Bernhard und Lorenz, Gottfried: Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. 2. Auflage, Hamburg 2006, Kapitel „Kirche und Homosexualität: Der Fall Tuchel, S. 74-75.
[9] Nellissen, Monika, a. a. O.
[10] Albrecht Goes, protestantischer Theologe, Schriftsteller; engagierte sich u.a. zusammen mit Gustav Heinemann nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Wiederaufrüstung; regelmäßiger Sprecher der ARD-Sendung „Das Wort zum Sonntag“, vgl. hierzu de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_Goes
[11] Nellissen, Monika, a. a. O.