Waltraud Glombig
geb. Kemmelmeier
94 Jahre, Stenotypistin
–
23.3.2026
Dr. theol. Evelin Albrecht
Auszug aus der Ansprache im Abschiedsgottesdienst von Waltraud Glombig am 13.April 2026 Ohlsdorf
Der Friede des Herrn sei mit uns Allen! Amen
Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von
Waltraud Glombig, unserer Freundin, Verwandten und Bekannten.
Wir haben sie jetzt alle vor Augen: Ein Bild aus dem letzten Sommer. Das Lächeln, mit dem sie bis fast zuletzt ihr Gegenüber beschenkte, auch wenn sie nicht mehr viel sprach, – das hinreißende Lächeln war Sprache genug und erfreute immer wieder. Und dazu die großen, ausdrucksvollen Augen, die einen freundlich, fröhlich anblickten. Verschmitzt! Und das war nicht erst im Alter so. Das war typisch für sie ihr Leben lang. „Das Fräulein mit den lachenden Augen“ hat einmal die Mutter eines ihrer Nachhilfeschüler gesagt, dem sie als 18-Jährige, als sie selbst noch zur Handelsschule ging, schon Unterricht gab: „Da kommt das Fräulein mit den lachenden Augen!“ Diesen Satz hat Waltraud selbst oft gerne wiederholt. Sie fühlte sich darin verstanden. Und sie war humorvoll und konnte schon mit ihrem Gesichtsausdruck, aber auch mit dem Erzählen von Anekdoten aus ihrem Leben andere zum Lachen bringen. In allem erwies sie sich als eine intelligente, lebenskluge Frau, die zwar kriegsbedingt eine unregelmäßige Schulzeit hatte, die aber Zeit ihres Lebens immer wissbegierig, vielseitig interessiert und aufgeschlossen war für alles Neue, für Kunst (besonders Frida Kahlo hatte es ihr angetan) und Geschichte, fremde Kulturen und Umwelt, gesellschaftliche und soziale Probleme und vieles andere, was sie mit wachem Verstand aufnahm und verarbeitete. Vor allem war sie politisch engagiert und vertrat ihren Standpunkt klar und selbstbewusst – war aber auch tolerant im Gespräch mit anderen.
Mit 19 Jahren heiratete sie. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter. Ihren Mann hatte sie bei der gemeinsamen Arbeit im Reichsbund kennengelernt. Eugen Glombig war ähnlich wie sie sehr ehrgeizig und strebte eine Karriere als Politiker an. So wurde er mit der Zeit Mitglied der Bürgerschaft in Hamburg und dann in mehreren Wahlperioden Mitglied des Bundestages in Bonn. Da er selbst durch Kinderlähmung als Kleinkind behindert war, setzte er sich besonders für Behinderte, soziale Fragen und alle damit zusammenhängenden Probleme ein. Allerdings konnte er seine Konzentration auf seine politische Karriere nur wahrnehmen, weil er in Waltraud eine Frau an der Seite hatte, die ihm die praktischen und organisatorischen Dinge des Alltags, das Pendeln zwischen den Wohnungen in Bonn und Hamburg, die Vorbereitung und Begleitung bei den Reisen zu Kongressen und internationalen Begegnungen abnahm. Das hatte für Waltraud zwei Seiten: Einerseits kam sie dadurch viel in der Welt herum, war in Japan und China, in den USA und in Kanada, in Skandinavien und anderen europäischen Ländern – andererseits hatte sie viel Arbeit und kostete es sie große Kraft, die Vorbereitungen und Organisation zu bewältigen und dann jeweils vor Ort wenig von Land und Leuten mitzubekommen, weil sie bei den Konferenzen immer an der Seite ihres behinderten Mannes sitzen musste und der ein eng vorbereitetes Programm zu absolvieren hatte. So gibt es viele Bilder von ihren Reisen – die aber immer nur Waltraud (oft als einzige Frau) in großen Männerrunden zeigen; Bilder, die aber auch zeigen, dass sie aufmerksam und wach die Gespräche verfolgte. (Dieses Gefühl, in anderen Ländern gewesen zu sein und sie doch nicht gesehen zu haben, hat sie später nach der Trennung von ihrem Mann durch selbständige Reisen, oft Bildungsreisen, zusammen mit jeweils einer ihrer Freundinnen überwunden).
Die Gespräche und Begegnungen im politischen Bereich bedeuteten ihr viel. Hier fand sie auch viel Anerkennung. Bei den Empfängen im Hamburger Rathaus oder den Galadiners in Bonn war sie eine beliebte und angesehene Gesprächspartnerin. So begegnete sie bedeutenden Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Als kleine Anekdote erzählte sie gern, dass sie sogar dem Schah von Persien bei dessen Deutschlandbesuch vorgestellt wurde, obwohl sie kein Wort französisch sprechen konnte. Auch von ihren Begegnungen mit Willy Brandt und ihrem freundschaftlichen Verhältnis zu Helmut Schmidt war oft die Rede. 65 Jahre lang war sie Mitglied der SPD. Und sie war sehr stolz auf die Anerkennung, als sie zum 60-jährigen Jubiläum dafür mit einer Urkunde „Für 60 Jahre treue Mitarbeit bei der Verwirklichung unserer gesellschaftlichen Ziele“ und einer Ehrennadel ausgezeichnet wurde.
Waltraud Glombig war durch und durch eine Hamburgerin. Sie liebte diese Stadt. Sie war hier zu Hause. So ist es nur konsequent und für sie das Richtige, dass sie im „Garten der Frauen“ ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Der Markt in Ottensen, der Hamburger Fischmarkt, die Musikerstr. bei der Laeiszt-Halle, ein Künstler-Haus in St .Georg, die Alster – überall zog es sie immer wieder hin. Aber auch die Entwicklung der Hafen-City faszinierte sie und sie genoss es, verschiedentlich in die „Elphi“ zu gehen. Aber nichts ging für sie über das alte Hamburg und den Michel. Die Zerstörung der Stadt 1943 stand ihr immer wieder vor Augen. Und so war sie begeistert, als sie zum Begrünen der Stadt beitragen konnte, indem sie bei der Aktion „Mein Baum – meine Stadt“ im Jahre 2011 für einen Baum spendete. Dieser, eine Stiel-Eiche, wurde auf ihren Wunsch im Stadtteil Hamm gepflanzt, in dem Stadtteil, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Eine recht glückliche Kindheit zusammen mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Ludwig, der zu ihrem großen, lebenslangen Kummer im Alter von 18 Jahren starb. An ihn sowie an die kleine dreijährige Cousine, die 1943 im Feuersturm in Hamm ums Leben kam, erinnerte sie immer wieder, wenn wir „ihren“ Baum besuchten und seine Entwicklung sahen. Ein Zeichen ihrer Treue.
Und treu war sie – gegenüber der Familie, die heute durch ihre Nichte mit deren Sohn und Tochter vertreten ist. Treu war sie auch gegenüber ihren Freundinnen und deren Familien. Diese Freundinnen sind alle vor ihr heimgerufen worden. Wenn man 94, fast 95 Jahre alt wird, ist der Kreis, mit dem man Erinnerungen austauschen kann, doch recht klein geworden. Umso eindrucksvoller ist es, dass heute die erwachsenen Kinder ihrer früheren Freundinnen unter uns sind und ihre Mütter sozusagen vertreten. Ein Zeichen dafür, dass sie auch zu ihnen nicht umsonst von sich aus den Kontakt gehalten und ihre Lebenswege immer im Auge behalten hat. Sie war und blieb ihnen treu – wie sie auch dankbar war für alle Treue, die ihr entgegengebracht wurde von nah und fern! Und auch neue Freunde sind im letzten Jahr noch dazu gekommen, die ihr hilfreich zur Seite standen.
Die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg verband sie eben mit dem Jahr 1943 und ihrer Ausbombung in Hamm; aber auch mit den 2 Jahren (1940-1942), in denen sie durch die Kinderlandverschickung nach Bayern, in die traditionsreiche Stadt Bayreuth gekommen war – eine Stadt, die ihr durch ihre Kultur und Geschichte bis in die letzten Jahre viel bedeutet hat. Die nächste Zäsur im Krieg gab es durch die Evakuierung 1943-1945, die sie nach der Ausbombung zusammen mit ihrer Mutter nach Wulfersdorf/später: Berlinchen, im Brandenburgischen führte. Das waren wichtige Jahre für sie. Zu den dortigen Bekannten fuhr sie auch zu DDR-Zeiten trotz schwieriger Bedingungen und unterhielt zu den Familien dort auch nach der Wende freundschaftliche Beziehungen. Auch dies ein Zeichen ihrer Beständigkeit und Treue.
All solche Beziehungen – ob zu den Kindern einer Schulfreundin aus Wulfersdorf, die auch wieder zurück nach Hamburg kam, ob zu den Töchtern ihrer Hamburger Freundinnen oder ob zum ehemaligen Nachbarsjungen aus dem Mecklenburgischen Güster, wo die Familie einige Jahre ein Wochenendhaus hatte, – waren für sie wertvolle Erinnerungen bis zuletzt.
Daneben aber blieben auch Erinnerungen an schweres Erleben immer präsent. Vor allem ein traumatisierender schwerer Verkehrsunfall auf dem Schulweg 1946 bescherte ihr viele Operationen und Schmerzen. Und kam ihr lebenslang bei jedem neuen Schmerzherd als Ursache wieder hoch. Aber das änderte nichts daran, dass sie ein lebensfroher Mensch bis ins hohe Alter blieb.
So dürfen wir dankbar festhalten, dass Waltraud Glombig in allem Schweren und Schönen, das ihr Leben ausmachte, doch immer ein fröhlicher und lebensbejahender Mensch blieb. Sie verstand es, den Augenblick anzunehmen und den bleibenden Wert darin zu erkennen. Darum bleibt sie in der Erinnerung als ein freundlicher und liebenswerter Mensch – der mit seinem Lächeln bezaubern konnte!
Als Überschrift über die Anzeige hatte sie sich ausdrücklich gewünscht:
„Gott spricht: Fürchte nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“(Jesaja 43,1) Dieses Wort – zusammen mit dem Wort aus der Lesung „nichts, aber auch gar nichts, kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ – hat das vielfältige, reichhaltige Leben von Waltraud Glombig bestimmt. So möge sie nun heimgekommen sein und das bleibende Geborgensein in der Liebe Gottes erfahren.